Das Negerdörfl von Wien

Auch wenn das Digitale unser Leben zunehmend zerhackt und zerbröselt, sodass die Versuchung groß ist, es als Ganzes zu verdammen, so gibt es für mich doch immer wieder Momente, wo ich meinen Laptop dankbar umarme. Auch wenn ich dabei eigentlich das Internet meine.

So geschehen vor einigen Tagen als ich bei einer Recherche ein paar unbekannte Abzweigungen nahm und auf die Geschichte von der Ottakringer NotstandSiedlung „Negerdörfl“ stieß und nicht nur auf die, sondern auf ein ganzes Archiv voller Leben, auf die Seite „Menschen schreiben Geschichte“, das Text- und Foto-Archiv der „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Uni Wien.

Gut zwei Stunden stöberte ich in den autobiografischen Berichten und ich kann das allen an Wiens Vergangenheit Interessierten nur empfehlen.

Da die Aufzeichnungen unter einer Creativ-Commons-Lizenz erscheinen, darf ich folgende Geschichte hier als Anregung auf den Stadtfrucht-Blog kopieren. Nichtsdestotrotz möchte ich der Autorin Christine Hörmann an dieser Stelle einen Extra-Dank aussprechen, für ihr genaues und herzerfrischendes Erzählen:

Das Negerdörfl - Rechte beim Bezirksmuseum Wien

Das Negerdörfl – (FotoRechte beim Bezirksmuseum Wien)

 

Das Negerdörfl

von Christine Hörmann

Eines hatte das Negerdörfl im Jahre 1945 den meisten anderen Elendsquartieren voraus: Seine Bewohner waren schon immer arm, nicht erst nach dem Krieg.

1911 als Notstandsbauten für arme, unterstandslose und kinderreiche Familien als Überbrückungsquartier in Ottakring nahe der Vorortelinie errichtet, sollte es – ebenso wie die gleichartig geplante Notstandssiedlung im 10. Wiener Gemeindebezirk – nach 17 Jahren wieder geschliffen werden, wohl in der Hoffnung, der Wiener Wohlstand würde bis dahin beträchtlich angestiegen sein. Die Geschichte lehrte anderes, und so war auch noch für mich – Jahrgang 1945 – das Negerdörfl meine erste Heimat und Sozialisierungsstätte.

Wann und wieso es zu seinem Namen kam, konnte ich nirgends dokumentarisch belegt eruieren, laut Legende kommt aber „Neger“dörfl vom Dialektausdruck „neger sein“ = arm sein. Seltener hörte man auch die abfälligere Interpretation, dass so manche Bewohner keiner geregelten Arbeit nachgegangen und vom häufigen „In-der-Sonne-Liegen“ gebräunt wie „Neger“ gewesen wären.

Die Siedlung befand sich zwischen der Zagorski-, Gablenz-, Pfenniggeldgasse und Herbststraße. Sie bestand aus circa zehn einstöckigen Doppelhäusern, zwei davon als sogenannte „Musterhäuser“ aus gebrannten Ziegeln, die anderen bloß aus einem Holzgerüst, ausstaffiert mit Bauschutt, Pappe und ähnlichem Füllmaterial. Das Ganze war ehemals wohl übertüncht, aber in meiner Kindheit schon sehr vom Zahn der Zeit angenagt. Vor jedem Hauseingang befand sich eine kleine überdachte Holzveranda als Windfang, hier konnten wir Kinder auch bei Regenwetter im Freien, aber geschützt, spielen.

Jedes Haus barg je vier ebenerdig und im ersten Stock gelegene Wohnungen, bestehend aus zwei Räumen, insgesamt nicht größer als 26 Quadratmeter (so hatte man sich 1911 ein Quartier für kinderreiche Familien vorgestellt). Wasserleitung und WC waren am Gang. Es gab wohl eine Gasleitung, aber keinen elektrischen Strom. Als Abendunterhaltung gab es also kein Fernsehen, sondern es wurde beim Licht einer Petroleumlampe oder einer Gasglühstrumpfbeleuchtung gespielt oder, wie in meiner Familie, gemeinsam Hausmusik betrieben.

