Als sie die Autos zurückpfiffen

Es ist wieder einmal soweit: Diverse Autohersteller rufen Millionen PKWs zurück.

Als das vor fünf Jahren erstmals in einem größeren Maße geschah und wir vom Kuserutzky Klan gerade die Aktion „Pimp my Einkaufswagerl“ starteten, um Einkaufswagen für Transporte in einer autolosen Stadt straßentauglich zu machen, schrieb ich für die „Kommentar der anderen“-Seite im Standard einen Tagtraum auf, der mir heute zu den aktuellen Nachrichtenmeldungen wieder eingefallen ist und der – da ein Traum – nichts an Aktualität verloren hat. – Voilà:

Wagerl-Garage

Als sie die Autos zurückpfiffen

Ein spontaner Tagtraum anlässlich des Trends, Autos zurückzuholen – Peter A. Krobath

 

Als die Autohersteller der Welt alle Autos zurückpfiffen, die fahrenden und die parkenden, die alten stinkenden und die neuen hybriden, begriffen wir allmählich, dass die Stadt zwischen den Häusern uns gehörte, und da und dort und anderswo wuchsen die Wohnräume und Spielplätze und Gärten auf die Straße hinaus.

In der Neustiftgasse spannten wir Wäscheleinen über die Fahrbahn. Am Schottenring zogen wir Tomaten, griffbereit. Auf der Praterstraße legten wir Boccia-Bahnen an. Am Gaudenzdorfergürtel bauten wir einen kilometerlangen Skaterinnen-Parcour. Am Margaretengürtel pflanzten wir eine Quitten-Feigen-Plantage. In der Berggasse experimentierten wir mit einer Ganzjahres-Rodelbahn und donnerten todestriebig in die Porzellangasse. In der Stumpergasse halfen wir einem Wildbach an die Erdoberfläche. Am Europaplatz managten wir eine Allmende mit zwei Dutzend Ochsen. Am Stillfriedplatz pflanzten wir einen Wald.DSC_0034

Wir gewöhnten uns an, unter den Bäumen der Schüttelstraße und der Hadikgasse eine Siesta abzuhalten. Auf die Linke Wienzeile und auf die Rechte Wienzeile schrieben wir täglich neue Gedichte, die man noch vom fünften Stock aus lesen konnte. Bei schönem Wetter verlegten wir unsere Arbeitsplätze und Esstische und Krankenbetten in die ehemaligen Kurzparkzonen und beobachteten die in den Ampelgehäusen nistenden Kuckucke. Wir entdeckten, dass wir interessante Nachbarinnen haben. Und auf einmal standen Fernsehsessel dort, wo man wirklich in die Ferne sehen konnte, auf der Philadelphiabrücke, auf der Laaerstraße oder am Flötzersteig.

Auf der TU entwickelten wir eine Zusammenphaltmaschine zur Straßenbelag-Entsorgung. Den Dreiradfahrern, den Rollstuhlfahrern und den Fahrradfahrerinnen bauten wir richtige Wege, genauso den Kinderwagen- und den Einkaufswagenschiebern. Für die Solarkarren, mit denen die Bauern der Umgebung ihre Produkte auslieferten, legten wir Transportwege aus Flüsterluft an.

Dann pfiffen die Banken der Welt alles Geld zurück, das echte und das virtuelle, das faule und das parfümierte, und wir regelten unsere Dinge über Gespräche. Endlich lernten wir in allen Sprachen der Stadt zu streiten. In der Julius-Meinl-Gasse stellten wir eine riesige Luftburg auf. Die Tomaten vom Schottenring verwendeten wir nun für den Salat. Zum Nachdenken benutzten wir die frei verfügbaren Hängematten am Esteplatz, in der Pasettistraße, der Herbststraße und der Laxenburger Straße.

Befrei dich vom AUto 3

An jeder Straßenecke organisierten wir eine Gemeinschaftsküche. In den einstigen Parkgaragen richteten wir grätzlverwaltete Produktionsräume und Fahrradwerkstätten ein. Eine Tankstelle flog in die Luft, weil wir vergessen hatten, warum man dort nicht rauchen durfte. Die Kinder wunderten sich über geerbte Münzsammlungen und Spielzeug-Autos. In schummrigen Keller-Etablissements trafen sich alte Männer zum Formel-I-Schauen.

Die Schulklassen machten regelmäßig Exkursionen nach Vösendorf, um die hängenden Gärten und die Wildtiere in den Ruinen der Shopping City Süd zu sehen. Die unvergesslich schönen Schneckenwiesen am Eric-Kandel-Ring zogen zahlreiche Wandertouristen aus den Nachbarländern an. Und dort, wo in unserer Stadt noch ein Mittelstreifen übrig geblieben war, übten kleine Kinder das Seiltanzen.

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