Lasst die Kinder raus!

Kinder haben zu wenige Freiräume, in denen sie unbeaufsichtigt ihre Umgebung erkunden können. Ihr Mobilitätsradius in den Städten wird durch Verbote und Überbehütung eingeschränkt. Ihr Zugang zur Natur ist entfremdet. Dieser Artikel entstand im Auftrag des Universum Magazins und erschien dort in der Ausgabe vom Dezember 2013– Text: Peter A. Krobath, Fotos: Roots Camp und StadtfruchtWien

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Ich biete den Kindern eine Schleuse in das Hier-und-Jetzt aus dem Immer-und-Überall, sagt der Natur- und Landschaftsführer Jürgen Schneider, und das klingt so ohne Einleitung an den Anfang gestellt etwas seltsam, irgendwie nach Science-Fiction. Ist es natürlich nicht. Im Gegenteil: Das Reiseangebot soll zu den eigenen Wurzeln führen und beginnt mit einem einfachen Technikverzicht. Denn der Mann mit der sonnigen Ausstrahlung eines Naturburschen weigert sich schlicht und einfach, das von ihm betriebene Ferien-Camp mit einem Stromkabel zu verbinden.

Kein Strom heißt für seine jungen Gäste kein Handy und kein Internet, also kein ständiges Abchecken, wo es gerade was für Alternativen gibt und welche Freunde an welchen Orten in diesem Moment auch unermüdlich die Smartphone-Tastatur bedienen. Kurzum, eine Woche im Roots-Camp bedeutet: Das pure Offline-Leben. Nur Hier sein. Und im Jetzt. Also ganz da. Für so manche Buben und Mädchen eine völlig neue Situation, die geradezu danach schreit, sofort in die Welt hinausgetwittert zu werden. – Ach ja, geht nicht. Und was nun?

Nutzen wir dieses Stück Papier hier und rutschen darauf einfach hundert Jahre zurück in die Kindheit der großen schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren: „Gunnar, Astrid, Stina und Ingegerd, so hießen die Ericssonskinder auf Näs. Es war schön, dort Kind zu sein, und schön, Kind von Samuel August und Hanna zu sein. Warum war es schön? Darüber habe ich oft nachgedacht, und ich glaube, ich weiß es. Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit.“

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Ganz im Bullerbü-Stil

Die Freiheit war unter anderem durch die vielen Orte gegeben, an denen die Kinder unbeaufsichtigt spielen konnten, in der Scheune und im Stall und im Tischlerschuppen und auf den Dächern und in den Bäumen und im Sägespänehaufen bei der Sägemühle, „wo wir viele Gänge und Höhlen gebaut haben, ein richtiges unterirdisches System“, erzählt Lindgren in ihrer Autobiographie. Vieles aus ihrer Kindheit diente dann als Vorlage für die Geschichten über die berühmt gewordenen „Kinder von Bullerbü“, die für etliche Generationen zum Idealbild für eine glückliche Kindheit wurden.

roots7   „Wenn du die Kinder heute so leben lässt, wie das die Astrid Lindgren beschreibt, dann hast du die Fürsorge am Hals“, sagt Jürgen Schneider. Auch er sieht auf eine Kindheit zurück, wo er im Kreis seiner Kusinen und Cousins „ganz im Bullerbü-Stil“ erwachsenenfrei die Umgebung erkundete. „Wir haben bei unserer Großmutter ein Frühstück bekommen und dann waren wir draußen. Irgendwann hat sie uns zum Essen gerufen und wir sind wieder gekommen, dann waren wir wieder draußen bis es dunkel geworden ist.“ Draußen-Sein hieß, am Ortsrand von Lustenau herumzuziehen, durch Gstetten, Wiesen und die entwässerten Torfmoore des „Schweizer Ried“ zu streifen, den Pferden auf den benachbarten Bauernhöfen einen Besuch abzustatten, und das etwas verwachsene Gelände des Frachtbahnhofs zu erforschen – und das während der Monate ohne „R“ naturgemäß barfuß.

