Keine Angst vor Obstbäumen!

„Urban Commons“- WienWoche – Nachtrag 1 (zu Ostarrichi Park)

 Sie trugen Namen wie „Schweizer Hose“ und „Dönissens Gelbe“ und standen ab Samstag, dem 22. September, ohne amtliche Genehmigung im Ostarrichi Park herum – so heißt die Wiese zwischen der Österreichischen Nationalbank und dem Wiener Landesgericht. Die sechs jungen Bäume mit seltenen Kirschen-, Birnen- und Pflaumensorten waren Teil der „Urban Commons“-Aktionen, mit welchen wir – die Künstlerinnengruppe Kuserutzky Klan und die Initiative StadtFruchtWien – im Rahmen der „Wienwoche“ den öffentlichen Raum thematisierten und ein wenig „umgestalteten“, auf Zukunftsfragen aufmerksam machen und die Schaffung von „Reichtum für alle“ anregen wollten.

Nicht zur Freude aller: „Der Vorschlag wird abgelehnt“, hieß es von Seiten des Stadtgartenamts ( – Da wir nicht um Erlaubnis gefragt, sondern um Kooperation gebeten hatten, ignorierten wir diese Absage). Warum? Weil Obstbäume die Grünanlagen „verschmutzen“ und faules Obst zur Geruchsbelästigung und Wespenbedrohung führe und alles drei die Bevölkerung verärgere. Ein Argument, das auch andere kennen, die in Wien in den letzten Jahren mehr Obstbäume oder Fruchtsträucher im öffentlichen Raum wollten. Diesen „schlechten Erfahrungen“ der MA 42 mit Obstgehölze in der Stadt setzten wir folgenden Vorschlag entgegen: Die Obstbäume in der Stadt werden als Commons behandelt. Bestimmte Gruppen von interessierten Anrainerinnen kümmern sich um die Pflege und um das von Passantinnen nicht geerntete Obst. Im Fall der sechs Obstbäume im Ostarrichi Park wäre das die Initiative StadtFruchtWien. Der Ostarrichi Park könnte dabei als Modell dienen, das zwei, drei Jahre läuft (die Obstbäume brauchen Zeit, bis sie Früchte tragen) und danach evaluiert wird.

 Nun war die Ma 42 dran mit Ignorieren. Sie überging unseren Vorschlag, erwies sich aber in ihrer Gesamt-Ablehnung als kreativ. Die Wiese müsse frei bleiben, hieß es nun, da sich auf ihr ein Hubschrauber-Landeplatz des AKH befinde. Eine Nachfrage bei der AKH-Verwaltung ergab, dass dieser Landeplatz schon lange nicht mehr verwendet wird. Ein anderes Argument gegen die sechs jungen Obstbäume im Ostarrichi Park rückte in den Vordergrund: Die Statik der unter der Wiese befindlichen Tiefgarage könnte gefährdet sein. Das war wirklich etwas Neues: So eine Tiefgarage ist nicht nur eine große unterirdische Blockade für Regenwürmer;  oder für die, die ein Tunnel aus dem Gefängnis graben wollen;  oder für die, die über ein Tunnel die Nationalbank erleichtern wollen;  so eine Tiefgarage beherrscht anscheinend auch die Oberfläche und verbietet dort das Bäumepflanzen.

Das Statik-Argument fiel dann angesichts der real (und aus Rücksicht auf die MA 42, bzw. auf unser nicht vorhandenes Budget für Strafzahlungen, in Trögen) da stehenden Bäume schnell in sich zusammen. Bei dieser „Begehung“ meinte die Bezirksreferentin des Stadtgartenamts mehrmals, sie müsse uns eigentlich anzeigen, und: Wir sollten unser „Projekterl“ im privaten Garten machen, aber nicht hier auf der Wiese der MA 42. („Sie meinen, die Wiese gehört der MA 42?“ – „Ja.“ – „Und die MA 42 gehört uns allen, also gehört auch die Wiese uns allen.“ – „Für so einen Blödsinn hab ich wirklich keine Zeit.“) Kurzum: Die Bäume müssten bis spätestens nächsten Montag verschwinden. Das neue Argument: Mit dem großen Rasenmäher, der hier zum Einsatz komme, könne man das Gras nahe der Tröge nicht mähen. Auf das Angebot, die Gruppe StadtFruchtWien werde sich gern um diese kleinen Rasenteile kümmern, ließ sich die Bezirksreferentin nicht ein. Dagegen drohte sie noch einmal mit Anzeige.

 Wir wissen nicht, welche Probleme das Wiener Stadtgartenamt wirklich mit Obstgehölze in der Stadt hat und ob diese rational nachvollziehbar sind. Im Zuge unserer Aktion entstand jedenfalls der Eindruck, dass die leitenden Personen dieser Institution an einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Thema einfach nicht interessiert sind. Das finden wir sehr schade. Aber vielleicht ändert sich das ja. Wir können nur wiederholen: Es besteht kein Ernst zu nehmender Grund, sich vor Obstbäumen in der Stadt zu fürchten. Und es besteht kein Ernst zu nehmender Grund, sich vor ein paar Bürgerinnen zu fürchten, die sich darum kümmern wollen.

