Stadt oder Land oder beides?

Dieser Artikel entstand im Aufttrag des Universum Magazins und erschien in der Oktober-Ausgabe – Text: Peter A. Krobath, Fotos: Barbara Krobath

Früher galt das Leben am Land als rau aber herzlich, und vor allem als gesund. Das Leben in der Stadt als nervenaufreibend, dekadent und krankmachend. Und wie schauen Land- und Stadtleben von heute aus? Und wer zieht warum wohin und macht dabei welche Erfahrungen?

 Er stehe gerade am Feld und habe seinen Terminkalender nicht dabei, sagt Pete Belcher, als ich ihn telefonisch um einen Termin bitte. Pete ist weder Bauer, noch lebt er am Land. Pete ist Schauspieler und Direktor von Wiens „erstbesten Clowntheater“, dem Theater Olé, bei dem übrigens alle Ensemblemitglieder Direktoren und Direktorinnen sind. Und das Feld, von dem er spricht, ist eine 120-Quadratmeter-Parzelle in einem Kleingartenverein in Stammersdorf, auf der er mit ein paar Nachbarn Karotten, Zucchini und Tomaten anbaut.

Eigentlich würde Pete gern ein richtiges Feld pachten, einen 2-Hektar-Acker, und dort mit 70 anderen Leuten der Gruppe „Wilde Rauke“ ein CSA-Projekt verwirklichen, eine solidarische Landwirtschaft für die lokale Bevölkerung. Dieses Anliegen wird durch den Umstand erschwert, dass die meisten Landbesitzer der Umgebung darauf hoffen, dass ihre Äcker in Bauland umgewidmet werden.

Stammersdorf ist ein Teil des 21. Wiener Gemeindebezirks und so gesehen sind Pete und seine Familie vor zwei Jahren von Seitzersdorf-Wolfpassing „in die Stadt“ gezogen. „Mein Nachbar hier sieht das anders, der kommt aus dem 9. Bezirk und sagt, dass er aufs Land gesiedelt ist.“ Die Familie Belcher und ihre rund 400 Nachbarn leben in der neuen Wohnhausanlage „Orasteig“ am Rand des Wiener Grüngürtels.

Es ist eine jener Gartensiedlungen, welche die Wiener Wohnbaupolitik seit 2005 unter dem Label „Neue Siedlerbewegung“ errichtet, um Wiener Jungfamilien davon abzuhalten, ins Umland Wiens abzuwandern und die dort grassierende Einfamilienhaus-Plage fortzusetzen. An die ökologischen und sozialen Utopien der historischen Wiener Siedlerbewegung der 1920er reicht das ambitionierte Wohnbauprojekt aber nur teilweise heran, z. B. durch mehrere Gemeinschaftseinrichtungen wie einen Veranstaltungsraum mit Küche (für diverse Feste oder gemeinsames Fußballschauen), große Freiflächen, Saunabad, Mieterbeete und Mieterbeirat. 

Man sieht der Siedlung an, dass sie erst wenige Jahre auf den Fassaden hat, alles wirkt sauber und geordnet, die schlanken Bäume schauen aus wie auf einer Planzeichnung. Auch die Straßennamen sind neu und so mündet die „Edi-Finger-Straße“ zwangsläufig in den „Cordobaplatz“, wo die bunten Reihenhäuser eine attraktive und kommunikationsfördernde Arena bilden.

Die Umgebung ist, wie in vielen Stadtrandgebieten Wiens, sowohl grün als auch urban. „Ich bin hier genauso schnell in den Weinbergen oder am Marchfeldkanal wie bei der Straßenbahn“, schwärmt mein Gesprächspartner. „Ich vermisse hier nichts von dem, was ich in Seitzersdorf gehabt habe.“ Aufs Land zogen die Belchers 1991, als ihre Tochter auf die Welt kam. Zusammen mit zwei anderen Paaren und drei weiteren Kleinkindern bezogen sie ein „komisches“ Haus, „mit einem alten Trakt und vielen Zubauten aus den 1970er Jahren, schlecht gebaut, aber mit einem riesigen Garten.“ Der Kontakt zu den anderen Dorfbewohnern sei „super“ gewesen, auch wenn es für manche bis zuletzt nicht klar war, wer in dieser Hausgemeinschaft nun mit wem welche Kinder hatte.