Die Häuser gruppierten sich um eine quadratische Wiese, in deren Mitte sich ein kleiner betonierter Luftschutzkeller befand (für alle Bewohner des Dörfls viel zu klein, weshalb viele, so auch meine Familie, bei Bombenalarm während des Krieges die Keller des benachbarten Pirquet-Hofes aufsuchen hatten müssen). Für uns Kleinen war der Bunker, wie er genannt wurde, immer sehr geheimnisvoll, durften wir doch nie hinein; nur Leute wie mein elf Jahre älterer Bruder und seine Freunde waren öfter drin, und ganz ganz selten ließen sie uns auch hinein. Dann holten sie aus einem schwarzen Koffer selbstgefertigte Handpuppen hervor und führten uns ein Kasperltheater vor. Zur Wiese, an deren Ecken vier Kastanienbäume standen, hatten alle Kinder Zutritt. Sie war dennoch groß genug, dass man auch lange Zeit allein auf dem Rücken im Gras liegend in den Himmel blicken und in den kleinen weißen Wölkchen alle möglichen Märchen- oder Tierfiguren ausmachen konnte.

Einige Häuser hatten an ihren Rückseiten Nutzgärten, parzelliert in ca. 20 Quadratmeter große Beete für jeweils eine Familie. Das eigene war allerdings nie so interessant, trotz Ribiselsträuchern und zwei kleinen Pfirsichbäumchen. Aber winzige (zwar geschmacklose, aber zumindest genießbare) Käsepappelfrüchte konnte man überall finden und essen und die ersten – wohlriechenden! – Veilchen finden! (Gibt’s die überhaupt noch irgendwo? Ich suche seit mehr als dreißig Jahren danach!) Und der Kacek* hatte herrlich duftende, rote Paradeiser auf seinem Beet und noch dazu ein schlechtes Bein, so dass er uns nicht nachlaufen konnte. Die Krönung war aber der Weichselbaum von der Juli-Tant’; man konnte in seinem Geäst sitzen und sich bis zum Zerplatzen den Bauch mit Weichseln vollschlagen!

Solche Genüsse gab’s allerdings nur in der Erntezeit, ansonsten gab es kaum Obst, und Süßigkeiten gab es noch weniger. Dennoch durften meine Schwester und ich uns täglich je ein „Bonsbons“ (= Manner Karamelle) um 10 Groschen und freitags ein „Dorli“ (= Schlecker) um 30 Groschen beim Polzer kaufen. Der Polzer war einer der beiden Gemischtwarenhändler im Dörfl und hoch angesehen, weil er angeblich der Vater des nun in Amerika lebenden Polzers war, der das DDT (= Mittel gegen Ungeziefer wie Flöhe und Wanzen) erfunden hatte. Jedenfalls stand auf der Schachtel „H. Polzer“, und alle im Dörfl waren stolz darauf.

Den Tagesbedarf an Nahrung (Gemüse, Brot) kaufte man im nahe gelegenen „Konsum“, ebenso Öl und Margarine, wofür man auch noch 1949/50 gelbe bzw. orangefarbene kleine Streifchen von der Rationierungskarte (dünnstes, billiges Papier, nass werden durfte es nicht) abschneiden und abgeben musste. Sonntags gab es manchmal Fleisch oder Wurst vom „Ihaha“, damit war der Pferdefleischhauer gemeint. Und davon bekam natürlich unser Vater das größte oder oft auch nur einzige Stück, da er ja mit seinem Maler- und Anstreichergehalt der einzige Ernährer einer fünfköpfigen Familie war. Schweine-, Rindfleisch oder gar Geflügel war für alle mir bekannten Menschen unerschwinglich.

