Die Flachland-WILDERER in der LOBAU

In Akten des k. k. Oberstjägermeisteramtes Wien von 1810 bis 1919 entdeckt Robert Eichert ein spannendes Stück bisher unbekannter Geschichte aus der Lobau. – Text und Fotos: Peter A. Krobath

Löbliches k. k. Forstreichsamt, schreibt der k. k. Hofjäger Franz Grabner aus Ebersdorf am 23. Jänner 1839, gleich einen Tag nach dem Ereignis. „Am 22ten dieses Monats fiel ein 6-endiger Hirsch vom Schneidergrund die schwere Donau an, um auf die Lobau überzuschwimmen, wobey er von vier Albener Fischern, welche dort mit ihren Gewerbe beschäftigt waren, mittels eines Schiffs-Hakens nach einigen betäubenden Schlägen auf den Kopf untergetaucht und ertränkt wurde.“

DSC_0383Ein Vorfall, der von einem „herrschaftlichen Forstjungen“ beobachtet und seinen Vorgesetzten zur Anzeige gebracht wurde. Und eine der „Best of Wilderer-Geschichten“, die der Donaustädter Bezirksrat und passionierte Lobau-Historiker Robert Eichert für eine Ausstellung aufbereitet hat, die noch bis zum 26. Oktober im Nationalparkhaus und in der Forstverwaltung Lobau zu sehen ist.

Wildostgeschichten

Wilderer? Bei uns im Flachland? Ein Thema, das weder in die Volksliedkultur noch in die Forschung Eingang gefunden hat. „Die Wilderer aus den Alpen sind zu edlen Wildschützen hochstilisiert worden, die Schriftsteller haben daraus österreichische Wildwestgeschichten gemacht“, erzählt Eichert. „Für das Gebiet östlich von Wien hat sich eigentlich keiner interessiert.“

Die Wilderei hat es dort genauso gegeben, vor allem in Notzeiten – ein Armutsphänomen. Während die männlichen Habsburger versuchten, sich bei den Abschusszahlen zu übertrumpfen – Top-Killer Franz Ferdinand brachte 277.769 Tiere zur Strecke, ehe ihn am 28. Juni 1914 zwei Pistolenschüsse in Sarajewo stoppten (1) -, war das Wildern für den armen Teil der Bevölkerung eine der wenigen Chancen, ein Stück Fleisch auf den Teller zu bekommen. Moralische Bedenken gab es keine. Vom Rechtsempfinden her galt der Wald für viele wohl noch als Allgemeingut, das Nahrung, Brennholz und Baummaterial für alle lieferte.

„In den Notjahren vor 1848 hat die Bevölkerung zunehmend aufbegehrt und sich nichts mehr geschissen“, erzählt Robert Eichert. „Da sind sie bei den Treibjagden der hohen Herrschaften in Gruppen von 50 Leuten hinter der Jagdlinie hergegangen und wenn da ein Reh vorbeigeprescht ist, dann haben sie es einfach mit Knüppeln erschlagen. Da gibt es dann etliche Aussendungen, man möge da endlich was dagegen tun, weil es sonst der Obrigkeit bald keinen Spaß mehr mache, auf die Jagd zu gehen.“

AusstellungsMacher Robert Eichert (r.) mit dem vor kurzem verstorbenen Berzirksvorsteher Norbert Scheed am 22. Juni 2014 beim Feld&Hof-Fest am Naufahrtweg

AusstellungsMacher Robert Eichert (r.) mit dem vor kurzem verstorbenen Berzirksvorsteher Norbert Scheed am 22. Juni 2014 beim Feld&Hof-Fest am Naufahrtweg

Die „Schlingenpest“

Quelle aber auch Inhalt der Ausstellung sind die im Staatsarchiv archivierten Geschäftsstücke des k.k. Oberstjägermeisteramtes Wien von 1810 bis 1919. Die Wilderer-Geschichten werden durch (teils vereinfachte) Ausschnitte aus diesen Dokumenten erzählt. Die mit Unterwürfigkeitsfloskeln überfrachtete Amtssprache gibt einen zusätzlichen Einblick in die Zeit – „unliebsam wird bemerkt“, man „erlaubt sich untertänigst“ oder gibt sich (wie ja heute noch beliebt) die Ehre:

„Zugleich gibt sich die gefertigte Herrschaft die Ehre, freundschaftlichst zu eröffnen, daß – wie die abgeführten Untersuchungen zur Genüge zeigen – die wenigsten Wilddiebstähle durch Feuergewehre geschehen. Die meisten geschehen durch Schlingenlegen, wozu größentheils Messing- oder Eisendraht verwendet wird, welcher bei allen Kaufleuten und Krämern (…) frey und ohne Anstand zu haben ist.“ Also fordert die k. k. Familienherrschaft Orth und Eckartsau, „den freyen Verkauf einzuschränken“.

Schlingen galten bereits im 19. Jahrhundert als „unehrlich“, aber noch nicht als Tierquälerei. Gefangen wurden damit vor allem Kleintiere – Fasane, Rebhühner und Hasen. Die Jäger bekamen für die aufgefundenen und abgelieferten Schlingen Prämien, was das Ausmaß der „Schlingenpest“ vermutlich (mit Selbstgebasteltem) ein wenig erhöhte.

