MaulbeerenLikör, MariaTheresias Seidenstrümpfe und OccupyTurkey in Wien

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Ich könnte damit beginnen, die Hände zusammen zu schlagen (in Buchstaben übersetzt: „Tschphhh!“) und über den Gartenzaun zu rufen: „Was für ein seltsames Obstjahr das heuer ist!“ Aber ich habe keinen Gartenzaun und mit dem Blick auf die Natur bekommt ohnedies jedes Jahr seine Seltsamkeit, seinen eigenen  Geschmack, seine unverkennbare Erzählung – und die ist naturgemäß spannend. Eine Bewertung in „gute“ und „schlechte“ Jahre ist dagegen nur langweilig.

DSC_0145Dieses Jahr klagen zum Beispiel steirische Obstbauern über drohende Verluste bei der Apfel-Ernte und viele andere Ernten verschieben sich angeblich um zwei bis vier Wochen, von den Gurken bis zum Wein. Auch die Kriecherln in meiner Umgebung sind noch immer so hartnäckig grün, als hätten sie sich der ewigen Jugend verschworen, währenddessen aber die weißen Maulbeeren im Hamerlingpark bereits reif sind und süß, obwohl sie das offiziell erst Ende Juni sein sollten. (Der Genauigkeit halber sei erwähnt, dass noch nicht alle Früchte reif sind und sich das süße Angebot noch über Wochen hinziehen wird).

Süß, aber etwas langweilig, schmecken die weißen Maulbeeren, sagen manche. Ich würde sagen, sie schmecken dezent süß. Aber vielleicht sollte ich hier nicht mitreden, die Maulbeeren vom Hamerlingpark, die wir gestern gesammelt haben, sind meine allerersten. „Süß!“ sagte auch der ältere Türke, der gerade vorbeispazierte. In der Türkei gebe es viele Maulbeeren, weiße und schwarze, „so groß“, sagte er und zeigte auf seinen Daumen.

Von den in Wien Geborenen kennen nur wenige Maulbeeren. Im Supermarktregal sind sie nicht vertreten, weil zu fragil – nur in manchen Bioläden und in getrockneter Form. In der Medizin wurde die Maulbeere früher einmal bei Fieber, Husten und Halsschmerzen eingesetzt, wegen ihrer schleimlösenden Wirkung. Maria Theresia ließ im Alten AKH (heute Uni-Campus) extra Maulbeerbäume pflanzen, Arznei zum Selbstpflücken.DSC_0185

Aber nicht deswegen schätzte die Kaiserin diese Bäume, sondern wegen der grünen Blätter, die mensch im Frühjahr einen guten Monat lang den Seidenraupen verfütterte. Die satten Raupen sponnen dann – Wunder der Verwandlungen – drei bis vier Tage lang einen Kokon als Schutz für ihre Verpuppung, aus Sicht der Luxusindustrie einen 3.000 – 4.000 Meter langen Seidenfaden. Das klingt nur viel: Um der Kaiserin ein Paar Seidenstrümpfe herzustellen, benötigte mensch rund 350 solcher Kokons.

Maulbeerpflanzungen und Seidenraupenzucht wurden zu Zeiten der Kaiserin gefördert und vor allem im klimatisch geeigneten Niederösterreich zu verwirklichen versucht, aber auch in der Vorstadt Wiens, also im heutigen 5. und 6. Bezirk, und im Ort Ober St. Veit, mittlerweile ein Grätzl in Hietzing. Mehr Wissen über das spannende Auf und Ab der Maulbeerbaum- und Seidenraupenzucht in Österreich findet sich HIER.

Ein angeblich direkter Nachkomme der Maulbeergeneration aus der Zeit der Kaiserin befindet sich im Hof des Hauses Schlossgasse 15 in Margarethen. Auch drei andere Maulbeerbäume stehen heute in Wien mit einer „Naturdenkmal“-Plakette da: in der Landstraßer Hauptstraße 4a, in der Weißgerberlände 42, in der Hirschengasse 18. Ein weiteres Dutzend Hinweise auf  Maulbeerbäume in Wien sind auf den Seiten https://fruchtfliege.crowdmap.com/?l=sw_KE   und www.mundraub.org. eingezeichnet.

