ObstStadt, Vertrauen und RegalHüter

Das war eine nette Überraschung, im heutigen Standard von der „Obststadt Wiener Neustadt“ zu erfahren. Das Projekt hat bereits 70 Obstbäume für die Allgemeinheit gepflanzt und will bis zum Jahresende auf 400 kommen. Für einen Beitrag von 50 Euro kann mensch Baumpate werden.

Gepflanzt wird nur mit Genehmigung und da sind die Wiener NeustädterInnen glücklich dran, diese auch zu bekommen. Wir hoffen jetzt natürlich, dass sich die Stadt Wien und vor allem die etwas zaghaften Stadtgartenbeamten an ihrer kleinen Schwester diesbezüglich ein Beispiel nehmen.                                   DSC_0044

Interessant waren auch die Postings im Standard.

Zum einen, weil da einige andere Obst-Ressourcen genannt wurden: 100 alte Apfelbäume unterhalb des Freinberg (Nähe Arboretum) in Linz oder „In Unterwart gibt’s das schon lang“.

Zum weiteren, weil das Thema Nutzung-Übernutzung diskutiert und sogar „die Tragik der Allmende“  erwähnt wurde. Etliche unkten, das Gratis-Obst würde sicher von irgendwelchen Habgierigen im großen Stile abgeerntet und dann verkauft. Und auch wenn das mit den Orangenbäumen in andalusischen Städten gut funktioniere, bei UNS sicher nicht. Dagegen argumentierte eine Posterin: Manches werde ausgenutzt, das werde aber wieder ausgeglichen durch die, die gerne beitragen. Und eine weitere meinte, wenn erst einmal genug Obst für alle da sei, löse sich das Problem von selbst, weil niemand mehr zum Händler gehe.

Kurz zur „Tragik der Allmende“:

Der Begriff stammt aus einem berühmt gewordenen Aufsatz von Garret Hardins aus dem Jahr 1969, in dem er meinte, wenn Menschen ein Stück Land gemeinsam nutzen, werde es unweigerlich übernutzt – die Menschen seien immer bestrebt, kurzfristig ihre materiellen Nutzen zu maximieren und die Allmenden seien daher zur Selbstzerstörung verurteilt. Diese These wurde von vielen unbesehen übernommen. Ein genauerer Blick zeigt aber, dass Hardins Beispiel keine Allmende betrifft, sondern ein Niemandsland ohne Regeln. Der Unterschied: Eine Allmende oder (der international gebrauchte Begriff) ein Commons wird von bestimmten Menschen nach von ihnen selbst festgesetzten Regeln genutzt, und das funktioniert im Normalfall gut, wie Elinor Ostrom an zahlreichen Beispielen nachwies. Mehr darüber hier und vor allem da.
Commons - Robin HoodNun die spannende Frage: Sind Obstbäume im öffentlichen Raum eine Allmende, ein Commons?

Streng genommen: Nein. Aber ich behaupte jetzt mutig, sie können teilweise zu einem werden. Dadurch, dass sich Menschen gemeinsam um die Bereitstellung (Pflanzen, Pflege) kümmern. Aber auch durch Vertrauen und soziale Kontrolle.

„Ich vertraue darauf, dass die Leute nur so viel ernten, wie sie brauchen“, sagt Martin Mollay, der Initiator der Obststadt Wiener Neustadt. Genügt dieses Vertrauen? Und müssen die meisten von uns es erst erlernen oder wieder erlernen, wieder entdecken, erfahren?

Ich hab die Erfahrung zum Beispiel bei den Offenen Bücherschränken in Wien gemacht: Dass ich die Bücher, die ich schon gelesen habe und nicht wieder lesen werde (und das sind die meisten) ruhig da reinstellen kann und dafür andere lesenswerte finde. Ich lernte, nur so viele Bücher mitzunehmen, wie ich zur Zeit lesen kann, und dass ich keine horten muss, weil die Bücher zirkulieren und eines Tages wieder da stehen. Dazu kam die Freude am Beitragen: Ich stelle ein paar interessante Bücher hinein und freue mich am nächsten Tag, dass sie wer genommen und sich darüber gefreut hat. Und noch etwas: Ich begann, Verantwortung zu übernehmen: Wenn der Schrank einmal ein paar Tage lang (bis auf ein paar zerlumpte Regalhüter) leer bleibt, sorge ich für Nachschub.  DSC_0107

Auch andere begannen, sich verantwortlich zu fühlen, wie mir Frank Gassner, der Initiator und Finanzier der Bücherschränke, erzählte: Als er einmal, wie er das alle paar Wochen zu tun pflegt, die nicht zirkulierenden Regalhüter einsammelte, sprach ihn eine Frau an und meinte, dass er nicht so viele Bücher aus dem Schrank mitnehmen könne, nur zwei oder drei. Soviel zum Stichwort Soziale Kontrolle.

Ich glaube, die Obststadt Wiener Neustadt wird auch so eine Schule des Vertrauens, des Beitragens und der Freude werden.

Und die Obststadt Wien ?

Eines Tages.

Versprochen

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