NationalBäume, Linde vs. Eiche vs. Autobahn und EU-Nuchen

Der Beitritt Österreichs zur EU hatte auch seine Auswirkungen auf die Wiener Parklandschaft.

So suchten z. B. die Staatsgläubigen (dazu passend die vorgestrige Heute-Aussage Straches „Staatbürgerschaft ist etwas Heiliges“) gleich nach dem Beitritt eine herzeigbare Vergangenheit und feierten 1996 aufgrund der urkundlichen Erwähnung eines Ostarrichi genannten Gebietes flugs „1000 Jahre Österreich“. Als I-Pünktchen des Jubeldings wurde die Wiener Wiese zwischen Euro-Druckerei und Gefängnis (diesen zwei Polen unserer heutigen Wirtschaft) Ostarrichi Park genannt.

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Im Sigmund Freud Park manifestierte sich der EU-Beitritt etwas direkter: 1997 pflanzte mensch dort einen EU-Baumkreis, wobei jedem der damals 15 EU-Ländern ein Bäumchen gewidmet wurde. Fruchtbaum befindet sich nur einer in der Runde, ein Nussbaum für Spanien, der heuer aber (im Gegensatz zu den meisten Nussbäumen in der Stadt) kaum eine Nuss trägt. (Hat hier ein EU-GeheimGärtner dafür gesorgt, dass es dem Baum so schlecht geht wie dem Land, das er repräsentiert?)

DSC_0313Auffallend auch: Gleich drei Mal stehen Eichen für eine Nation stramm, für Deutschland, Luxemburg und Portugal und ein Mal eine Roteiche für Dänemark. Während sich Österreich den Friedensbaum Linde ausgesucht hat, der sonst vor allem slawischen Staaten als inoffizielles Staatssymbol dient: Auf der allslawischen Versammlung 1848 in Prag wurde die Linde offiziell zum Nationalbaum von Tschechen, Mähren, Schlesiern, Slowaken, Polen, Ruthenen, Kroaten, Serben, Slowenen und Dalmatiner erklärt.

Wenn die EU einen Unionsbaum küren wollte, welcher wäre das dann? Die Linde oder die Eiche? Oder der kleinste gemeinsame Nenner der letzten 50 Jahre: Der Büro-Gummibaum?

Serbien ist sich mit der Linde anscheinend nicht so sicher und fühlt sich mitunter stark zur Eiche hingezogen: In dem Dorf Savinac (100 Kilometer von Belgrad) ist in den letzten Wochen eine jahrhundertealte Eiche, die einer Autobahn im Weg steht, zum Politikum geworden (mehr hier).  In Deutschland hingegen fühlen sich nicht alle wohl mit der Eiche als Nationalsymbol, da etliche Nazi-Insignien wie das Eiserne Kreuz oder das NSDAP-Parteiabzeichen mit Eichenblättern verziert waren. Der Versuch des Bundespräsidenten Roman Herzog 1996, das Nationalbäumchen zu wechseln und auf die Linde zu setzen, scheiterte.

DSC_0315Doch zurück zum Baumkreis im Sigmund Freud Park. Oder besser: in seine Mitte. Dort wurde anlässlich der EU-Erweiterung im Mai 2004 von den „Partnern aller Nationen“ ein fünfeckiger Tisch mit zehn überdimensionierten Sitzgelegenheiten (für die zehn neuen Mitglieder) aus Granit errichtet. Das massive Ding lässt eher an die Festung Europa denken als an eine demokratische Diskussionskultur.

Wird die Abgrenzung nach außen das identitätsstiftende Element Europas, das etliche seit Jahren vergeblich suchen? Die gemeinsame Währung ist es im Moment gewiss nicht. Und die Rückbesinnung auf Antike und Aufklärung scheint ein zu elitäres Programm. Bleibt aktuell also neben der Abschottung gegen die Einwanderung aus armen Ländern der Konflikt mit den USA. Nein, nicht vom Vorhergehen der amerikanischen RatingAgenturen oder der NSA ist hier die Rede, sondern von der sexuellen Metaphorik, mit denen die Neokonservativen auf den alten Kontinent herabblicken: Die Europäer seien „warme Brüder“ und impotent, „EU-nuchen“. Wirkt das mehr? Trifft das die männlichen Identitätssucher in Europa voll ins Eichenlaub?

Das Konzept der Identität ist ein fragwürdiges, egal ob einer europäischen oder österreichischen oder individuellen Identität. Bei letzterem könnte ich mich gar nicht entscheiden, welches Konstrukt ich mehr verabscheue: Das der Ich-AG (ein den Forderungen des Arbeitsmarkts entsprechend hingebogenes Ich) oder das des wahren Ichs (welches einen tief in uns verborgenen Kern voraussetzt, den es zu suchen und zu finden gelte).

Und welches Ich äußert hier seine Abneigung? Beantworten Wir das am besten mit den Worten des großen äh europäischen Essayisten Montaigne, der hier noch mehr Mitspieler sieht als ParkHerr Siegmund Freud in seiner Es-Ich-ÜberIch-Theorie:

Wir bestehen alle nur aus buntscheckigen Fetzen, die so locker und lose aneinanderhängen, dass jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will; daher gibt es ebenso viele Unterschiede zwischen uns und uns selbst wie zwischen uns und den anderen. 

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