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Nun noch kurz zu meinem persönlichen Maulbeeren-Abenteuer. Das setzte ich heute im Arne-Karlsson-Park fort. Dort steht ein Weißer Maulbeerbaum am Rand zur Währingerstraße, auch gut zehn Meter hoch wie der im Hamerlingpark, aber mit weit weniger Früchten. Auf einen Schwarzen Maulbeerbaum stieß ich dann vor dem Eingang zum Augarten in der Castelezzgasse. Obwohl die Schwarzen Maulbeeren amtlicherseits erst Mitte Juli reif sein sollen (einen Monat nach den weißen), haben sich hier schon viele vorgedrängt und werden von Tauben und Passantinnen gern genascht. „Das ist unser Baum! Alle Vögel und Menschen hier haben genug davon zu essen“, sagte eine junge Frau. Im Augarten selbst hat sie und ihre Tochter auch schon schwarze Maulbeeren gepflückt, erzählte sie, aber wo genau wusste sie nicht mehr.

DSC_0257Am Heimweg besuchte ich das große Solidaritätsfest mit den Gezi-Park-Aktivistinnen in Istanbul im Sigmund Freud Park (seit der Studentinnenbewegung von 2009 die neue Commons-Wiese für Demokratie in Wien). Dort hingen ganz andere Früchte in den Bäumen, Früchte des Protests gegen Erdogan, und für „ERDO-GONE“. Doch dann, hinter der Bühne, nahe der Votiv-Garagen-Einfahrt, sah ich, wie ein paar Menschen etwas von einem Baum pflückten, und tatsächlich: Auch dort steht ein Schwarzer Maulbeerbaum mit teils schon reifen Früchten. Einer der Pflücker erzählte mir, dass in der Türkei aus den Maulbeeren nicht nur Marmelade gemacht wird, sondern auch Likör: „Der wird stärker als Raki, der haut dich weg!“

Bleibt noch zu erwähnen, dass ich heute ein türkisches Wort gelernt habe: Auf Türkisch heißen die Maulbeeren schlicht und einfach „dut“.    (Text und Fotos: Peter A. Krobath)

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Comments
2 Responses to “MaulbeerenLikör, MariaTheresias Seidenstrümpfe und OccupyTurkey in Wien”
  1. Doraine sagt:

    Gibts denn ein Rezept für den sagenumwobenen Maulbeerlikör? Die Beschreibung lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen…

    • Kuserutzky sagt:

      haben es noch nie gemacht – hier ein rezept aus dem netz (aus der türkei hab ich auf die schnelle keines gefunden):

      Maulbeerlikör (Kanaren)

      Licor de moras

      Zutaten:

      Anzahl Einheit Zutat Zubereitungsart
      1 kg Maulbeeren frische reife
      1 l Branntwein klar (Winzerschnaps )
      750 g Zucker
      1 l Mineralwasser stilles
      0.5 Stangen Zimt
      2 Nelken

      Zubereitung:

      1. Die Maulbeeren in ein gut verschließbares Glas legen, mit dem Branntwein auffüllen und etwa 40 Tage ziehen lassen.

      2. Ist diese Zeit verstrichen, wird ein Sirup zubereitet. In 1 l Wasser den Zucker auflösen, die 1/2 Zimtstange und die 2 Nelken hinzufügen und etwa 10 Minuten kochen, dann kalt werden lassen. Den Sirup mit dem Alkohol, in dem die Maulbeeren eingelegt sind, vermischen und anschließend durch ein Tuch filtern – und schon können Sie den Likör probieren.

      viel glück!
      lass uns was zum kosten übrig…….

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