WIEN WÄCHST! – WIEN WÄCHST.

Für die Podiumsdiskussion  „Verdichtung und Versorgung – Wo finden Gärten und Urbane Landwirtschaft Platz?“, die der Verein Wirbel gestern Abend im Wiener Depot veranstaltete, wurden die Teilnehmerinnen um ein diskussionsanregendes Eingangsstatment gebeten, dem ich spontan nachkam:

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Früher einmal haben sich die Sozialdemokraten mit „Freundschaft“ begrüßt – das hat sich in Wien aufgehört, da nach so vielen Jahrzehnten an der Macht die Beziehungen unter den Genossen und Genossinnen weniger von Freundschaft als von Konkurrenz, Neid und Hass geprägt sind (ein „Freundschaft“-Gruß würde da heute nur Salz in die Wunden streuen).

Die Grünen in Wien hätten sich mit „Grüße Gemüse!“ begrüßen können, haben das aber klugerweise sein lassen, sogar noch bevor sie damit begonnen haben – bei all ihrer Liebe zum Do-it-yourself, aber mensch muss nicht alle Fehler selbst machen, wenigstens diesen einen nicht.

Doch nun, nach vier Jahren rot-grüner Koalition, haben es die Roten und Grünen in Wien geschafft, einen gemeinsamen Gruß zu kreieren.

Neuerdings grüßen sie einander nur noch mit den Worten „Wien wächst“.

Der erste vielleicht mit Rufzeichen hintendran: „Wien wächst!“

Und die Begrüßte daraufhin mit einem Punkt am Ende, quasi als Bestätigung: „Wien wächst.“

Aber auch die Bürger und Bürgerinnen da draußen werden so begrüßt, zum Beispiel per Mail: „Lieber Peter, Wien wächst“ schreiben mir die Grünen. „Lieber Herr Krobath,  Wien wächst“, leiten die Roten ihre Mails an mich ein.

Nun ja, wenn es nur ein Gruß wäre….

Es ist natürlich mehr als das. „Wien wächst“ ist die Ideologie, auf die sich diese Koalition einigen konnte, es ist der scheinbare Sachzwang, der alle Blödheiten, Verknappungen, Zerstörungen, Ungerechtigkeiten, Neoliberalien, Imperialien und Tralalalien begründet, erlaubt, rechtfertigt, entschuldigt.

Und so ist es möglich, dass die Stadt vor der weltweiten Vielfachkrise steht und einfach weitermacht wie bisher.

Dass sich die Stadt zwar „Smart City“ aufs Namensschild schreibt, aber weder smart noch klug agiert, und die meisten Magistratsabteilungen so transparent bleiben wie die Wiener Flaktürme.

Dass die Stadt das Wort Partizipation benützt, damit aber nur Kollaboration meint.

Dass die Stadt in der Hochglanzbroschüre erkennt, „mit Klimawandel und Ressourcenverknappung kommen dramatische Veränderungen auf uns zu“, es aber unterlässt, mit „dramatischen“ sozialen und ökologischen Transformationen darauf zu antworten.

Denn Wien wächst und wächst und da brauchen wir in erster Linie einmal Investoren und Häuser und Shoppingcenter und Parkplätze und Stadt-Autobahnen – ja, auch das, das muss leider sein, postfossil hin, postfossil her, sorry schon sehr, aber Wien, Wien wächst.

Und so ist es möglich, dass die Stadt nur ein paar kleine Projekte verwirklicht, und zwar nur solche, die sich für die großen Plakate eignen, fürs gute Gefühl – dass die Stadt also zum Beispiel den „100 % CO2 freien Strom“ vom Bürgersolarkraftwerk Wien-Liesing propagiert, aber natürlich nicht dazuschreibt, dass dieses Kraftwerk letztendlich nur 0,016 % der CO2-Emissionen der Wiener Kraftfahrzeuge kompensiert. Und dass die Stadt den streng geschützten Feldhamster auf der Fläche dieses Bürgersolarkraftwerks bejubelt, während sie ihn in der Wien-Wächst-Sehr-Stadt Aspern still und heimlich unter den Betonteppich kehrt.

Und so ist es auch möglich, dass die Stadt all die kleinen Projekte und Initiativen und Experimente der Zivilgesellschaft, die zwar Antworten auf die großen Herausforderungen sein könnten, aber nicht auf die großen Plakate passen, dass sie derlei Projekte behindert oder verhindert oder gleich brutal abwürgt, mitunter sogar abstraft, weil wo kommen wir da hin, bitte sehr, noch dazu jetzt, wo Wien wächst,

also wirklich,DSC_0748

bei aller Freundschaft,

vertschüsst das Gemüse!

WIEN WÄCHST!

Text und Fotos von Peter A. Krobath

 

Die nächsten Verdichtungsgespräche des VEREIN WIRBEL im DEPOT WIEN / 1070, Breitegasse 3

Verdichtung und soziale Segregation – Wer lebt wo?

Montag, 17. November 2014, 19 Uhr

Für wen ist der Wohnort in einer Stadt wie wählbar?

Fixe Verortung von Menschen in bestimmten Stadtteilen

oder Wohnbauten? Vertikale Segregation in

neuen Wohnbauten?

Impulsgeber_innen: Raimund Gutmann,

wohnbund:consult; Bettina Köhler, Stadtforscherin;

Irmi Voglmayr, Soziologin

Moderation: Sonja Gruber, Verein Wirbel

Verdichtung und urbane Freiräume – Wo soll´s

hingehen?

Montag, 1. Dezember 2014, 19 Uhr

Freiräume als urbane Treffpunkte und für Bewegung

und Sport? Wohnungsbezogene Freiräume für

Subsistenz und Spiel? Straße als Lebensraum?

Impulsgeber_innen: Doris Damyanovic, Institut für

Landschaftsplanung, Boku Wien; Daniel Glaser, Autor der

Forschungsarbeit „Freie Räume“; Thomas Proksch, Büro

Land in Sicht

Moderation: Heide Studer, Verein Wirbel

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Comments
3 Responses to “WIEN WÄCHST! – WIEN WÄCHST.”
  1. Bravo für die nüchterne Analyse. Kein Mensch in Wien, außer den Politikern, möchte dass Wien wächst. Zumindest nicht in der Beschaffenheit, wie es die rot-grüne Stadtregierung gerne möchte. Um ein paar Wählerstimmen, zum Machterhalt, wird fast alles getan. Auch unsere Kultur wird zerstört um der Baulobby und den Investoren einen Gefallen zu tun.
    Hier wäre eine wienweite Volksabstimmung angebracht.

  2. U.S. sagt:

    Es geht nicht um Wachstum. Das will niemand Vernünftiger. Die Identität Wiens darf nicht verloren gehen. Diese Gefahr ist jedoch durch ungezügeltes und willkürliches Wachstum realer den je.

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  1. […] Sorge ist berechtigt, sieht mensch, was die derzeitige Wien-wächst-Hysterie (wir haben das Thema HIER polemisiert) […]



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