Die Siedlung war an zwei Seiten von kleinen Schrebergärten, deren Pächter natürlich keine „Negerdörfler“ waren, begrenzt. Im Westen war, ausgenommen die Blumengärtnerei „Exner“, Freiland, von dort her floss ein kleiner unregulierter Bach am Rande des Dörfls vorbei. An der Südseite lag die Gablenzgasse, heute stark frequentierte Verkehrsverbindung zwischen Stadtzentrum und Westautobahn, damals pro Tag höchstens von zwei Lastwagen oder Pferdefuhrwerken befahren und daher für die Burschen bestens zum Fußballtraining geeignet. Alle wollten irgendwann einmal auf dem „wirklichen“ Helfortplatz – vis-a-vis vom Exner – im Verein spielen.

Im Winter stellte die Gasse in Verbindung mit dem vis-a-vis gelegenen Abhang des Rohrauerparks und dem „Konsumbergl“ (die Mareschgasse reichte damals noch bis zur Gablenzgasse) eine herrliche Rodelbahn dar. Auch die kleinen Anhöhen zu den Schrebergärten in der Minciostraße – heute steht dort ein Gemeindebau und eine Tankstelle – wurden mit „Flohhupferln“ (kleine, billige oder selbstgefertigte Metallschlitten) befahren. Auf der Anhöhe befand sich ein Müllcontainer aus Beton mit zwei Metalldeckeln an der Oberseite. Darauf tanzten wir Mädchen mit Vorliebe Steppschritte oder Czardas oder was wir eben dafür hielten, auf jeden Fall musste das Ganze ordentlichen Krawall machen und den Bewohnern, die die Fenster zur Gablenzgasse hinaus hatten, heftig auf die Nerven gehen. Sie waren noch nicht durch Verkehrslärm abgestumpft.

Innerhalb der Anlage gab es breite naturbelassene, also steinige und erdige, streckenweise mit Gras und Unkraut bewachsene Wege, und etwas abseits der Hauptwiese lag zwischen zwei Baracken, wie die Häuser von den Bewohnern selbst genannt wurden, die kleine „Modler-Wiese“, so genannt nach der Wohnpartei, deren Fenster da hinausgingen.

Die Modlers waren in der mehr oder minder glücklichen Lage, mehrmals pro Woche kostenlos einem Theaterspiel folgen zu können, das wir Kinder aus dem Stegreif mit viel Ehrgeiz und wenigen Requisiten aufführten. Letztere beschränkten sich auf einen geschnitzten Wanderstock meines Vaters und eine moosgrüne uralte, mottenzerfressene Samtdecke, woraus ein mehr als einsturzgefährdetes Zelt gebaut wurde. Dieses Gebäude musste wegen seiner kostbaren Materialien etwas Besonderes darstellen, also wurde es zum Schloss erklärt, gleichgültig, ob es für das Spiel vonnöten war oder nicht. Hauptrollen wie Prinz und Prinzessin, Räuber oder Hexen hatten immer meine große Schwester und ihre FreundInnen inne, da ich aber stets heulend und protestierend auch eine Hauptrolle beanspruchte, erklärte man mich kurzerhand für alle Theaterstücke zum alten König, ebenfalls unabhängig davon, ob einer gebraucht wurde oder nicht; hatte ich doch ohnedies nichts anderes zu tun, als im Schloss zu sitzen, was bedeutete, ich saß im Schneidersitz am Boden, musste den Stock mit der darüber gestülpten schweren Samtdecke halten, von der ich stets vollends verhüllt war. Es war finster und heiß, ich bekam kaum je mit, was an der frischen Luft überhaupt gespielt wurde, aber – ich war der König, und das Schloss brach nicht zusammen, außer vielleicht ein- oder zweimal, als ich mir’s vor nicht zugegebener Langeweile ein bisschen gemütlicher hatte machen wollen und eingeschlafen war.

