ERDAPFEL, ECHT URBAN. Grüne Commons in der Stadt

Text von Rote Rübe, Fotos: Stadtfrucht, Milena Krobath

Zu einer Stadt, die etwas auf sich hält, gehören auch ein paar Flecken feinsäuberlich geschnittenen Grüns, mit Blumenrabatten garniert. Darin zeigt sich zugleich eine bestimmte Vision von Natur: restlos gezähmt, in Korsette eingezwängt, ein Spektakel für Konsumierende, der Betrachtung, bestenfalls zum Spielen nutzbar. Das Grün der Stadt hat noch eine zweite Form, die einer Verlegenheitslösung, eines Zeichens von Verfall oder der Erwartung eines Investments, nur temporär oder gewissermaßen nicht vollgültig existent: als ein Streifen neben oder zwischen Straßen, der mangels staatlicher oder privater Mittel des Asphalts entbehrt, oder als eine Brache.

Privatgrundstück2

Das Grün der Stadt ist ein Herrschaftsgrün, wie der englische Landschaftsgarten, der barocke Park oder der moderne Golfrasen. Herrschaftkann es sich leisten, die unversiegelten Flächen entweder nicht sinnvoll zu nutzen, oder als eine bloße Augenweide für jene, die sich an strikter Naturkontrolle ästhetisch laben. Das ist eine dem städtischen Grün innewohnende Botschaft an die Betrachtenden.

Die moderne, kapitalistische Stadt entwickelt sich historisch aus der Zerstörung der bäuerlichen Lebensweise. Sie verkörpert damit die Trennung der meisten Menschen von den Mitteln zur Reproduktion ihres Lebens. Zuerst noch privilegierter Ort der Fabrik, wird die Stadt immer mehr auch als ein Konsumraum konzipiert. So beginnt die Trennung zwischen körperlicher und geistiger Arbeit der Kluft zwischen Land und Stadt zu entsprechen. Solche Klüfte spalten auch die Menschen.

_DSC1635Doch entwickelt diese Stadt noch etwas Anderes, nämlich Begriff und Praxis des öffentlichen Raums. Das Bild des öffentlichen Raums vereint in sich den Wunsch nach einem Raum, der frei ist vom Staat, zu dem alle Menschen Zugang haben und den sie selbst gestalten können. Die Realität war und ist davon weit entfernt. Durch Überwachung, Kommerzialisierung und eine wachsende soziale Polarisierung gilt dies heute mehr als je zuvor.

Die neoliberale Stadt ist ein Ort von Widersprüchen. In ihrem Rahmen entstehen auch Initiativen, die dem Grün der Stadt neue Bedeutungen geben und alternative Praxen der Produktion von Grünraum entwickeln. Der Trend zur Landwirtschaft in der Stadt ist weltweit zu beobachten. Während er im globalen Süden vor allem mit der puren Not zu tun hat, scheint er im Norden bislang vorrangig kulturelle Bedürfnisse auszudrücken. Dort verbindet urbane Landwirtschaft wohl die Sehnsucht nach mehr Autonomie, die solche Bewegungen zuerst einmal mit dem Zugang zu Nahrungsmitteln assoziieren, mit dem Wunsch nach besseren sozialen Beziehungen, nach Vielfalt und einer Einebnung rassistischer und sexistischer Spaltungen, nach kollektivem Tätigsein auf der Basis von Gleichheit.

Diese Bewegungen zeigen sich als verschiedene Formen gemeinschaftlichen Gärtnerns, aber auch in Selbsterntefeldern, FoodCoops, dem Guerilla Gardening und in Wien seit Neuestem sogar in Ansätzen zur Landbesetzung. Sie holen nicht nur produktive Praxen in die Stadt zurück, die ihr identitätsstiftend und herrschaftsfunktional als „das Ländliche“ abgetrennt worden sind, sondern mit ihnen auch Anklänge an Organisationsformen der vorkapitalistischen Bäuerinnen- und Bauernschaft.

Der öffentliche Raum, der vor allem mit dem Urbanen assoziiert worden ist, wird so von sozialen Praxen durchsetzt, die man in die Nähe der mittelalterlichen Dorfallmende rücken kann, also von kollektiv verwalteten Gemeingütern, von Commons. Eine bemerkenswerte Verschiebung, zumal in Österreich zum Beispiel ein öffentliches Wegerecht in Wäldern gilt, der ländliche öffentliche Raum juristisch gesprochen so betrachtet weit mehr Fläche einnimmt als der in der Stadt._DSC2005

Öffentlicher Raum als Wunsch und Vorstellung ist mit der Stadt deshalb so eng verbunden, weil diese durch ihre soziale Dichte selbst eine Art Gemeingut darstellt. Die Quantität ihrer BewohnerInnen schlägt um in eine neue Qualität, eben des Urbanen. Anstatt Commons und öffentlichen Raum in einem Gegensatz zu sehen, scheint sich hier eher eine Kontinuität auszudrücken.

Die neuen Commons, die auf unversiegelten Flächen in der Stadt entstehen, beginnen daher nicht nur die vorherrschende Trennung zwischen Produktion und Konsum, Körper und Geist, Land und Stadt zu unterwandern. Sie füllen vielleicht auch den öffentlichen Raum mit neuen Bedeutungen. Sie könnten dazu beitragen, die Potenziale des Kollektiven, die das Urbane bezeichnet, in einem tieferen Sinne fruchtbar zu machen.

(Dieser Text erschien auch in der Broschüre „Recht auf Marmelade!“ herausgegeben von Kuserutzky Klan und Stadtfrucht Wien im rahmen der WienWoche 2013)

 

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