Individuen von zweifelhaftem Rufe

Die große Donauregulierung von 1870 bis 1875 brachte nicht nur wildernde Arbeiter in die Lobau, sondern machte das Gebiet nun „von allen Seiten zugänglich“ (zuvor war die Lobau eine von Donau-Armen umschlugene Insel). So berichtet 1885 ein Jagdinspektor, dass sie ihrer Aufgabe „zur Hintanhaltung größerer Wilddiebstähle“ nicht mehr nachkommen könnten, da zahlreiche „Individuen von zweifelhaftem Rufe“ in die Auen gelockt worden sind, „welche sich hier fast zu jeder Jahres- und Tageszeit etwas zu schaffen machen.“ Die vielen „in jeder Hinsicht verdächtigen Klaubholzsammler und im Inundationsgebiet arbeitsscheuen und sich scheinbar vom Fischfang ernährenden Menschen sind zu überwachen“, fordert er.

In die Fänge der Obrigkeit geraten die Flachland-Wilderer dann nicht nur durch Überwachung, sondern mitunter aus Übermut – wie jene drei Männer, die sich am 8. August 1906 nach getaner Tat in einer Brandtweinschänke in Stadlau stärkten und allen Ernstes glaubten, weder durch ihre unförmigen Körper noch durch ihren eigenwilligen Geruch auffallen zu können. „Bei der Leibesvisitation auf der Sicherheitswachstube wurde konstatiert, dass dieselben mittels sogenannter Faschen um den ganzen Oberkörper herum bandagiert waren und am Körper 18 Fasanen und 2 Rebhühner mit diesen Binden befestigt waren.“

Lebt kümmerlich vom Taglohn

Laut Akten waren es Fischer, Taglöhner, Bettelweiber und Knechte, die gewildert haben, aber auch die k. u. k. Jägerjungen, Jagdgehilfen und Hofjäger selbst „fällten“ das eine und andere Wild für die eigenen Tasche. Die Gelegenheit macht den Täter, könnte mensch bei Letzteren folgern – wiederholte Ansuchen für Lohnerhöhungen legen für Eichert jedoch den Schluss nahe, dass es auch hier existentielle Motive gab.

DSC_0038 Bestraft wurde das Wildern in der Regel wie ein Diebstahl: Die Überführten bekamen zwischen drei und vierzehn Tage Arrest aufgebrummt, verschärft durch 24 Stunden Fasten oder Dunkelhaft. Die zusätzlichen Geldstrafen für die erlegten Tiere konnten oft nicht eingetrieben werden: „ein Pferdeknecht, derzeit zahlungsunfähig“,  hieß es dann in der Akte oder „lebt kümmerlich vom Taglohn“, „verarmter Einwohner, körperlich verkrüppelt“, „besitzt zwar die Hälfte eines Hauses, ist jedoch verschuldet, aber übrigens als ein sehr ruhiger und gehorsamer Unterthan bekannt“.

K. u. k. Soldaten als Wilddiebe

Der Erste Weltkrieg brachte zwei neue Gruppen von hungrigen Menschen in den Wiener Auwald: Soldaten und Kriegsgefangene.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurden rund um Wien Gräben und  Befestigungen angelegt, vor allem im Osten, aus Angst vor den Russen. Etliche von diesen landeten später tatsächlich in der Lobau, in einem Kriegsgefangenenlager, dem so genannten Russenlager. Aus der Zeit von 1914 und 1915 werden in den Akten mehrere Fälle aufgezählt, in denen Unteroffiziere ihre Mannschaft direkt zum Wilddiebstahl aufforderten. Auch der im Laufe des Krieges und der zunehmenden Versorgungsknappheit ins Auge gefasste Plan des Militärs, aus Brennnessel-Fasern Textilien herzustellen („Das Leinen der armen Leute“), löste bei den Jagdbehörden Besorgnis aus:

„Was das Sammeln von Brennnesseln in der Lobau und der damit im Zusammenhange stehenden Aufenthalt von 300 – 400 Mann Militär für die Beunruhigung des Wildes mit sich bringt, dürfte nicht von der Hand zu weisen sein. Hinzu kommt, daß sich darunter auch ein gewisser Prozentsatz jagdlich unzuverläßlicher Elemente befinden, die das im Zivilkleide gelernte Schlingenlegen auch im bunten Rock nicht lassen können“, so ein gewisser Lienbacher von der k. k. Hofjagdverwaltung Aspern, am 15. Juni 1916. „Der Gefertigte erinnert sich noch gut eines solchen Falles, wo ein Korporal mit seiner Abteilung eine Razzia auf halbflügge Truthühner veranstaltete. Hierbei entdeckt und zur Rede gestellt, war er sich anscheinend der Strafbarkeit seiner Handlungsweise nicht bewusst.“

Ein Apropos am Rande: Im Zweiten Weltkrieg lief dann die Verbindung von Krieg und Wildern in umgekehrter Richtung. In der Annahme, dass es sich bei diesen Rechtsbrechern um gute Schützen handelt, stellten die Nationalsozialisten 1940 gezielt eine aus verurteilten Wilddieben(„die Büchsenjäger sind, also die Kugelwilderer, keine Schlingenjäger“, so Himmler) bestehende Sondereinheit zusammen, das letztlich für viele Kriegsverbrechen verantwortliche Wilddiebkommando Oranienburg.