 Nicht nur handwerkliche, sondern auch inhaltliche Unterstützung bei der Ostarrichi-Park-Pflanzung bekamen wir unter anderem vom Obstbaum-Spezialisten Andreas Spornberger (BOKU), der die Vorteile des frostarmen Kleinklimas im Stadtbereich betonte, in dem auch so exotisch anmutende Sorten wie Kaki, Feigen, Maulbeeren und Indianerbananen gedeihen können. Zudem spreche auch nichts gegen ein vermehrtes Auspflanzen von Fruchtsträuchern, zum Beispiel könne man den ungenießbaren Feuerdorn am Rand des Ostarrichi Parks durch Ribiselstauden ersetzen.

Die Obstbäume im Ostarrichi Park können zur Produktion von Autonomie als gesellschaftlicher Perspektive der Commons beitragen, sagte Andreas Exner, Fachmann für Solidarische Ökonomie, in seinem Impulsreferat. Wie? Ganz einfach: „Man lässt die Leute tun.“ Wobei Stadtbewohnerinnen auch von ihrer Verwaltung einfordern könnten, öffentliche Plätze statt mit von Motten minierten Kastanien, unproduktiven Grashalmen und Blumenampeln mit etwas Essbarem zu bepflanzen, mit Apfelbäumen, Bohnen, Paradeisern, und so weiter. Ein derartiges Beispiel für öffentliche Nahrungsproduktion, die jede und jeder unentgeltlich nutzen kann: die deutsche,  „essbare“ Stadt Andernach.

(Über unseren Versuch, auch im Hof der gegenüberliegenden Justizanstalt Obstbäume zu pflanzen, und die Rede über „Das Graue Haus der Lüge“ von Robert Sommer im nächsten Nachtrag.)

 Die Bäume im Ostarrichi Park standen also nicht nur in der Wiese herum, um die Herzen der MA 42-Bürokraten zu erweichen und in Folge den Parknutzerinnen Freude und selten gekostete Nahrung zu bringen. Sie sollten auch als ein Medium dienen, um auf das politische Raummonopol der Stadtverwaltung, die gefährdete Artenvielfalt, die sich radikal ändernde Ernährungssituation und unseren Umgang damit aufmerksam zu machen. Und nicht zu vergessen: Sogar die ästhetische Vielfalt in der Stadt könnte gewinnen, wenn ein Teil der sogenannten Zierpflanzen allmählich den „kilometerlosen“ Nutzpflanzen weicht, nicht zuletzt den eleganten und delikaten „Schweizer Hosen“-Birnen.

Die Herzen der Stadtgartenamt-Bürokraten blieben hart wie Zwetschken-Kerne. Sie ließen uns nicht „einfach tun“. Nach Intervention der zuständigen Bezirksvertretung (Alsergrund) durften die Obstbäume zwar noch einige Tage länger, bis Ende der „Wienwoche“, im Ostarrichi-Park stehen, Bleiberecht bekamen sie aber keines, auch nicht als zweijähriges Experiment. Am 8. Oktober, dem ersten Morgen nach der WienWoche, wanderten die Tröge flugs auf den Gehsteig, von wo wir sie in den nächsten Tagen mit einem ausgeborgten Billa-RollContainer evakuierten. – Mittlerweile wurden die sechs Obstbäume ohne Kooperations-Anfrage an weniger ausgestellten öffentlichen Orten der Stadt in die Erde gepflanzt…

 

 

 

 

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Comments
4 Responses to “Keine Angst vor Obstbäumen!”
  1. Anonymous sagt:

    ich finde eure Idee super! schade, dass der Versuch durch die Engstirnigkeit dieser Bürokraten vereitelt wird…

Trackbacks
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  1. […] bekommen. Wir hoffen jetzt natürlich, dass sich die Stadt Wien und vor allem die etwas zaghaften Stadtgartenbeamten an ihrer kleinen Schwester diesbezüglich ein Beispiel nehmen.                         […]

  2. […] Wenn durch die Obstpflücker hie und da ein Ast abbricht, sieht man das beim Forstamt als „eine Art von natürlichem Baumrückschnitt“. Für die Verantwortlichen des Stadtgartenamts ist es hingegen ein ernstes Problem. Und überhaupt: Auch das Obst selbst würde die städtischen Grünanlagen „verschmutzen“ und wenn es fault zu einer Geruchsbelästigung und einer Wespenbedrohung führen und alles drei die Bürger und Bürgerinnen verärgern, hieß es, als die Initiative Stadtfrucht Wien und die Künstlerinnen des Kuserutzky Klans im Herbst 2012 im Rahmen der Wienwoche Obstbäume im öffentlichen Raum pflanzten. Oder es zumindest versuchten. (Mehr HIER) […]



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