„Autofahrer sind eine eigene Spezies“

Autofahrer unterscheiden sich vom Menschen stärker als ein Insekt, sagt Hermann Knoflacher, Professor am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der TU Wien. Zudem erklärt er, warum man durch Geschwindigkeit im Autoverkehr keine Zeit einsparen kann und er eine ABAG fordert, eine „Autobahn-ABtragungs-Aktiengesellschaft“. Das Gespräch führte Peter A. Krobath

 Als Fußgänger und Radfahrer fühle ich mich in den letzten Jahren vermehrt bedroht. Die Autos werden zunehmend größer, wuchtiger, panzerartiger. Ist das nur ein subjektiver Eindruck?

 Nein, das ist tatsächlich der Fall. In den USA hat die Autoindustrie vor 15 Jahren begonnen, diese SUVs zu bauen. Ein Verkaufsargument war, dass man höher sitzt und bei einem Stau eine bessere Übersicht hat, wozu auch immer. Im Lauf der Zeit haben aber viele diese hohen Autos gekauft und damit ist der Überblick wieder verloren gegangen. Jetzt sitzen sie alle auf einem hohen Niveau und sehen genauso wenig wie vorher und schleppen tonnenweise Metall, Plastik und Gummi mit sich herum und verbrauchen Unmengen Treibstoff.

Und machen mir Angst.

In Österreich hat der Fußgeher heute im Ortsgebiet immer absolute Priorität. Wenn er sich bei einem ungeregelten Schutzweg dem Fahrbandrand nähert, muss der Autofahrer stehenbleiben.

 

 Als Fußgänger ist es schwierig, auf diesem Recht zu bestehen. Wenn so ein Autofahrer, und das ist ja ein beliebter Trick, einfach den Blickkontakt verweigert, kann ich mich natürlich nicht blind darauf verlassen, dass er stehen bleibt.

 Was man machen kann, das sind baulich durchgezogene Gehsteige. Also nicht die Fahrbahn ist durchgängig, sondern der Gehsteig, so wird der Autofahrer wegen der Rampe gezwungen, langsamer zu fahren. Das ist meiner Meinung nach eine zeitgemäße Gestaltung.  

 In ihrem Buch „Virus Auto“ unterscheiden Sie zwischen Menschen und Autofahrern. Sie betrachten den Autofahrer als eigene Spezies.

 Im Zuge von Verhaltensanalyen bin ich draufgekommen, dass das Verhalten des Autofahrers völlig anders gesteuert wird als das des Menschen. Da findet eine unmittelbare Kopplung zwischen Hirn und der Kraft des Motors statt, also nicht zur Kraft der Beine. Die Verschiebung des Bewusstseins erfolgt auf der Ebene der eigenen Körperenergie. Und das ist die älteste Ebene der Evolution. Autofahrer unterscheiden sich auf dieser Ebene vom Menschen stärker als ein Insekt. Weil ein Insekt muss, genauso wie ein Mensch, Mobilität mit seiner eigenen Körperenergie bestreiten. Ein Autofahrer nicht. Es gibt keine Insekten, die aus Bequemlichkeit den Lebensraum ihrer Nachkommen zerstören. Ein Autofahrer ist ein völlig asoziales Lebewesen. Ein Fußgeher würde nie andere Menschen mit Abgasen gefährden, Autofahrer machen das. Einem Fußgeher ist es verboten mit Krach den Schlaf anderer Menschen zu stören, Autofahrer tun das selbstverständlich.

 Die Menschen werden quasi vom Auto gesteuert statt umgekehrt?

 Das Auto ergreift vom Menschen Besitz. Es unterwirft sein Gehirn so radikal wie nichts sonst. Ganze Disziplinen und Industrien, das Rechtssystem und das Wertesystem der Gesellschaft wurden im Sinne der Autologik umgebaut. Nicht die Gesundheit der Menschen muss verpflichtend jährlich überprüft werden, wohl aber die des Autos. Die Menschen müssen hinter geschlossenen Fenstern leben, künstlich belüftet, damit die Autos draußen Tag und Nacht lärmen können.

 Warum heißt Ihr Buch „Virus Auto“?

 Das Auto wirkt auf die Gesellschaft als Gesamtorganismus betrachtet wie ein Virus. Die Gesellschaft wird vom Auto so ähnlich zerstört wie ein Virus eben einen Wirt zerstört oder beeinflusst. Im Individualbereich hingegen wirkt das Genom, da tritt diese unmittelbare Kraft in Wechselbeziehung. Sie haben mit keinem technischen Gerät derartige Interaktionen wie mit dem Auto, wo Sie sozusagen Ihre Gefühle in physische Kraft umsetzen können.

 Wenn Sie von Genom und Virus sprechen, besteht da nicht die Gefahr, dass man aus den Augen verliert, dass hier große Geschäftsinteressen am Wirken sind, die sehr bewusst gesteuert werden.

 Selbstverständlich. Absolut instinktsicher. Genauso instinktsicher, wie ein Virus eine Zelle überfällt.

 Das heißt, Sie geben jetzt für alle Schweinereien, die da in der Auto- und Straßenbaubranche passieren, den Instinkten die Schuld?

