Der NORBERT-SCHEED-WALD im ADELHEID-PONINSKA-GRÜNGÜRTEL

Heute sind die Schulklassen dran, so sie nicht „regenfrei“ bekommen. Morgen dürfen dann alle Wienerinnen und Wiener den Spaten in die Hand nehmen. Seit 1985 läuft die Aufforstungsaktion „Wald der jungen WienerInnen“, bei der in Stadtgebieten im Süden und Nordosten Wiens mit Hilfe der Bevölkerung Bäume gepflanzt werden. Auch diverse Fruchtbäume und –sträucher, zum Beispiel 2003 in Aspern: Dort haben wir im Vorjahr Hagebutten und Schlehen gesammelt.wienerwald-no2-gr

Die Aufforstung am 17. und 18. Oktober 2014 ist eine besondere: Sie ist der Start des Großprojekts Wienerwald Nordost, welcher nach dem im Sommer überraschend verstorbenen Bezirksvorsteher der Donaustadt „Norbert-Scheed-Wald“ heißen wird. Auf rund 1000 Hektar Fläche (das ist zehn Mal so groß wie der Bezirk Josefstadt) soll im Laufe der nächsten Jahre (wahrscheinlich Jahrzehnte) in Breitenlee im Norden der Seestadt Aspern ein neues Naherholungsgebiet entstehen und so den Wiener Grüngürtel vergrößern. Wobei nicht nur Waldflächen geplant sind, sondern auch Radwege und Spielplätze, Gewässer, Streuobstwiesen und eine „stadtadäquate“ Landwirtschaft. – Das klingt gut, ist aber leider nur ein Teil der Geschichte, die im Nordosten Wiens verwirklicht werden soll.DSC_0499

Doch bevor wir an dieser Stelle für Wiens Zukunftsvisionen mehr Verantwortung verlangen, ein Blick in die nicht minder spannende Vergangenheit:

Wenn vom Wiener Grüngürtel die Rede ist, wird meist Bürgermeister Lueger erwähnt, oder der Gemeinderat von 1905, der die Errichtung dieses Wald- und Wiesengürtels beschloss, aber nur selten wird die Sozialreformerin und Stadtplanerin Adelheid Poninska genannt.  Die vor 210 Jahren in Polen geborene Adelheid Poninska (mitunter auch Gräfin Adelheid Dohna-Poninski genannt) lebte in den 1850er Jahren in Wien, war eine Vordenkerin des Konzepts der Gartenstadt, und brachte in einem 1874 unter dem Pseudonym Arminius veröffentlichten Buch („Die Großstädte in ihrer Wohnungsnoth und die Grundlagen einer durchgreifenden Abhilfe“) erstmals den Begriff des „Grünen Rings“ in die städtebauliche Diskussion ein: die Forderung nach einem „kostbaren grünen Ring, der in höchstens einer halben Stunden von jeder Wohnung aus erreichbar sein müsse.“

Diese Idee einer vorsorgenden Grünflächenpolitik setzte in Wien der Architekt  Eugen Fassbender fort und schrieb sie 1897 in seinem im Eigenverlag veröffentlichten Buch „Ein Volksring für Wien“ fest. Die vorherrschende Praxis der Stadterweiterung „mag vom Standpunkt der Bauspeculation recht angenehm und einträglich sein“, konstatierte er, „aber im Hinblick auf das Gesamtwohl der Stadt ist sie als kurzsichtig und in ihren Folgen geradezu verderblich zu bezeichnen.“

DSC_0298Seit 1905 wird nun also an der Umsetzung des Wiener Grüngürtels gewerkt, teils mit mehr Ehrgeiz, teils mit weniger äh Geld. Für seine endgültige Verwirklichung ist noch einiges zu tun. Die Idee lebt jedenfalls, heute und morgen beim gemeinsamen Baum-Pflanzen im Nordosten Wiens. Doch während die „stadtadäquaten“ Landwirtschaftsflächen in diesem Projekt erst in letzter Zeit dazuvisioniert wurden – ob als Ausgleich zu den hier noch bewirtschafteten Kopf&Eissalat-Feldern, in Voraussicht des Zusammenbruchs der industriellen Landwirtschaft oder um die darüber besorgte Urban-Gardening-Community zufrieden zu stellen, steht dahin – , hat die Stadtpolitik die völlig antiquierten und die Donaustadt störenden und zerstörenden Straßenprojekte noch immer nicht aufgegeben: weder die so genannte Lobau-Autobahn (Wiener Nordostumfahrung S 1) noch die so genannte Stadtstraße Aspern, eine Transitschneise, welche die S 1 und in weiterer Folge auch die S 8 mit der A 23 verbinden soll ( – Aktuelles auf der Seite der Bürger-Initiative „Rettet die Lobau“, der Seite der BI Hirschstetten retten , der BI Rettet das LobauVorland und bei der Initiative Zukunft statt Autobahn).

Der Wiener Regierung fehlt anscheinend eine klare Vorstellung einer zukunftsfähigen Stadt? So geht sie in verschiedene Richtungen gleichzeitig los und scharrt auf der Stelle, also ihr eigenes Grab. Und das geht umso schneller, je länger die Einsicht abgewehrt wird, dass die Stadt vom „Virus Auto“ befallen ist. Denn so verspricht die Parole „Wien wächst“ nur eine größere Ausbreitung des Übels. Und der heilende Grüngürtel verkommt zu einem lindernden Korsett.DSC_0735

Der Automobilismus ist vorbei und führt nirgends mehr hin. Das sollten auch jene Wiener Grüne einsehen, die noch immer von Elektrofahrzeugen träumen (ein Elektroauto benötigt für die Herstellung der Leichtbaustoffe noch mehr Energie als die üblichen, vor allem aus Stahl konstruierten Fahrzeuge). Investitionen in die oben genannten Autostraßen und –bahnen, in diese Infrastruktur ohne Zukunft, sind nicht mehr verantwortbar.

„Angesichts von Peak Oil und seiner Konsequenzen wäre es hingegen dringend angebracht“, schreibt Verkehrsplaner Hermann Knoflacher in seinem Buch Virus Auto, „solange noch ausreichend Kapital und Energie vorhanden sind, so viel wie möglich der falschen Verkehrsinfrastruktur abzutragen und die Wirtschaft und die Siedlungen auf zukunftssichere Mobilität umzugestalten. Versäumt man die Umstellung, wird man viele Siedlungen (wieder einmal in der Geschichte der Menschheit) aufgeben müssen.“

Hier der Hyperlink zum gemeinsamen Baumpflanzen Wienerwald Nordost am 18. Oktober, 10 – 16 Uhr, Telephonweg 323 / Ecke Speierlinggasse

Für Aktivistinnen: 22. Oktober, 18:00, Umweltbüro VIRUS im WUK (1090, Währingerstraße 59) – „Anleitung: Wie stoppe ich eine Autobahn“ von Wolfgang Rehm

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