Die Firma Urban Gardening

„Ich kann keine Palettenmöbel mehr sehen!“

So Kuserutzky.

Auch Hochbeete würden bei ihm nicht mehr zwangsläufig Hochgefühle hervorrufen, erklärt er und nach dem gestrigen Besuch in „diesem Shopping-Dings bei der WU“ vielleicht nie mehr. Resümee: „Alles, aber auch wirklich alles nehmen sie dir früher oder später weg! Eher früher.“ DSC_0026

Das Unbehagen meines Freundes rührt von den Aneignungen der Urban-Gardening-Kultur durch Politik und Kommerz. Überraschend ist dieser Prozess für uns nicht. Bereits 2007 schrieben wir im Beipack-Heft unseres „Wellness für Loser“-Festivals: „Wir haben uns das Leben wegnehmen lassen und dürfen nun kleine Stücke davon zurückkaufen.“

Ärgerlich bleibt die Sache trotzdem.

Zum Beispiel wenn wir von Stadtfrucht Wien dazu eingeladen werden, bei einer Veranstaltung zu erzählen, wie „Guerilla Gardening als Marketing-Strategie“ funktionieren würde. Oder wenn die ÖVP in der Josefstadt auf einmal ein Hochbeet mit Kräutern für alle vors Amtsgebäude stellt – jene ÖVP, die sich ein Jahr davor über unsere Obstbäume vorm Gefängnis echauffiert hat. Oder wenn die Stadtregierung, die mit Grundstücken und Genehmigungen für Gemeinschaftsgärten in der Wirklichkeit äußerst knausrig umgeht, ihre wenig innovativen Stadterweiterungsprojekte mit Imagebildern bewirbt, in denen fröhliches Gemüsegärtnern den gesamten Vordergrund einnimmt und die geplanten Wohntürme wie kleine Gartenzaunpfosten im Hintergrund verschwinden.

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Oder – Anlass dieses Blogeintrags – wenn der Betreiber eines Gastronomiebetriebs im Containershopping-Center namens „Stadtbiotop“, das bis Juni 2015 den Platz bei der Kriau-Rennbahn hinter der neuen WU nutzen darf, wenn dieser junge Mann meinem alten Freund Kuserutzky erklärt, die 30 rund ein Quadratmeter großen Hochbeet-Kisten im Areal könne mensch für 28 Euro im Monat mieten, also beernten, dafür werde ihre gärtnerische Betreuung von einer Firma namens „Urban Gardening“ übernommen.

„Er hat echt gesagt, dass es eine Firma gibt mit dem Namen Urban Gardening?!“

„Ja, ich hab ihm gesagt: Das gibt’s doch nicht! Das ist eine politische Bewegung, das kann doch niemand als Firmennamen genehmigen! Sagt der Typ: Warum nicht?“

Wir machen einen Abstecher ins Web, finden aber keine Firma mit dem Namen „Urban Gardening“. Ausschließen tun wir ihre Existenz deswegen noch nicht. Es würde uns nicht mehr wundern…

Auch würde es uns nicht wundern, wenn McDonalds demnächst „Dumpster-Burger“ anbietet, Monsanto ihren Hybridmais zum Weltkulturerbe erklären lässt, und eine Autofahrerpartei ihr Anliegen für mehr PKW-Parkplätze mit „Recht auf Stadt!“-Plakaten propagiert…DSC_0109

Aber gehen wir die Urban-Gardening-Geschichte von der anderen Seite an: Sind unsere Hoffnungen, die urbanen Gärten könnten Keimzellen einer politischen Bewegung gegen die kapitalistische Stadt werden, völlig unrealistisch?

„Ist dies nicht ein reichlich hoch gegriffener Anspruch für ein Phänomen, das in der Regel nur wenige tausend Quadratmeter einnimmt? Können ein wenig Ruhe und ein paar Tomaten wirklich den Kapitalismus und sein Ernährungssystem aus den Angeln heben? Warum sollen gerade die neuen urbanen Gärten vollbringen, was schon den altbekannten Schrebergärten nicht gelungen ist?“ Diesen und anderen Fragen gehen Andreas Exner und Isabelle Schützenberger in einem spannenden und vielschichtigen Aufsatz nach. Dessen erster Teil lässt sich hier weiterlesen: Die souverän ernährte Stadt?

Text und Fotos: Peter A. Krobath

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Comments
One Response to “Die Firma Urban Gardening”
  1. ibu sagt:

    Egal, was du versuchst, wenn es eine Verbesserung bringt, wird es früher oder später integriert. Ein Versuch, dem zu entrinnen: Feedback-Kommunikation unterbrechen, Öffentlichkeit meiden, Sensibilität schärfen für das, was ohne Repräsentation passiert. – Buchempfehlung: Hans-Christian Dany: „Morgen werde ich Idiot“

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