Das pure, gerätelose Leben

Geplant war das ursprünglich nicht, dieses neue Kinder-Abenteuer, ohne Smartphone zu überleben. Als die Familie Schneider vor rund zehn Jahren von Wien nach Hadersfeld bei Greifenstein zog und sich ein Tipi an den Rand des Wienerwalds stellte, war noch nicht absehbar, welche Bedeutung der Hosentaschencomputer für die junge Generation erlangen wird. „Ich wollte mir nicht einfach einen Liegestuhl ins Grüne stellen, sondern mich richtig in der Natur niederlassen, auch wenn es nur ein Wochenende war. Auf Strom zu verzichten und während dieser zwei Tage auch nicht zum Haus zu gehen, das hat zu so einem richtigen Weg- und Draußen-Gefühl geführt. Das hat den Kindern irrsinnig getaugt.“ Schon bald stießen Nachbarkinder dazu, dann Schulkollegen und schließlich gab Jürgen Schneider ein Versprechen: „Ich mach da eine Woche für euch im Sommer“.roots6

Heute ist das Roots Camp ein kleines Dorf mit Hütten, zwei Tipis, einer Jurte und einer Lehmküche und bietet Erwachsenen und Kindern vielfältige Zugänge zu einem naturnahen Leben, vom „nomadischen Wandern“ über das Erlernen der Grundtechnik, Feuer zu machen, bis zu den bereits erwähnten Feriencamps. Doch was passiert in so einem Feriencamp ohne Strom, ohne Uhren, ohne Spiegel, ohne Taschenlampen, ohne Handy?

„Am Anfang sind die Kinder ein bissel ratlos. Die übliche Beschäftigungstherapie ist weg. Also sitzen sie da und wissen nicht, was sie tun sollen. Denn wir bieten ihnen auch kein Programm an, keine Animation.“ Doch die Möglichkeiten, die sie im Roots Camp haben, sind so spannend, dass die Kinder sie spätestens nach einem Tag ergreifen: Barfuß gehen dürfen, auf Bäume klettern dürfen, ein Taschenmesser haben dürfen, Feuer machen dürfen, draußen schlafen dürfen, allein in den Wald gehen dürfen. Aus der Sicht vieler heutiger Eltern lauter No-Gos: Pass auf, du wirst dreckig! Pass auf, du fällst runter! Pass auf, du schneidest dir in den Finger! Pass auf, du verbrennst dich! Und: Pass auf, du verirrst dich im dunklen Wald!

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Naturentfremdung und Biophilie

„Wenn Kinder nicht lernen und beweisen können, wie geschickt sie sind, erhöht sich am Ende wirklich die Gefahr, dass sie sich häufig verletzen“, weiß der Roots-Camp-Betreiber. Natürlich ist das Ausprobieren-Dürfen mit dem einen Schnitt oder dem anderen Kratzer verbunden. Auch Verbrennungen kann es geben, doch rühren die weniger vom Feuer: Nicht alle aus der Generation der „digital natives“ sind in der Lage, eine Brennnessel zu erkennen. Auch wissen etliche Kinder von heute nicht mehr, wie sie auf einem am Boden liegenden Baumstamm balancieren oder wie sie barfuß über die Wiese laufen sollen (sie ziehen zwar die Schuhe aus, aber lassen die Socken an). Beim Baumklettern achten Schneider und sein Team darauf, dass kein Konkurrenzverhalten entsteht und alle auf ihren natürlichen Ratgeber Angst hören, also nur so weit klettern, wie sie sich trauen.

„Ist Naturentfremdung eine Folge der beschleunigten Veränderungen unserer Lebensweisen“, fragt der deutsche Natursoziologe und „Wanderpapst“ Ulrich Brämer in einem Essay. Er konstatiert, dass die sehr langsamen Veränderungen unserer genetischen Natur mit den schnelleren technischen Veränderungen unserer Zivilisation nicht mithalten können. Daher wirke sich das Zurückgehen der Naturerfahrungen negativ auf eine vielseitig-ausgewogene kindliche Entwicklung aus.

