Die Wiener Siedlerbewegung

Die Wiener Siedlerbewegung

Teil 1Den Superblocks des Roten Wiens ging eine große Selbsthilfebewegung der Wohnungssuchenden voran, die in der Zwischenkriegszeit 46 von der Gartenstadt-Idee inspirierte Siedlungen hervorbrachte.

Von Peter A. Krobath und Andrea Seidling

In einigen Außenbezirken brodelt es. Für über 2.100 Häuser in zwölf Wiener Siedlungen – etwa am Rosenhügel in Meidling, in der Elisabethallee in Hietzing oder am Freihof in der Donaustadt – laufen Ende 2012 die Baurechtsverträge mit der Stadt aus. Im Rahmen der alten Verträge wurde sehr wenig bezahlt, für die neuen ist von einer Erhöhung die Rede, die sich etliche Nutzerinnen und Nutzer nicht mehr leisten könnten.

„Die Zeit ZUM HANDELN gegen die Neue SIEDLER-ARMUTSFALLE und die STILLE ENTEIGNUNG läuft, sie WIRD VON TAG ZU TAG KÜRZER!“ steht da in großen roten Buchstaben auf der Webseite einer FPÖ-nahen „SiedlerSchutzVereinigung“. In einem anderen Blog argumentiert ein Sprengelleiter der Genossenschaft SiedlungsUnion in normaler Schriftgröße, dass die Siedler mit anderen Wohnungsinhabern in der Stadt nicht vergleichbar wären, schließlich werde von ihnen alles, was normalerweise ein Vermieter in eine Wohnung zu investieren hat, selbst bezahlt. In einem offenen Brief wird Wohnbau-Stadtrat Michael Ludwig gebeten, diese Sonderform im städtischen Wohnbau zu beachten und die Höhe der Erhöhung des Baurechtszinses zu überdenken.

Baurechtszins? Sonderform im städtischen Wohnbau? – Der Konflikt macht auf ein Kapitel des Wiener Wohnbaus aufmerksam, welches weitgehend unbekannt ist, auf ein Stück vorenthaltener Geschichte. Die Rede ist von der Wiener Siedlerbewegung nach dem Ersten Weltkrieg, der wohl größten und erfolgreichsten Selbsthilfebewegung der Stadt. Eine Bewegung „von unten“, die in ihrer offensiven Phase bis 1924 ca. 3.000 Siedlungshäuser und letztendlich (bis 1933) 46 von der Gartenstadt-Idee inspirierte Genossenschafts-Siedlungen mit ca. 7.000 Häusern hervorbrachte. Einige dieser Siedlungen sind heute privatisiert, in anderen wie der Rosenhügel-Siedlung lebt der solidarische Genossenschaftsgedanke zum Teil noch weiter.

Da bedeutende Ereignisse nicht einfach so aus heiterem Himmel stattfinden, scrollen wir in der Geschichte ein wenig nach oben: Ende des 19. Jahrhunderts erlebten die europäischen Städte einen gewaltigen Wachstumsschub (1890 hatte Wien 1,3 Millionen EinwohnerInnen, 1910 bereits 2 Millionen), was zu einer starken Verschlechterung der Wohn- und Lebensverhältnisse, sowie zu horrend steigenden Bodenpreisen führte. Andere europäische Städte erlebten ähnliche Entwicklungen, dezentrale Siedlungskonzepte wurden allerorts angedacht. Im Jahr 1898 fasste der Londoner Parlaments-Stenograf und Genossenschafts-Sozialist Ebenezer Howard die Reformvorschläge seiner Zeit zusammen und entwickelte daraus ein europaweit viel beachtetes Modell einer so genannten Gartenstadt.

Die wichtigsten Bausteine dieser Utopie: Das Gelände der Gartenstadt ist Eigentum einer gemeinnützigen Körperschaft, die auch die Verwaltung durchführt. Die Parzellen sind in Bodenleihe an Genossenschaften zu vergeben. Eine Gartenstadt hat die Bevölkerungszahl von rund 30.000 und ist von einem landwirtschaftlichen Grüngürtel zur Selbstversorgung umgeben. Die Gartenstädte und die Zentralstadt sind mit einem Eisenbahnnetz verbunden, so dass jede Bewohnerin und jeder Bewohner einerseits die Vorzüge einer großen Stadt genießen kann, andererseits nicht auf die „erfrischen Freuden des Landlebens“ verzichten muss.

Das englische Beispiel wirkte in Mitteleuropa vor allem durch die 1902 gegründete Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft. Sie entfachte eine Bewegung des Aufbruchs gegen die mechanistische Weltbetrachtung des 19. Jahrhunderts. Wobei etliche suburbane Siedlungen, die sich in späterer Folge den Beinamen Gartenstadt gaben, wohl nicht im Sinne Howards ausfielen, da sie sein ökonomisches und soziales Selbstverwaltungskonzept nicht übernahmen.

