21. Mai 2012 – Liebe im Brombeerbusch, ein namenloser Park und Weinblätter bei der Gerichtsmedizin

Ich radle nach dem Büchereibesuch weiter, um ein wenig die mögliche Route für die Public-Fruits-Tour zu erkunden. Lerne beim Guerilla-Garten Längenfeld Julia kennen, die gerade das riesige Brombeergebüsch auf der unteren Wiese bei der Wand zur U-Bahn stutzt. Sie will ein Eck frei bekommen, um dort für den Sommer einen schattigen Sitzplatz zu schaffen. Bisher wird die Nische eher als Toilette und den vielen Gummis nach zu schließen auch als Liebesnest verwendet. Liebesnest mit Dornen? Naja, vielleicht passiert es vor dem Strauch und die Gummis werden dann dort hineingeschmissen. In der Mauer daneben ein paar verstaubte Fenster, die ich letztes Jahr beim Brombeerpflücken gar nicht bemerkt habe. Mensch sieht in einen schmalen hohen Raum voller Aktenordner. Ein Depot der Wiener Linien? Das Dienstkleidungs-Ausgabe-Verzeichnis samt allen metaphorischen schwarzen Kappeln der letzten 35 Jahre? Ich wünsche niemandem, hier arbeiten zu müssen.

Julia erzählt, dass sie sich nun vermehrt um den Guerilla-Garten Längenfeld kümmern wird. Die Gruppe, die es bisher tat, zieht sich zurück. „Zeit hab ich ja genug“, sagt Julia. Ich vergesse zu fragen, warum. Auf die Zeit kommen wir später mit einem anderen Aspekt zu sprechen: Was für Verlangsamung ein Garten in den Stadtalltag bringe, bis aus dem Samen eine Pflanze wird und wie langsam die wächst und wie lange es schließlich dauert, bis sie zu ernten ist – da hat sie einen bereits in einer bestimmten Lebensphase quasi begleitet. Die Nutzpflanze als Lebensabschnittspartner, den mensch dann genussvoll verzehrt.

Ich radle weiter in die Wolfganggasse, schau mir die bepflanzten Grünflächen zwischen den Alleebäumen an. Kleine Vorgärten mit allerlei Pflanzen und auch einem Apfelbaum, dazwischen größere Gastgärten, beides sehr nett – die ganze Straße wirkt wohnlich und heimelig. Im Dreieck zur Flurschützgasse und zur Marx-Meidlinger Straße (die ehemalige Verbindungsstraße der Meidlinger zum Sozialismus? Nein, sie führte nur bis zum Vieh-Schlachthof St. Marx) ein kleiner naturnaher Park mit einem Sandweg, alten Bäumen, zwei Hügeln, einem Steine-Sand-Wasser-Spielplatz und vielen stark duftenden Holunderbüschen. Ich pflücke ein paar weiße Blüten des Schwarzen Holunders, daheim werd ich sie in den Wasserkrug stecken – Primitivform der Saftzubereitung.

Der Park gefällt mir gut. Er könnte uns  bei der Public-Fruits-Tour vielleicht als Rast- und Vortragsplatz dienen. An einem Brunnen wäscht ein junger Mann sein Fahrrad  – mit einer Akribie, die sonst  nur bei Autobesitzern zu beobachten ist. Er weiß nicht, wie der Park heißt. Schild finde ich auch keines. Auf Google-Map ist er nicht eingetragen. Ein unbenannter Ort mitten in der Buchstabengroßstadt?

Rückweg – Vorm Westbahnhof kreuzt Fabian den Radweg. Er kommt vom Knochenausgraben am Domplatz in St. Pölten. Der wurde über Jahrhunderte als Friedhof genutzt, durch die Neugestaltung sind nun die Archäologen am Zug. Eine etwas stressige Arbeit, da durch sie ja dem Allerheiligsten der Platz streitig gemacht wird: dem Auto-Parkplatz.

Du bist gelb auf der Nase, sagt Fabian. Vielleicht vom Hollerblütenpflücken, sage ich. Das müssen andere Blütenpollen sein, meint er. Dann erzählt er von einem Bekannten, einem georgischen Bildhauer, der sich mit Restaurierungsarbeiten über Wasser halten muss. Er habe zum Beispiel geholfen, die Pferde am Parlamentsdach zu sanieren. Danach bearbeitete er mit einem Trupp georgischer Kollegen den Innenhof des Gefängnisses in Steyr, das in einer ehemaligen Klosteranlage untergebracht ist. Das Essen der Gefängniskantine sei um vieles besser gewesen als das der Parlamentskantine. Das wundert mich nicht, sage ich, weil im Gefängnis kochen die Menschen für sich selbst. Aber nun der Grund, warum unser Gespräch hier landet:

Zwei Dinge sind seinem georgischen Bekannten in Steyr besonders aufgefallen. In der Enns sahen er und seine Arbeitskollegen viele Forellen und andere Fische, in den Restaurants und Gasthäusern gab es hingegen nur Scholle aus der Tiefkühltruhe. Das wäre in Georgien undenkbar: Da würde es in so einem Fall eine ganze Reihe von Gasthäusern am Flussufer geben, welche nur die dort herausgeangelten Fische zubereiten würden. Die zweite Verwunderung: Nicht weit von ihrem Arbeitsplatz standen etliche Ringlotten-Bäume mit reifen saftigen Früchten, doch niemand außer ihnen pflückte sie. Sind sich die Österreicher zu gut, um Ringlotten vom Baum zu pflücken, müssen sie ihr Obst unbedingt eingepackt aus dem Supermarkt holen? Die Georgier saßen jede Mittagspause in den Bäumen, aßen die Früchte nicht nur, sondern nahmen sie auch säckeweise mit nach Hause, um Kompott und Marmelade daraus zu machen.

Eine andere Geschichte von Fabian: Im Hof der Gerichtsmedizin, in der er arbeitet, wächst wilder Wein. Die türkischen Putzfrauen pflücken im Frühjahr immer die Blätter und verwenden sie für gefüllte Weinblätter. Man muss sie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ernten, damit sie noch zart sind. – Ob das bei den Giften, die bei uns herumschwirren, gesund ist, wage ich zu bezweifeln, sagt Fabian.

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