Im Sommer streunten wir nach dem Theater durch die durch ein verriegeltes Holzgatter von der Wiese getrennten Gartenbeete, um uns selbst die „Gage“ (Kacek’sche Paradeiser, Weichseln von der Julitant’ oder von unserem eigenen Beet Ribiseln) zu holen. Das war insofern ein heikles Unterfangen, da wir alle einen Heidenrespekt vor der Frau Wansch hatten. Diese hatte das Fenster direkt vor dem Gattertürl und war aus mir bis heute unerfindlichen Gründen schärfstens darauf erpicht, dass es stets verriegelt blieb, obgleich es jeder, sogar ich als fünfjähriges Mädchen, unschwer öffnen oder überklettern konnte. Es ging ihr offensichtlich auch gar nicht um eventuelle Früchtediebe, sondern nur um die Ordnung. Ihr tiefer lauter Schrei aus krächzender dunkler Kehle „Gartentürl zu!“, begleitet von drohendem Fäusteschütteln, konnte einen schon das Fürchten lehren.

Besagte Frau Wansch war überhaupt eine Respektperson, zumindest für uns Kinder. Von unserem Fenster aus hatten wir Einblick in ihre Wohnung. Einmal beobachteten wir, wie sie – ein Küchenmesser schwingend – ihren gerade aktuellen Liebhaber bedrohte und mit der ihr eigenen furchteinflößenden Stimme schrie: „I stich di o, i stich di o!“, in der Folge es aber nur bei dieser Drohung beließ, weil sie die zaghaft gewimmerte Antwort „Tua ma nix, tua ma nix!“ vielleicht wieder milder gestimmt hatte. Diese Szene beeindruckte meine Schwester und mich so sehr, dass wir sie einmal – leider bei offenem Fenster – nachspielten. Erst zu Ende der Vorstellung merkten wir, dass Frau Wansch unsere einzige Zuschauerin gewesen war.

Wochenlang schlichen wir uns nur indianergleich an ihrem Fenster vorbei, bis wir – und augenscheinlich auch sie – diesen Vorfall vergessen oder zumindest verdrängt hatte(n).

Aber nicht alle Wohnparteien waren so furchteinflößend, eigentlich niemand sonst; obwohl sich in unserer Fantasie über Personen, die uns seltsam erschienen, die abenteuerlichsten Geschichten rankten. So gab es zum Beispiel eine sehr magere, hoch aufgeschossene Frau undefinierbaren Alters mit langer, spitzer Nase, die stets mit einem bodenlangen dunklen Rock und einer Jacke von nicht auszumachender Farbe mit viel zu kurzen Ärmeln bekleidet war. Über den Kopf hatte sie eine dunkelblaue Pullmann-Kappe derart gezogen, dass man kein einziges Haar sah. Sie ging täglich mit ganz langsamen, großen Schritten in der Anlage spazieren, hatte die dünnen Lippen ewig zu einem maskenhaften Grinsen verschlossen und beide spinnenähnlichen Hände in die Jackentaschen gesteckt. Ohne ihren Gang zu unterbrechen, schüttelte sie hie und da unvermutet einen ihrer Spinnenzeigefinger, grinste aber stetig weiter. Ich entsinne mich nicht, sie jemals sprechen gehört zu haben. Es gab für uns keinen Zweifel, dass diese arme Frau eine Hexe war.

Ein bisschen gruselig war auch der alte bärtige Herr Scacchi, war er doch Italiener und würde angeblich sogar Tauben essen! Diese Aussage jagte uns Schauer über den Rücken, stellten wir uns doch vor, er würde, so wie wir uns bei Gelegenheit einen Apfel vom Baum stahlen und hineinbeißen wollten, sich eine Taube aus der Luft greifen und herzhaft zubeißen!