In Wien war es unter anderem der „Bund österreichischer Bodenreformer“, der die Förderung der Gartenstadtbewegung anstrebte. Ihm gehörte der bedeutende Rechtswissenschaftler Franz Kein an. Er hatte sich schon seit 1902 für die Einführung des so genannten Erbaurechts eingesetzt, welches dann auf seine Initiative hin 1912 tatsächlich in einem eigenen Gesetz geregelt wurde, das in Österreich bis heute Gültigkeit hat. Das Erbaurecht, kurz Baurecht genannt, gibt die Möglichkeit, zu vereinbaren, dass einer Person oder einer Vereinigung das Recht zusteht, auf fremden Grund zu bauen und durch Jahrzehnte das gesicherte Eigentum des errichteten Gebäudes zu nützen. Das Baurecht wurde dann zur rechtlichen Grundlage der Wiener Siedlerbewegung.

Die begann gegen Ende des 1. Weltkriegs als ungeordnete Subsistenzbewegung. Die katastrophale Ernährungslage und die Wohnungsnot brachten Tausende dazu, sich am Rande Wiens ein Stück „freier“ Natur zum Gartenbau und zum Halten von Kleintieren anzueignen, und in diesen Gärten schließlich auch Wohnhütten zu errichten. Mit Hilfe engagierter Gewerkschaftler, Sozialreformer und Architektinnen (u. a. Otto Neurath, Adolf Müller, Adolf Loos, Margarete Schütte-Lihotzky, Gustav Scheu, Max Ermers) wuchs dieses Notprojekt rasch zu einem Projekt gesamtgesellschaftlicher Veränderung.

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Am Anfang der Siedlerbewegung ging es um Aneignung von Land für Subsistenzgärten – zum Wohnen dienten Notunterkünfte. © Archiv der :AH! Siedlung Rosenhügel

Die „wilden“ Siedlerinnen organisierten sich in kurzer Zeit zu hoch entwickelten Genossenschaften, die mit Hilfe von Großdemonstrationen und sozialdemokratischen Parlamentariern die Gemeinde zur aktiven Unterstützung zwangen. Als Eigenleistung brachten die mittellosen Siedlerinnen und Siedler ihre Arbeitskraft beim Bau der Häuser und in Eigenproduktionsstätten für die Fertigung von Fensterrahmen, Parketts und Ziegeln ein. Die Eigentumsverhältnisse wurden über das Baurecht geregelt: Der Grund und Boden blieb Eigentum der Gemeinde, das Nutzrecht bei den Genossenschaften.

Spricht man heute von Genossenschaften, sind meist reine Bauträgergesellschaften gemeint, die Häuser schlüsselfertig hinstellen. Die Genossenschaften, in welchen sich die Wiener Siedlerbewegung organisierte, standen für Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Solidarität, betont Karl Sedlak von der „Gemeinnützigen Siedlungsgenossenschaft Altmannsdorf-Hetzendorf“. Er führt uns durch die leicht ansteigenden Wege der Rosenhügelsiedlung und erzählt von den Mühen der Siedlerinnen und Siedler, welche die 543 Häuser zwischen 1921 und 1924 an den Abenden nach ihrer eigentlichen Arbeit und an den Wochenenden errichtet haben, 2000 Stunden pro Kopf, „da waren manche sehr froh, dass es dann am Heimweg bergab gegangen ist“.

Die Siedlung am Rosenhügel gilt als ein Musterbeispiel der Siedlerbewegung, auch das politische Engagement der Siedlerinnen und Siedler betreffend. Zwar verzichtete man, um mehr Häuser errichten zu können, auf einige Gemeinschaftseinrichtungen wie Fischteiche und Kinderspielplätze und reduzierte die Gartengrößen von 350 m2 auf Einheiten von 250 bis 310 m2, aber das aktive Gemeinschaftsleben mit einem großen Genossenschaftshaus und zahlreichen kulturellen und sozialen Einrichten spielten von Anfang an eine wesentliche Rolle. „Es gab die Kinderfreunde, Naturfreunde, Freidenker, Arbeitersänger, Schachklub, ein Mandolinenorchester und ein Zitherorchester, später eine eigene Schutzbundkompanie.“

Das Halten von Kleintieren wie Hasen, Hühnern oder Ziegen, und der Anbau von Obst und Gemüse prägten bis in die 1950er Jahren das Gartenleben am Rosenhügel. Auf einem eigenen Marktplatz wurden Eier, Fleisch, Marmeladen und Gemüse getauscht. „Heute ist der Garten mehr ein Pol der Erholung“, sagt Sedlak. Betrachtet man die vielen blauen Flecken auf der Luftaufnahme von Google-Maps, könnte man auch sagen: „ein Pool zur Erholung.“ Aber es gebe einige junge Leute, „die sich wieder besinnen und ein bissel ein Obst und Gemüse anbauen, Paradeiser, Fisolen oder Bohnen“, wirft der Sedlak ein. „Und ganz groß im Kommen sind diese Hochbeete, so Beete auf Holzkonstruktionen. Ich sag immer: Alles, was der Natur nicht schadet, soll erlaubt sein.“

(Der Artikel erschien in der WIener Straßenzeitung AUGUSTIN)

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