Die Wiener Siedlerbewegung (Teil 2)

Die Wiener Siedlerbewegung

Alte und Neue Gartenstadt

Teil 2Waren die Wiener Außenbezirks-Siedlungen, die durch eine große Selbsthilfe-Bewegung in der Zwischenkriegszeit errichtet wurden, ein idealer „Ausgleich des Gegensatzes von Stadt und Land“? Und sind die heutigen Urban-Gardening-Initiativen der Anfang einer neuen Gartenstadt-Bewegung?

Was in Teil 1 berichtet wurde: Die Wiener Siedlerbewegung war eine große und in ihrem Erfolg einmalige Selbsthilfebewegung in der Zwischenkriegszeit. Sie entstand aus der Lebensmittelknappheit und Wohnungsnot, aber auch aus der politischen Aufbruchsstimmung zu Ende der Ersten Weltkriegs, begann mit der Aneignung von Land für Selbstversorgungs-Gärten, und führte zur Bildung von Genossenschaften, die 46 Siedlungen mit Einfamilienhäusern plus Gärten auf Baurechtsgründen der Gemeinde errichteten, wobei 15 bis 30% der Kosten durch die direkte Arbeitsleistung der Siedler und Siedlerinnen am Bau und in siedlungseigenen Werkstätten erbracht wurden.

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Rosenhügelsiedlung heute – der solidarische Genossenschaftsgedanke lebt hier zum Teil noch weiter   

„Die Arbeit an der Siedlung ist Arbeit am Sozialismus“, schrieb damals Adolf Müller, Obmann der Pioniersiedlung Rosenhügel. Er sah die Siedlung als gelungenen „Ausgleich des Gegensatzes von Stadt und Land“, als „Befreiung vom Jammer der Zinskaserne“, als „Gesundung der Menschen an Leib und Seele.“ Doch die eigenen Parteigenossen des „Roten Wien“ bevorzugten schließlich ein anderes Modell: Der vorstädtischen Genossenschaftssiedlung, die sie bis dahin unterstützt hatten, stellten sie ab 1924 die urbane Großwohneinheit gegenüber, den „Volkswohnpalast“, den „Superblock“. Der basisnähere Genossenschafts-Sozialismus wurde vom Kommunal-Sozialismus abgelöst.

Es war das Ende der Siedlerbewegung. „Ihr wurde der Atem durch die kommunale Umarmung genommen“, resümiert Klaus Novy, der 1980 gemeinsam mit Günter Uhlig die erste Ausstellung zur Wiener Siedlerbewegung nach dem Ersten Weltkrieg kuratierte. Die Ausstellung wurde in mehreren europäischen Städten gezeigt und war (laut Wikipedia) insofern von nachhaltiger Bedeutung, als sie in den krisengeprägten Debatten dieser Zeit (z. B. „Zweite Ölkrise“ 1979/80) das Thema Selbsthilfe wieder ins Bewusstsein rief.

Superblock versus Einfamilienhaus

Die in der Zwischenkriegszeit und auch noch danach geführte Diskussion Superblock versus Einfamilienhaus-Siedlung verlief eher fern der gelebten Realität der jeweiligen Bewohnerinnen und muss im Nachhinein als „künstlich konstruiert“ (Wolfgang Förster) betrachtet werden. Die teilweise Reagrarisierung der großstädtischen Bevölkerung würde den linken Industriearbeiter kleinkrämerisch und zu einem konservativen Haus- und Grundbesitzer machen, hieß es auf der einen Seite. Wer sich  selbst erhalten kann, ist unabhängiger und muss sich auf keine unsozialen Arbeitsbedingungen einlassen, lautete ein Argument für das Haus mit Garten.

„Nicht in der Hausform, sondern in der sozialen Gesamtkonzeption liegt der Kern des sozialreformerischen Programms“, schreibt Novy.  Im Grunde gab es für beide in Wien realisierten Modelle sozialistische Utopien als Vorbilder: Für den Superblock Owen’s „New Harmony“, Fourier’s „Phalanstère“ oder Godin’s Sozialpalast „Familistère“. Für die Kleinhaussiedlung z. B. die Ideen des österreichischen Bodenreformers Theodor Hertzka (sein Buch „Freiland, ein soziales Zukunftsbild“ aus dem Jahr 1890 war ein internationaler Bestseller) und des (in Teil 1 schon besprochenen) Gartenstadt-Propagandisten Ebenezer Howard.

So spielten in den Genossenschaftssiedlungen bereits Fragen des ökologisch optimalen Wohnens (Wärmewirtschaft, rationale Kompostwirtschaft, etc.) eine wichtige Rolle. Unter Einfluss des deutschen Landschaftsarchitekten Leberecht Migge entschieden sich die Siedler und Siedlerinnen aus dünge-wirtschaftlichen Gründen gegen eine Kanalisation und für Torfstreu-Klosetts. Nach der Entscheidung für den Superblock eignete sich die Stadtverwaltung auch die „Gartenstadt“ an, nicht als Idee, sondern als Label. Die Grünflächen in der 1927-1930 von der Gemeinde errichteten „Gartenstadt Tivoli“ in Meidling sollten nur noch der Erholung und Zierde dienen, Nutzpflanzen und Nutztiere waren hier verboten. In den meisten Gärten der Genossenschafts-Siedlungen verschwand der Gemüseanbau erst in den 1950er, 1960er Jahren.