Diese drei erwähnten Personen waren meiner Erinnerung nach die einzigen Erwachsenen, die uns nicht ganz geheuer erschienen. Die meisten anderen tolerierten wir und sie uns, wie wir eben waren und machten kein großes Aufheben davon, wenn wir etwas anstellten. Meine Schwester und ich standen manchmal am Fenster und sammelten Zunge schlagend Speichel im Mund, darum wetteifernd, wer die größere und schaumigere Kugel aus Spucke aus dem Fenster speien konnte. Heimlich trainierte ich auch alleine, und dabei sah ich einmal, nachdem ich eben wieder mein Produkt los geworden war, wie zwei riesige Schaumblasen sachte und ganz leise zischend auf die Hände der unter uns wohnenden Frau Holt fielen, die sich eben anschickte, ein Staubtuch auszubeuteln. (Ich hätte es wissen müssen, tat sie das doch zwanzig Male am Tag! Sie war wirklich sehr sauber. Meine Mutter erzählte oft, dass sie sie immer wieder mit den Worten „Frau Holt, den Bomben ist es egal, ob sie auf einen frisch gewachsten oder dreckigen Boden fallen, kommen Sie doch endlich!“ unter den Betten hatte hervorholen müssen, weil sie dort trotz mehrmaligem Fliegeralarm noch immer am Bürsten und Wischen gewesen war.) Und jetzt hatte sie die Hände voller Spucke und musste ihre Arbeit unterbrechen. Ich rechnete mit mindestens einer kräftigen Watschen, als sie das nächste Mal leibhaftig vor mir auftauchte. Aber sie stemmte bloß ihre Hände in die Hüften und sagte lachend: „Na, Lore, (ich heiße nicht so, und sie wusste das), das letzte Mal hast mich aber sauber derwischt!“ Zu sonst niemandem hatte sie ein Wort darüber verloren.

Manches Mal sammelten die Buben im Winter für die Kathi-Tant’ Holz (sie war niemandes leibliche, sondern unser aller Tant’), dann machte sie gleich für alle Kinder, die in der Nähe waren und noch in ihre Küche hineinpassten, eine Jause mit Kakao (der höchste vorstellbare Luxus), und sie legte für uns sogar eine Tischdecke auf. Oder es gab Bratäpfel, und wir saßen in der duftenden kleinen Küche und lauschten, wie sie uns, neben einer kleinen, flackernden Petroleumlampe sitzend, Geschichten erzählte.

Negerdörfl - Christine Hörmann

Die Autorin als Vierjährige in einem ehemals zu klein gewordenen, aber wieder bestens adaptierten Kleid; tapfer genug, sich vom vermeintlichen „Kinderverzahrer“ fotografieren zu lassen! Ganz geheuer war ihr dabei aber offensichtlich nicht zu Mute (1949)

In meiner Erinnerung verhielten sich so gut wie alle Mitbewohner zueinander in etwa wie Familienmitglieder. Sie halfen einander, sie stritten miteinander, wurden wieder „gut“, sie standen einander mehr oder minder nahe. Die Kinder konnten wirklich den ganzen Tag über auf der Wiese oder beim Bächlein umhertollen, irgendjemand hatte immer ein Auge auf sie. Man hatte von niemandem etwas zu befürchten, außer vor Leuten, die wir nicht kannten, die von außen kamen, denn das konnten sogenannte „Kinderverzahrer“ sein. So wurde z. B. der arme Straßenfotograf, der damals durch die Gegend wanderte, willkürlich irgendwelche Bilder aufnahm, sie entwickelte und nach wenigen Tagen wieder vorbeikam, darauf hoffend, die eine oder andere Fotografie möge auch gekauft werden, eine geraume Weile von uns Kindern für so einen „Verzahrer“ gehalten. Andererseits machten Leute, die nicht im Negerdörfl wohnten, einen Bogen darum. Denn da würde ihrer Meinung nach nur „Gesindel“ wohnen, alle mit Dreck am Stecken und überall anders auch, Nichtsnutze, Tagediebe, auf jeden Fall „kane Guaden“ (erfuhr ich erst viele Jahre später, in meiner Kindheit war mir das nie bewusst gewesen).

Aus meiner sicherlich etwas verklärten Erinnerung und aus Erzählungen weiß ich aber, dass dort ganz durchschnittliche Leute verschiedenster Herkunft lebten, arme Handwerker, arme Arbeitslose, natürlich auch Nichtstuer, abgewirtschaftet habende Geschäftsleute, vermutlich zwei käufliche Damen, eine oder zwei Roma- oder Sinti-Familien, die es irgendwie geschafft hatten, den Nazi-Schergen zu entkommen, echte oder vermeintliche Künstler, sogar verarmte Adelige und vieles andere mehr.