Ein Säugling schaut, wenn man ihm die Wahl zwischen einem wirklichen Kaninchen und einer Holzschildkröte lässt, häufiger und länger auf das echte Tier. Aufgrund dieser und anderer Untersuchungen sieht der Naturphilosoph Andreas Weber unsere Kognition von „Biophilie“ bestimmt, von der Liebe zum Lebendigen: „Das werdende Hirn stützt sich demnach in ähnlicher Weise auf die kognitiven Bausteine einer belebten Welt, wie etwa das Knochenwachstum von der Verfügbarkeit von Kalzium abhängt. Solche elementaren Nährmaterialien durch künstliche Inhaltsstoffe zu ersetzen mag irgendwie funktionieren, aber es bedeutet für die heranwachsende Seele dauernden Stress.“

Weber, Brämer und andere Autoren nennen für das Natur-Defizit-Syndrom (siehe unten) der jungen Generation folgende Gründe:  geringer Naturkontakt, schwindendes Wissen über Pflanzen und Tiere, wohlgeordnete statt wilde Natur, mangelnder Einblick in die Herkunft der Lebensmittel, eine unterentwickelte geschmackliche Sensibilität für Wildfrüchte, eine Idealisierung und Vermenschlichung der Natur in Filmen und ein Desinteresse an der auf den ersten Blick oft reizarmen realen Natur. (Nicht unerwähnt bleiben sollte an dieser Stelle, dass Naturentfremdung schon seit über 100 Jahren beklagt wird und zwar bei der jeweils jüngeren Generation.)

Verbote und Überbehütung

DSC_0482Auch ein überreglementierter Naturschutz kann zur Naturentfremdung führen, meint Brämer in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung: „Da wird vor allem der Jugend ständig gepredigt, was wir in der Natur alles nicht mehr tun dürfen: nichts mehr anfassen, auf den Wegen bleiben, leise sein, Kleintiere nicht streicheln, keine Kräuter pflücken. Wie langweilig! So kann sich kein vernünftiges Verhältnis zur Natur entwickeln.“

Eine zunehmende Zahl an Verboten prägt auch das Leben der Kinder in der Stadt. „Man muss sich nur die Verbotstafeln in den oft großen und schönen Höfen der Wiener Gemeindebauten anschauen. Alle zwei, drei Jahre kommt ein neues Verbot dazu, anstatt sich ein Konzept zu überlegen, wie auch die Kinder da leben können“, sagt Jugendexperte Philipp Leeb. Legt hier eine Generation, die von den Freiheiten ihrer eigenen Kindheit romantisch erzählen kann, der nächsten Generation Prügel in den Weg? Oder sind die Kinder Opfer einer Stadtentwicklung, die von der Kommerzialisierung des öffentlichen Raums und einem überzogenem Sauberkeits- und Sicherheitsdenken geprägt ist?

Der Mobilitätsradius der Kinder hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich verringert. Um 80 Prozent, stellt der britische „Children’s Play Council“ fest. In der schwedischen 40.000-Einwohner-Stadt Trollhättan hat man dazu folgende Zahlen erhoben: 1925 hatten Kinder einen Mobilitätsradius von 6,5 Kilometern, 1950 von 1,5 Kilometer, 1975 von 500 Metern und 2000 von 100 Meter. Wobei nicht nur das steigende Verkehrsaufkommen die Bewegungsfreiheit einschränkt, sondern auch die Angst vor diesem. Was mitunter paradoxe Auswirkungen hat: Eltern, die ihre Kleinen mit dem Auto bis vors Schultor chauffieren, erhöhen gerade dort die Unfallgefahr.