Manche Erfahrungen kamen überraschend: „Du glaubst, du ziehst in die Natur, damit die Kinder gesund aufwachsen und dann war es in den ersten Jahren so, dass wir nur Brunnenwasser zur Verfügung hatten und dieses Wasser von den Düngemitteln der Landwirtschaft völlig vergiftet war, Nitrate, Pestizide, all das. Wir haben mit Mineralwasser gekocht und mit den Kindern geschimpft, wenn sie beim Baden in der Badewanne einen Schluck Wasser getrunken haben. Schließlich haben wir dann ein Leitungswasser bekommen. Besser wäre es natürlich gewesen, wenn sie das Grundwasser saniert hätten. Das Wiener Wasser ist dagegen ein Wahnsinn, ein Luxus!“

Der Anlass nach Wien zu ziehen war für die Belchers übrigens das teure Öl. Einerseits mussten sie das schlecht isolierte Haus mit Heizöl warm bekommen, zum anderen brauchten sie zwei Autos. Nun haben sie kein Auto und Jahreskarten für die Wiener Linien. Dass sie heute in der Stadt mehr gärtnern als am Land liegt vor allem an den jüngsten ökologischen und wirtschaftlichen Entwicklungen. „Das ist leider ein Wahnsinn, was da in der Agrarindustrie abgeht, das kann man nicht mehr unterstützen.“

         Pete Belcher sagt, die Peripherie sei ideal für ihn. Gibt es überhaupt reine Stadt- oder Landmenschen? Und was unterscheidet sie heute noch? – Hier ein paar Pauschalurteile, die dem Einzelnen nicht gerecht werden, und ein paar Individualurteile, die natürlich nicht pauschalisiert werden können:

Die Menschen in der Stadt können besser einparken, sind ständig von Kameras überwacht und pflanzen Mais in ihrem Garten, quasi „Viechafutta“. Die Menschen am Land haben teilweise wirklich noch Gelände zu ihrem Wagen, sind ständig von den Nachbarn überwacht und verweigern beim Essen die „Beilagen“, also das Gemüse.

Die Leute am Land seien stockkonservativ und misstrauisch, sie würden sich nicht weiter entwickeln und „rein partytechnisch läuft mit denen gar nix“, beschwert sich eine Jugendliche, deren Eltern ein Wochenendhaus besitzen. Ein mir bekannter Bauer sieht das Leben in Wien als Sodom und Gomorrha: Die meisten Bewohner seien ständig betrunken oder auf andere Weise verhaltensauffällig wie in einer „Alltagsgeschichte“ von Elisabeth Spira. Über die „vielen halbnackert herumlaufenden Dirndln“ zieht er eher mit feuchter denn mit spitzer Zunge her.

„In dem Dorf wär ich vor Einsamkeit beinahe gestorben. Beim Feuerwehrfest kann man sich zwar nett unterhalten mit den Leuten, aber nur oberflächlich, ansonsten schlagen sie die Tore zu und es will keiner was mit dir zu tun haben“, erzählt eine Freundin, die es mit ihrer Familie zwei Jahre lang in einem niederösterreichischen 900-Nasen-Dorf versuchte.

„Es ist eh alles gleich, ob da oder dort“, meint der aus einem kleinen burgenländischen Ort stammende Mann, der bei uns das Stiegenhaus putzt. „Die Supermärkte sind die gleichen, die Ausländer hast am Land auch schon, nur Arbeit kriegst dort keine.“

Arbeit wartet auf Sandra Zinterhof am Land zur Genüge. Sie hat sich mit Hilfe einer Erbschaft vor zwei Jahren in der Streusiedlung Hackbichl am Rand der Buckligen Welt ein altes Steinhaus plus Stadl, Garten, Apfelbäumen und Nussbaum-Plantage gekauft und bereitet sich nun schrittweise auf die Übersiedelung vor. Derzeit schläft sie in einem Campinganhänger, da ihr kaltes feuchtes Haus eine Baustelle ist. Nur die kleine Küche ist zu benützen, in den übrigen Räumen sind die Böden herausgerissen. Demnächst sollen die Fragen geklärt werden, wie sie das Bauwerk günstig und ökologisch sinnvoll sanieren kann, und ob sich die Sonne als Primärenergie für ihre Heizung nutzen lässt – die Auseinandersetzung damit erreicht durchaus die Dimension eines Universitätsstudiums.