Es gab aber meinen Erkundigungen nach keine Schwerkriminellen, keine extremen Raufbolde, meines Wissens nicht einmal eine einzige Scheidungsfamilie, keine Denunzianten und vermutlich nur zwei Nationalsozialisten bzw. „Ehemalige“. Die meisten anderen waren politisch weit links angesiedelt, und alle Söhne meiner souveränen, ehemals aristokratischen, aber nun total verarmten und auch im Dörfl lebenden Großmutter waren vor dem Krieg illegale und danach noch einige Jahre lang legale Kommunisten. Meine Mutter erzählte mir einmal, als die Russen nach Wien gekommen waren, hätten sich einige davon auf der Wiese im Negerdörfl einquartiert. Meine Großmutter konnte perfekt, mein Vater etwas Russisch sprechen, und so kam es zu distanzierten, aber leidlich guten Kontakten. Die Besatzer erkannten die bittere Armut und grundsätzliche politische Einstellung der Menschen hier und ließen sie von sonst überall berichteten Schikanen und Gräueltaten weitgehend unbehelligt. Als sich in dieser Zeit einmal das Gerücht verbreitet hatte, die Nazis wären zurückgekehrt und schon bei der nahe gelegenen Spetterbrücke anmarschiert, wollte ein großer Teil der Bewohner des Dörfls schon sein Bündel schnüren und mit den Russen gemeinsam abziehen. Kommunismus sollte ja Gleichheit und Gerechtigkeit für alle bedeuten, und das konnte nur eine Verbesserung ihrer Lage darstellen. Gott sei Dank bewahrheitete sich das Gerücht nicht, und bald nach dem Krieg waren auch die ehemals dunkelrotesten Kommunisten heilfroh darüber, nicht mit nach Russland gegangen zu sein.

Und es gab keine Wohlhabenden; es wurde auch nach dem Krieg keiner reich. Als ich einmal im Winter nicht zur Schule gehen konnte, weil tiefer Schnee lag und einer von meinem einzigen Paar Winterschuhe ein großes Loch in der Sohle hatte, wollte meine Mutter dies nicht schriftlich als Entschuldigungsgrund anführen. Mein Vater bestand jedoch darauf mit der Erklärung, nicht Armut wäre in Zeiten wie diesen eine Schande, sondern Reichtum!

Im August 1952 wurde der letzte Mieter ausgesiedelt. Meine Familie zog im März desselben Jahres in den benachbarten Pirquet-Hof. Wir hatten uns schon sehr darauf gefreut. Ich erinnere mich an meine ersten Vorstellungen von einer Wohnung mit elektrischem Licht, in der man einen großen, viereckigen Spiegel mit einer weißen Glaskugellampe darüber wie im städtischen Tröpferlbad haben würde! Und dann würden wir uns auch einen Wellensittich kaufen dürfen, hatte uns unsere Mutter versprochen. In meiner Fantasie gab es da auch viele Blumenstöcke (bisher war kein Platz dafür) und einen Eiskasten. Allmählich sah meine Traumwohnung so aus wie eine, die ich das einzige Mal, das ich bisher im Kino gewesen war, in einem Film gesehen hatte.

Noch wohnte ich aber im Negerdörfl. Die ersten Abbrucharbeiten hatten bereits begonnen. Es war ein nebeliger Novembertag, ich kam von der Schule – ich besuchte die erste Klasse Volksschule – nach Hause, meine Mutter war wider Erwarten nicht da. So hockte ich mich auf die Holzveranda und sah zu, wie am Haus gegenüber Arbeiter Dachziegel abhoben und an einem flachen, langen Brett, das schräg an die Hausmauer angelegt war, zu Boden gleiten ließen. Die Fensterstöcke waren schon alle herausgerissen, man konnte in die leere, an einer Stelle rauchgeschwärzte ehemalige Küche der bereits verzogenen Galandner Schwestern sehen. Es war kalt, feucht, hatte zu nieseln begonnen, es wurde immer dämmriger, außer den zwei Arbeitern war kein Mensch zu sehen. Sie verrichteten ihre Arbeit still, als einziges Geräusch war das regelmäßige Herabgleiten der Ziegel zu hören. Ich blickte auf den schon halb abgedeckten Dachstuhl, und plötzlich verspürte ich einen bislang noch nie gekannten Schmerz, den ich damals nicht definieren konnte. Aber sooft ich in meinem späteren Leben das Wort „Abschied“ vernahm oder selbst aussprach, vermeinte ich, eine Erinnerung an diesen Schmerz zu verspüren.

