8 Minuten Optimismus

Ein Text von Kurto Wendt zum Tod von Cafer I., der am 2. August in dem Haus in der Esterhazygasse 6, dessen letzter widerständiger Mieter er war, unter fragwürdigen Umständen ums Leben kam. Am 3. September findet für ihn  eine Mahnwache statt (siehe unten)

Herr I. hatte wie jeden Samstag seine Saunatasche gepackt. Zehn Minuten später war er tot. Erdrückt von tausend Kilo Absperrgitter, einfach umgefallen im Hauseingang. Fahrlässige Tötung vermutet die Polizei oder Mord, wie es andere sehen. Herr I. wurde erdrückt von den Verhältnissen. Seit Mai war er der einzige Mieter in einem Haus, das renoviert und aufgestockt wird. Herr I. wollte nicht weichen, sperrte sich gegen seine Ausmietung, er, der pensionierte Bauarbeiter.DSC_0335

„Value gap“ und „rent gap“ heißen die Zauberwörter, die Haus- und Wohnungsbesitzer*innen motivieren und erfinderisch machen. Ein Haus halb leer, halb voll mit alten Leuten, lässt Gewinnfantasien blühen. Sie fühlen sich sicher wie nie und lassen große Banner aufziehen auf ihre Objekte. Ehrlich, ganz offen, steht dort zu lesen: „Hier wächst gerade der Immobilienwert“. Nur einen Steinwurf entfernt von der geräumten Pizzaria Anarchia. Nicht geräumt, geentert. Von 1700 im Dienste des Eigentums. Es könnte schwierig werden, haben sie sich wohl gedacht, hunderte aus Wien, vielleicht noch ein paar Busse aus der Steiermark, Oberösterreich wäre auch schön. Holen wir sie doch alle! Einmal den gesamten Bezirk mit Polizeiautos zuparken! Machtfantasien von dummen Polizeijungen, die sich auch noch Hubschrauber und Panzerrammwagen zum Spielen holten oder vielleicht auch Angst, dass die Aktion längst die Zustimmung der Bevölkerung verloren habe? „Ist der Bürgermeister informiert“ wird einer gefragt haben, der auf seinem Notizblock die Hundertschaften als Strichmännchengruppen gemalt hat. Einer streckte den Daumen hoch, der Präsident lächelte. Er wusste, dass Macht demonstrieren immer gut kam in dieser Stadt und dass es keine bessere Gelegenheit gab, der Bevölkerung zu demonstrieren, dass Aufstandsbekämpfung längst zum Trainingsalltag österreichischer Polizist*innen gehört.DSC_0259