 Auch bei der ganzen Finanzsauerei, das ist genau das gleiche. In dem Augenblick, wo etwas in dieser Richtung möglich ist, versucht man es auch, bis schließlich die Gesellschaft beginnt, es zu domestizieren oder zu zivilisieren. Und beim Auto sind wir noch meilenweit davon entfernt, es zu zivilisieren. Eine Lösung habe ich schon vorgeschlagen.

 Die da wäre?

 Dass man autofreie Bereiche schafft. Damit die Autos nicht in jede Zelle vordringen können. Genauso wie bei einer Therapie gegen Viren. Die Virentherapie ist ja am erfolgreichsten, wenn ich verhindere, dass die Viren an der Zelle ankoppeln.

 Ankoppelungsstelle ist in Sachen Auto der Parkplatz.

 Genau. Sie müssen die Oberfläche, die menschlichen Aktivitäten parkplatzfrei machen. Sie müssen sich autofrei, zwischenmenschlich fair bewegen können. Und das Auto steht dann irgendwo draußen, mindestens so weit entfernt wie die nächste Haltestelle des öffentlichen Verkehrs.

 Das kann am Land sehr weit sein, aber in der Stadt sehr nahe.

 In der Stadt sollten die Autos am Rande der Stadt abgestellt werden. Manche weiter herinnen, aber dann sind die Kosten dementsprechend hoch. Wenn das Auto in der Nähe parkt, dann zahl ich entsprechend mehr. Bei so einem System entsteht natürlich die Notwendigkeit wieder lokale Geschäfte zu eröffnen, denn wenn die Shopping Center für ihre Parkplätze genauso bezahlen müssen wie ein Bürger daheim, dann sind sie blitzartig weg.

 Die Autofahrer klagen immer, sie seien die Melkkuh der Nation.

 Wenn jemand eine Melkkuh ist und übermolken wird, dann geht er ein. So lange der Autobestand steigt und die Automobilität zunimmt, kann das nicht stimmen.

 Als ein wichtiger Kostenfaktor gilt der Straßenbau. Nun ist Österreich ein Land, das besonders dicht mit Autostraßen und Autobahnen übersät ist, brauchen wir da überhaupt noch weitere?

 Schon lange nicht mehr. Wir bauen seit den 1970er Jahren an einem Verkehrssystem, das nicht mehr in die Zukunft passt. Heute müsste man eigentlich Autostraßen abreißen. Passiert ja in anderen Ländern bereits. Zum Beispiel in Seoul oder in Bogota, da hat man statt Autobahnen Fußgängerzonen und Bussysteme eingerichtet.

 Bei uns hat man die ASFINAG eingerichtet.

 Statt einer ABAG, einer „Autobahn-ABtragungs-Aktiengesellschaft“, wie ich das vorschlage. Weil wenn man schon Schulden macht, die ASFINAG ist ja mit über zehn Milliarden Euro verschuldet, dann sollte man die Schulden für etwas machen, das sinnvoll in die Zukunft passt.

 Mangelt es in Sachen Verkehrspolitik an guten Gesetzen oder an verantwortlichen Politikern, welche die Gesetze ernst nehmen?

 Hauptsächlich an verantwortlichen Politikern. Die Politiker sind heute sehr häufig Gefangene der Lobbys, das ist das Hauptproblem.

 Was für Chancen haben Bürgerbewegungen gegen Straßenprojekte?

 Die sind meiner Ansicht nach heute das Entscheidende. Wenn die gut aufgestellt sind und entsprechende Rückendeckung bekommen, dann sind sie ein effektives Instrument. Die Bürger sind den Politikern in Sachen Vernunft und Verantwortungsbewusstsein ja weit voraus.

 Wie beurteilen Sie die Entwicklung, die die ÖBB genommen hat?

 Unter Schüssel und Gorbach ist die ÖBB als ein stark roter Betrieb und somit politischer Gegner ganz gezielt vernichtet worden. Sie wurde in bis zu 47 Unterbereiche zerlegt, die sich gegenseitig die Leistungen verrechnen und zu Einzeloptimierungen gezwungen sind. Ein System dieser Art kann nicht funktionieren.

 Ist das wirklich möglich, dass hinter so wichtigen Entscheidungen letztlich so primitive Motive stehen?

 Wenn man die Leute, die da am Werk waren, persönlich kennt, muss man sagen ja.

 Umweltbewusstere Menschen erhoffen sich heute eine Lösung des Autoproblems durch Hybrid- und Elektroautos. Wie beurteilen Sie einen Umstieg auf derartige Fahrzeuge?

 Das können Sie vergessen. Sie tun mit solchen Autos nichts für die Strukturen, Sie tun nichts für die Sicherheit und Sie tun auch nichts Wesentliches für die Umwelt, weil die Autos werden nicht geboren, sondern erzeugt, dass heißt, bis so ein Auto überhaupt erst rollt, hat es schon einen Haufen Umweltschäden angerichtet. Die Gesamtbelastung im System nimmt nicht ab, sondern zu.

 Danke für das Gespräch.

(Fotos: Peter A. Krobath  –   Das Gespräch ist schon 2 Jahre alt, aber immer noch aktuell. Die Plattform „Zukunft statt Autobahn“ veranstaltet am 5. Sept.  2012 eine Diskussion zum Thema, um 18:30, im Burgkino – mehr darüber unter der Kategorie Termine)

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