Verunsicherte Eltern

Die Kindererziehung bewegt sich heute zwischen den Extremen von Überbehütung und Verwahrlosung. In Wien wurde vor kurzem eine DSC_0470Kirschbaumallee gefällt –  mit dem Argument, es könnten Kinder zum Kirschpflücken auf die Bäume klettern und runterfallen. Entsteht eine Baulücke, auf der ein paar herumliegende Bretter Kindern schon zur freien Gestaltung einer Abenteuerwelt reichen würden, wird sie ruckzuck mit einem kraxelsicheren Zaun umgeben. In den USA werden auf manchen Spielplätzen sogar Schaukeln und Rutschen entfernt, weil sie als zu gefährlich gelten. Auf der anderer Seite werden Kinder bedenkenlos dem Feinstaub des Autoverkehrs ausgesetzt – am meisten die, welche Airbag-geschützt selbst im Auto herumkutschiert werden, denn Feinstaub ist so fein, dass er auch bei geschlossenen Fenstern und Türen eindringt. Oder Kinder dürfen ohne Aufsicht und Einschränkung im Internet surfen.

„Wenn ein Volksschulkind mit einem pornografischen Ausdruck daherkommt, ist der Aufschrei groß und es merkt schnell, dass es da ein Tabu gibt. Aber einem Gespräch über diese pornografische Welt, auf die es im Internet stößt, und wie es ihm damit geht, weichen die Erwachsenen eher aus“, weiß Leeb, der mit dem Verein Poika gendersensible Bubenarbeit anbietet und fördert. „Wir stehen da oft für fehlende Väter und bieten den Buben einen geschützten Raum, um über wichtige Themen wie Gewalterfahrung, Freundschaft und Sexualität zu reden.“

Die Eltern von heute seien stark erziehungsunsicher geworden, stellt Leeb fest: „Für jede Frage gibt es unterschiedlichste Ratgeber und der Spielplatz gleicht dann einer Castingshow mit einer gnadenlosen Elternjury: Du bist ein Verbrecher, wenn du dein Kind nicht impfen lässt. Du bist ein Verbrecher, wenn du dein Kind impfen lässt. Du bist ein Verbrecher, wenn du dein Kind ohne Handy auf den Schulweg schickst. Und einer, wenn du es mit dem Handy an der unsichtbaren Leine hältst.“

Womit wir wieder beim Handy wären. Wie sollen Erziehende damit umgehen? Vielleicht ist es ja gut, dass es keine in Stein gemeißelten pädagogischen Regeln mehr gibt. Vielleicht können Eltern und Kinder so zu einem individuell vereinbarten Umgang mit den neuen Technologien finden, die ihre Legitimation im Bauchgefühl hat.

Im Hadersfelder Roots Camp hat Jürgen Schneider die Erfahrung gemacht, dass das Handy bereits nach einem Tag völlig vergessen ist. „Es ist auch so, dass es nach dieser Woche sofort wieder da ist. Aber die Tatsache, dass es ohne geht, bleibt als eine der im Camp gemachten Erfahrungen gespeichert.“

www.rootscamp.at

www.poika.at

DSC_0398NATUR-DEFIZIT-SYNDROM

In Anlehnung an das (zu einem Geschäftszweig der Pharmaindustrie mutierte) Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom wurde die Marginalisierung der Natur im Alltag der Kinder und Jugendlichen 2006 vom US-Autor Richard Louv mit dem Begriff „natur deficit disorder“, Natur-Defizit-Syndrom, getauft. Louv macht für dieses Defizit überbeschützende Eltern, die Abschottung wohlhabender Wohnbezirke und die schon absurde Schuldsuche geschäftstüchtiger Rechtsanwälte verantwortlich. Sein Buch „Last Child in the Woods“ erfuhr in den USA große öffentliche Aufmerksamkeit und führte zur Gründung zahlreicher Initiativen, zum Beispiel dem „Children & Nature Network“ (www.cnaturenet.org ).

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3 Responses to “Lasst die Kinder raus!”
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  1. […] Weltspieltag Deutschland, Fachstelle SpielRaum, Lasst die Kinder raus! […]

  2. Freih/zeit | sagt:

    […] So ergeht es auch den Kindern der aktuellen Generation. […]

  3. […] (Der passende Hyperlink zum letzten Bild:  Lasst die Kinder raus!) […]



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