In ein, zwei Jahren wird Sandra Zinterhof ganz ins Landdomizil ziehen. Ihren Beruf als freischaffende Grafikerin will sie dann nur zum Teil fortsetzen, ansonsten setzt sie auf Selbstversorgung und den Verkauf  des einen oder anderen selbst erzeugten Nahrungsmittels. Á la longue möchte die tatkräftige junge Frau Bienen und Schafe züchten, Gemüse anbauen, Apfelsaft und Pflanzenöle produzieren, eventuell Speisepilze kultivieren und natürlich die vielen Nüsse auf die eine und andere Art verarbeiten.

Mit letzterem hat sie bereits begonnen: Am Brunnen stehen Gläser, in denen grüne, in Scheiben geschnittene Walnüsse in Korn eingelegt schwimmen: die einen mit Zimt, die anderen mit Zimt, Nelken und Sternanis. „Jetzt kann ich’s mir aussuchen: Entweder ich nehme es wie es ist, dann hab ich einen Magenbitter. Oder ich verdünne es noch mit Zuckerwasser, stelle es zwei weitere Wochen in die Sonne und hab einen Nusslikör.“ Und? „Ich mach natürlich beides.“

Sandra blickt neugierig auf: Ein Auto fährt vorbei. „Das passiert nur drei Mal am Tag.“ Die Nachbarn in Sichtweite: Ein pensionierter ÖBBler, der Schafe züchtet. Pendler, die in Wiener Neustadt arbeiten. Und eine „Zweitwohnsitzfamilie“, die nur am Wochenende kommt. „Es sind alle sehr umgänglich“, sagt Sandra. Und obwohl sie der Jagd im Allgemeinen nichts abgewinnen kann, mit den speziellen Jägern der Umgebung hat sie ein gutes Verhältnis. Rund 60 Leute leben in der Streusiedlung. Ein Mal im Sommer gibt es ein großes Fest, ansonsten lassen sich die Neuigkeiten beim Heurigen austauschen. Als touristische Attraktion der Gegend gilt das Keltendorf im nahen Schwarzenbach, ganz besonders sein dreitägiges Keltenfestival zur Sommersonnenwende.

Der Baufachmann, der die Neo-Hackbichlerin unlängst zur Maueranalyse aufsuchte, fragte als erstes: „Ist Ihnen hier nicht zu ruhig?“ Ist es nicht. Sandra Zinterhof ist am Land aufgewachsen, im niederösterreichischen Tattendorf. „Ich bin eindeutig ein Landmensch. Ich war als Kind immer nur beim Bach und in der Au. Zehn Jahre in Wien sind mir genug.“ In der Stadt werde ihr schnell fad, in Hackbichl so gut wie nie. „In der Natur ist immer war los.“ Zum Beispiel am Dachboden, wo ein Dutzend Kleine Hufeisennasen herumhängen. Die seltenen und als gefährdet geltenden Fledermäuse haben dort ein Sommerquartier, eine sogenannte „Wochenstube“, in der die Weibchen ihren Nachwuchs aufziehen. Andere Tiere kommen im Obstgarten auf Besuch: „Alle lieben meine Äpfel“. Laut Wildtierkamera sind das Rehe, Hirsche, Hasen, Wildschweine, Marder, Dachse und Füchse.     

Der einzige Nachteil am Land: „Ohne Auto geht hier gar nix“, sagt Sandra. Sie hebt die Schultern zu einer Entschuldigungsgeste: „Man kann nicht alles haben.“ Und wenn es eines Tages kein Benzin mehr gibt? „Dann reite ich eben mit einem Esel nach Schwarzenbach.“

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