Damals war ich sechs, heute bin ich sechsundsechzig. Vor einiger Zeit war ich im Ottakringer Bezirksmuseum, um ein bisschen in der Chronik zu stöbern. Ich hoffte leider vergebens – einen Artikel zu finden, den ich vor gut fünfunddreißig Jahren in einer Bezirkszeitung entdeckt hatte, und zwar einen Bericht über das Negerdörfl, dazu einen Kommentar vom damaligen Vorstand des kinderpsychologischen Instituts der Universität Wien, Frau Prof. Dr. Bayr-Klimppfinger. Soweit ich mich erinnern kann, hat sie darin eine Lanze für die Lebensweise der Kinder im Negerdörfl gebrochen und angeregt, jedem Stadtkind die Chance zu geben , in ähnlicher Freiheit, auf naturbelassenen „Gstätten“, in unregulierter Natur und im Rahmen eines so weitläufigen sozialen Netzes aufzuwachsen.

Bei meinen Recherchen im Bezirksmuseum fand ich in verschiedensten Zeitungsberichten im Zusammenhang mit dem Negerdörfl mehrmals den Begriff „Schandfleck“. Das ist insofern verständlich und nachvollziehbar, als das Wien der Nachkriegszeit stolz war auf seine Wiederaufbauarbeit. Und es war ja tatsächlich eine Schande gewesen, für kinderreiche Familien 26 Quadratmeter-Wohnungen zu bauen, für diese einen Arbeiterwochenlohn Miete zu verlangen, sie jedoch weder je zu sanieren noch elektrischen Strom einleiten zu lassen.

Aber für mich war das Negerdörfl rückblickend „Bullerbü“** oder das Dorf „Hinterkirchstetten“, in dem „Jörgl, Sepp und Poldl“** wohnten oder die „Sesamstraße“**, und ich war eine Figur aus einem Buch von Christine Nöstlinger.

Nach meinem Besuch im Bezirksmuseum traf ich einen mir bekannten Buchhändler. Ich erzählte ihm, zu welchem Zweck ich unterwegs war. Er zeigte sich sehr erstaunt und sagte: „Was, du hast im Negerdörfl gewohnt? Na, da hast du aber einen enormen sozialen Aufstieg gemacht!“ Ich wusste spontan keine passende Antwort darauf. Aber heute weiß ich sie: Nein! Ich habe keinen sozialen, sondern bestenfalls einen bescheidenen ökonomischen Aufstieg hinter mir; ein sozialer war nicht nötig! Denn ich bin der festen Überzeugung, dass alles, was an mir psychisch gesund sein mag, trotz massivem Nachkriegselend seine Wurzeln in meiner frühkindlichen Sozialisation im Negerdörfl hat!

*) Sämtliche Eigennamen mit Ausnahme derer von Geschäftsinhabern sind geändert.

**) Kinderbücher aus den 50er bzw. 60er Jahren von Astrid Lindgren: „Wir Kinder aus Bullerbü“, von Inge Maria Grimm: „Jörgl, Sepp und Poldl“ und eine Kinderserie des deutschen Fernsehens.

 

Anmerkungen

Dieser Bericht beruht auf meinem persönlichen Erinnerungsvermögen und auf von mir wahrgenommenen Erzählungen anderer Personen und erfüllt somit keinen 100-prozentigen Wahrheitsanspruch.

Der Text wurde anlässlich der 60-Jahre-Republik-Feiern an die Redaktion der Wiener Zeitung gesandt, wo er aber auf Grund der Länge bedauernd abgelehnt wurde. Während des Schreibens hatte ich hingegen zunehmend mehr Lust bekommen, über meine „Kindheit im Negerdörfl“ zu schreiben.