„Hier wächst der Immobilienwert“ lockt auch die grün-liberale Mittelschicht. Angst um ihr Erspartes und Gier lässt sie eine zweite und dritte Wohnung kaufen und mit Gewinn weitervermieten. Vorsorgen für sich und die Kinder. Die Kinder, ja, um die wird man* sich doch Sorgen machen dürfen. Dass sie in bessere Schulen gehen als die anderen, auf den Unis nicht neben schlecht deutsch-sprechenden Migrant*innen zu sitzen kommen. Manchmal sind auch Grenzen und Ausschlüsse nicht schlecht, denken sie. Gerechtigkeit abstrakt, ja schon und Gesamtschule für alle. Aber Vorsorgen für die Zukunft der Kinder, der eigenen, da nimmt man* schon mal in Kauf, dass andere überhöhte Miete zahlen. Ungleichheit darf sein, das sehen nicht nur die Rechten so. Mit sogenannten „Vorsorgewohnungen“ machen Banken und Fonds die Mittelschicht zu Mittäter*innen, jene wissen das auch und sind froh darüber, dass das Eintreiben der Miete von den Banken übernommen wird. „Wir haben da Spezialisten“, meint die Bankberaterin trocken und verspricht obendrein noch steuerliche Erleichterungen. „Wenn sie bis zu drei Wohnungen besitzen gelten auch nicht alle Bestimmungen des strengen Mietrechts“, ergänzt sie. Freie Bahn für die kleinen ProfiteurInnen, für die Kinder versteht sich, nicht für sich selbst. Die so Beratenen wissen was das bedeutet, mit schlechtem Gewissen vielleicht, aber sie tun es und sie ärgern sich beim Verlassen der Filiale über die Bettlerin, die allzu eindringlich Biiiiiiiiitte sagt.
Die Spekulant*innen sind nur die Übertreibung, auf die sich auch von Vorsorgewohnungsbesitzer*innen trefflich mit den Fingern zeigen lässt. Wohnen - Dmo
„Ein neues Lied, ein besseres Lied, O Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen hier auf Erden schon Das Himmelreich errichten. Wir wollen auf Erden glücklich sein, Und wollen nicht mehr darben“ schrieb Heinrich Heine schon Mitte des 19. Jahrhunderts. Mitte Juli 2014 war die Strasse in Wien, die seinen Namen trägt, komplett mit Polizeibussen zugeparkt.
„Dreams are not evictable“, Träume sind nicht delogierbar, haben die Besetzer*innen der Pizzaria Anarchia in einem Kommentar zur Räumung geschrieben. Wir fühlen, dass unsere Träume nicht kurz vor der Verwirklichung stehen, es wird noch schlimmer, ganz bestimmt.
Aber was, wenn die Saunafreunde von Herrn I. sich nicht damit begnügen wollen, zu trauern? Wenn einer von ihnen sagt „wir müssen irgendwas tun, er soll ruhen, aber sie, die ihn auf dem Gewissen haben, nicht“. Ein anderer würde ihm entgegnen: „Es hat keinen Sinn, die Verhältnisse sind halt so und die da oben haben es sich immer richten können.“ „Vielleicht hat es keinen Sinn aber ein bisschen Rache zumindest sind wir ihm schuldig, ich zumindest“ würde der erste erwidern, „wenn wir alles schlucken werden sie nur noch frecher und die Gesetze schützen uns immer weniger.“ „Was willst du machen? Das Haus anzünden? Das käme ihnen nur Recht, mit Neubau verdienen sie noch mehr“ bremste der zweite wieder, bevor ein dritter möglicherweise sagt: „Haben da nicht voll viele Leute mal beschlossen, gemeinsam keine Miete mehr zu zahlen?“ Der erste würde lachen und sagen: „Das hast du vielleicht in einem Roman gelesen, in echt gibt’s das nicht“ „Nein, das war sicher echt. In Italien glaub ich, irgendwann in den 70er Jahren“ Der zweite würde dem dritten die Hand auf die Schulter legen und sagen: „Da warst du ja noch nicht mal auf der Welt, Romane oder Geschichte, wo ist der Unterschied, du kannst davon träumen, aber machen kannst du es nicht“. „Er hat sich sogar zu einem Streik am Bau mitreißen lassen vor Jahren, das ist viel riskanter als eine Miete nicht zu zahlen“ könnte der erste über den zweiten zum dritten sagen und zweiterer würde das Gesicht verziehen. „Das hat aber die Gewerkschaft unterstützt, das ist was anderes“ „ Und wenn die Gewerkschaft einen Mietboykott unterstützen würde?“ könnte der dritte nachhaken und erstmals an diesem Abend zeigten sich der erste und der zweite sehr einig, in dem sie mit einem milden lächeln dem jüngeren zeigen würden, wie naiv sie seine Haltung finden würden. Der erste würde vielleicht aufstehen und sagen: „ich spray ihnen jetzt auf ihr beschissen weißes Haus *I. soll ruhen, aber ihr Schweine nicht*“ der zweite würde ihn nicht zurückhalten „Pass auf dich auf“ und der dritte würde sich auf die Suche nach Figuren machen, für die Geschichte kein unbeeinflussbarer abgeschlossener Prozess ist. „Sehen wir uns nächste Woche in der Sauna“ könnte der zweite noch zum Abschied fragen. „Aber fix!“ würde der erste antworten und der jüngere würde in der Tür stehend ergänzen: „Vielleicht bring ich noch wen mit“ So oder so ähnlich könnte es doch sein, oder? Bald schon, sehr bald. the future is still unwritten.

 Kurto-Juli-WebZum Autor: Von Kurto Wendt erschien unlängst der Roman Der Juli geht aufs Haus, die fiktive Geschichte einer Mietboykottbewegung in Wien – mehr übers Buch http://www.zaglossus.eu/Juli.htm

 Zur Mahnwache: In Gedenken an Cafer I., dem letzten Mieter der Esterházygasse 6, wird am 03.09.2014 um 19.00 Uhr vor Ort von diversen Initiativen und Einzelpersonen aus dem Grätzel eine Mahnwache abgehalten.DSC_0331

Facebook: https://www.facebook.com/events/371557032992086/

Datum: 3. September 2014

Zeit: 19:00 – 22:00

Ort: Magdalenenstraße / Esterhazygasse, Wien, Wien 1060 Österreich

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Nachtrag 1. April 2015 – Zum Stand der Ermittlungen: http://derstandard.at/2000013652997/Raetselhafter-Todesfall-Viele-Versaeumnisse-bei-Ermittlungen

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  Fotos: Peter A. Krobath

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