Die Feinde von heute

Die „Best of Wilderer-Geschichten“ enden mit der Monarchie. Vorerst. Vielleicht lässt sich Robert Eichert ja zu einer Fortsetzung überreden. An Stoff aus der Zwischenkriegszeit sollte es nicht mangeln, denn damals gesellten sich zu den wilden Tieren und Pflanzen in der Lobau auch die wilden Gedanken. Die Auwälder von Wien wurden in den 1920er und 1930er Jahren von unterschiedlichen politischen Gruppen und Reformbewegten als Unterschlupf und Freiraum genutzt. Die notbedingte Selbstversorgung dieser Leute provozierte gewiss den einen und anderen Konflikt mit den neuen Jagdbehörden.

Alexander Faltejsek, Leiter der Forstverwaltung Lobau

Alexander Faltejsek, Leiter der Forstverwaltung Lobau

Heute ist die Wilderei bei uns kein Thema, sagt Alexander Faltejsek, Leiter der Forstverwaltung Lobau. Zumindest die bewusste Wilderei. LKWs und Hunde sind mittlerweile die größte Gefahr von außen. „Das meiste Fallwild finden wir auf den Straßen, vor allem auf der Raffineriestraße. Die von Hunden zu Tode gehetzten Hasen und Rehe bekommen wir so gut wie gar nicht zu Gesicht, da sind der Fuchs oder das Wildschwein schneller.“ Bleibt zu erwähnen, dass im Nationalpark Leinenpflicht herrscht.

Während in jagdwirtschaftlichen Gebieten die Zahl der Trophäenträger im Visier des Wild-Managements steht, geht es im Nationalpark, so Faltejsek, „um den naturräumlichen Zustand im Lebensraum der Tiere.“ Zudem gilt es, den Wildbestand auf einem Niveau zu halten, der die Rehe und Wildschweine nicht dazu veranlasst, die Gärten der benachbarten Siedlungen zu plündern. Also werden durch die jagdkundigen Försterinnen und Förster der MA 49 jährlich rund 150 Stück Schwarzwild „entnommen“, Rotwild und Rehwild weit weniger. Füchse, Fasane, Dachse und Enten werden im Nationalpark Lobau schon seit 1996 nicht mehr bejagt – ihr Bestand reguliert sich von selbst.

Den erlegten Hunden ist die Nase abzuschneiden

Werfen wir einen letzten Blick auf die Ausstellung. Hunde waren auch schon in ka-ka-nischen Zeiten ein Problem fürs Wild. Und für die Jäger. Sogar ein doppeltes: Denn auch mit der Nasengeldprämie auf wildernde Hunde taten sie sich etwas schwer. Nasengeldprämie? Handyfotos von den getöteten Vierbeinern ließen sich noch keine anfertigen, also wurde „mit hoher Verordnung“ anbefohlen, „daß von den erlegten Hunden die Nase mitgebracht werden müsse, zur unerläßlichen Kontrolle des Raubthier-Abschußlohnes.“ Dazu erlaubt sich 1844 „das gehorsamste Forstmeisteramt“ nachstehende Bemerkung zu unterbreiten:

„Die Beibringung der Hundenase ist selbst bei bestem Willen und bei der strengsten Pflichterfüllung des Jägers beinahe unmöglich, denn wenn ein Hund in Gegenwart seines Herrn angeschossen wird und der Jäger sodann die Nase abschneiden muss, so wird dieses zu Streitigkeiten und selbst zu Handgemenge Anlaß geben, weil die Eigenthümer aufgeregt sind, wenn ihnen die Hunde erschossen werden.“

Heute kommen die Hunde mit einem strengen, aber nicht tötenden Blick davon. Ihre Menschen müssen mit einer Ermahnung rechnen, und bei Unbelehrbarkeit mit einer Anzeige.

(1) Die perverse Jagd-Obsession Franz Ferdinands nimmt auch Bernhard Kraut in seinem Blog zum Thema und schlägt vor, im Schloss Belvedere ein Denkmal zu errichten, das an dieses spezielle Blutvergießen erinnert.

 

nationalparkhaus wien-lobAU  

1220 Wien, Dechantweg 8

DSC_0373 Tel. 01/4000-49495, nh@ma49.wien.gv.at
26. März bis 26.Oktober 2014, Mi-So, 10-18 Uhr

MA 49 – Nationalpark-Forstverwaltung Lobau (Nationalparkmuseum)
2301 Groß Enzersdorf, Dr. Anton Krabichler-Platz 3
1. März – 31. Oktober 2014, Mo-Fr, 07:30-15 Uhr

 

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