Dass in den letzten Jahrzehnten weder die Gemeindebaublocks noch die Gartensiedlungen Ausgangspunkt sozialer oder ökologischer Reformbewegungen waren, muss aufmerksamen Zeitgenossinnen nicht extra erzählt werden. Auch die von Thujen in soldatischer Ordnung bewachten Naturzähmungsstätten der meisten Wiener Schrebergarten-Anlagen könnte wohl kein noch so  von Substral-Dämpfen euphorisierter Kleingärtner zu Keimzellen der heutigen Urban-Gardening-Bewegung hochjubeln. Diese kann in Wien ihre Großväter in der Siedler- und Gartenstadtbewegung wiederentdecken, die Mütter der neuen Stadtgärtnerinnen sind jedoch weltweit zu verorten.

Garten versus Neoliberalismus

„Lebensmittel mitten in der Stadt anzubauen, sie mit anderen zu teilen, zu tauschen oder gemeinsam zu verzehren und damit die Stadt als Ort der naheliegenden Lebensqualität zu entdecken, erscheint in der globalisierten (und zunehmend virtualisierten) Welt auf den ersten Blick als ungewöhnlicher Trend“, schreibt die deutsche Soziologin Christa Müller in dem von ihr herausgegebenen Buch „Urban Gardening“. Wobei die Motive für diese neue Tätigkeit unterschiedlich sind und sich wohl in den einzelnen Akteurinnen individuell mischen:

Christa Müller bei der Az W – Fahrad-Tour am 21. 4. 2012 zu Besuch bei Eva Vesovnik im PermaBlühGartenLobau

Der Garten dient der Erdung, der Begegnung mit der Natur. Der Garten ist ein Ort sozialer Kontakte und solidarischer Hilfe. Der Garten schafft Commons-Gruppen, einen Widerstand gegen die neoliberale Stadt. Der Garten dient der Selbstversorgung, der biologischen Ernährung. Der Garten schützt die Sortenvielfalt vor der Einfalt der Saatgut-Multis. Der Garten ist die logische Antwort auf das Versiegen des Erdöls und dem damit verbundenen Ende der industriellen Landwirtschaft. Der Garten bewahrt altes Wissen und Können. Oder (wie das die GuerillaGardening-Gruppe des Wiener Netzwerkes KuKuMA formuliert): Der Garten bietet „gemeinsame Gestaltungsmöglichkeit von öffentlichem Raum“ und einen interkulturellen Ort, „an dem Begegnung ohne Konsumzwang möglich ist.“

Den größten Unterschied zur weltabgewandten Kleingarten-Tradition sieht Müller darin, dass sich die neuen Gärten bewusst ins Verhältnis zur Stadt setzen, in den Dialog mit ihr treten und als ein genuiner Bestandteil von Urbanität wahrgenommen werden, nicht als Alternative zu ihr. Doch ist das Urban-Gardening  nur ein Trend, also vorübergehend? Oder ist das Gemüse zwischen den Wohnhäusern und Straßen einer der auffälligsten Vorboten des großen Paradigmenwechsels, den immer mehr Menschen als notwendig erachten? In einer Welt der begrenzten Ökosysteme, sagen diese, ist es hoch an der Zeit, einen anderen Umgang damit zu organisieren. Und dafür ist ein auf beschleunigtes Wachstum ausgerichtetes Wirtschaftssystem naturgemäß kein geeignetes Instrument.

 © Foto: Peter A. Krobath
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Besetzung der BOKU-Gärten

Die gegenwärtige Vielfachkrise (von Finanzen und Wirtschaft, von Energie und Klima, von Ernährung und Politik) ist eine Systemkrise und verlangt auch systemische Veränderungen, schreiben die Autorinnen des Buches „Kämpfe um Land“. Die weltweit boomenden Landnahmen des energiehungrigen Kapitals für biogene Kraftstoffe und Fleischkonsum westlicher Prägung verschärfen die Lage rapid. Die Alternative: Energie, Rohstoffe und Nahrung möglichst versorgungsnah herstellen. Landnutzung gemeinschaftlich regulieren, mit dem Recht auf Nahrung im Zentrum.

Wird sich dieser Wechsel ausgehen? Wird es für die Neuen Gartenstädte genug fruchtbare Böden geben?  „Viele landwirtschaftliche Flächen in Wien sind aktuell Opfer der Bauspekulation, wie am Donaufeld sichtbar wird, wo fruchtbares Land weiteren, auf ökonomische Verwertungsinteressen ausgerichteten Bauprojekten weichen soll“, schreibt die Wiener „reclaim the fields“-Gruppe und ruft auf, am 17. April die ehemaligen Versuchsgärten der BOKU in der Gerasdorferstraße 105 zu besetzen.  Dort sind übrigens auch die Gärtnerinnen vom „GroßStadtGemüse“ tätig, welche nach Jahren der theoretischen und praktischen Vorarbeit zum urbanen Garten (Forschungsprojekt „Soziale und ökologische Aspekte städtischen Gartenbaus“) eine reguläre Nachnutzung des Landes anstreben.

Peter A. Krobath und Andrea Seidling

© Fotos: Peter A. Krobath  – Der Artikel erschien in der Wiener Stadtzeitung AUGUSTIN

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