Meinen Geschwistern und mir schwebt schon lange Zeit vor, kurze Geschichten zu sammeln und sie möglicherweise veröffentlichen zu lassen. Ein kleines Brainstorming brachte genügend Stoff dafür zum Vorschein.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.

 

Weiterführendes im Standard vom 21. August 2016

Das „Negerdörfl“ an der Vorortelinie – von Martin Schenk

In einer außergewöhnlichen Reportage, die in einer Buchreihe über die verschüttete Tradition der psychoanalytischen Sozialarbeit erst jüngst veröffentlicht wurde, berichtet die Sozialarbeiterin Rosa Dworschak aus dem Wien der 1930er-Jahre … http://derstandard.at/2000043093896/Das-Negerdoerfl-an-der-Vorortelinie

 

 

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Comments
8 Responses to “Das Negerdörfl von Wien”
  1. Heidi Lacroix sagt:

    Wenn Sie schon einen Artikel unter diesem Namen veröffentlichen, empfehle ich, das N-Wort nicht auszuschreiben, eine gängige Methode ist wie von mir eben angeführt, es durch ein Groß-N abzukürzen und sich somit von der rassistischen und diskriminierenden und veralteten Ausdrucksweise zu DISTANZIEREN.mfg Heidi Lacroix

    • Gülent sagt:

      Das Wort Neger in diesem Zusammenhang hat absolut nichts mit Rassismus zu tun, sondern damals war man Neger, wenn man pleite war. Dies war ein ganz normales Wort und sagt man tlw. Immer noch in der heutigen Zeit ohne nur ansatzweise irgendwie an Schwarzafrikaner zu denken.
      Warum wird heutzutage bei allem Rassismus geortet?

      • Anonymous sagt:

        Damals wurden Menschen südlicher Herkunft als „n.“ bezeichnet, abschätzig, weil sie mittellos waren und mensch ihnen gegenüber Vorurteile hatte.(vgl. Rudolf Muhr: Sprache und Land. Die soziale und kulturelle Wirklichkeit Österreichs im Spiegel seiner Sprache). Es war also damals schon abschätzig gemeint. Das N-Wort ist rassistisch und hat in unserer Sprache nichts mehr verloren. Warum sind Ihnen Ihre ganz persönlichen Sprachvorlieben wichtiger als ein sensibler Umgang mit Sprache, der niemand verletzt und diskriminiert? Das ist gar nicht so schwer.

  2. Es ist eine historische Tatsache, dass diese Siedlung „Negerdörfl“ genannt wurde – warum und dass es abschätzig gemeint war, wird in der Geschichte erzählt, und es wäre meines Erachtens unsinnig, eine historische Bezeichnung, die thematisiert wird, nicht mehr hinzuschreiben. – Trotzdem Danke für die Kritik und Hinweise.

  3. Anonymous sagt:

    Vielen Dank für diesen wunderschönen Bericht, der mich für kurze Zeit in jenes längst vergangene Wien der Nachkriegszeit mitgenommen hat. Unfassbar, unter welchen Umständen man vor 70 Jahren noch gelebt hat. Berichte wie jener von Frau Hörmann sollten Pflichtklektüre in allen Schulen sein, damit die Kids begreifen wie gut es uns allen heute doch geht.

  4. Anonymous sagt:

    Toller Bericht Dankeschön

  5. Ulli sagt:

    „N.“ als ein „ganz normales Wort“??? Wurde im 18.Jhdt schon! benutzt, um Schwarze Menschen aufgrund ihres Äusseren, von den weißen zu unterscheiden. Also schon bevor dieses Dörfl so benannt wurde und dieses Wort zur Bezeichnung von Armut verwendet wurde, und dann soll es in diesem Kontext keinen Zusammenhang geben? Das seh ich nicht so. Die Gesellschaft, das Miteinander unter den Menschen ist immer von seiner Geschichte beeinflusst, das zu negieren macht es zu einfach. Einfacher wäre es etwa, die Selbstbezeichnung von Menschen zu respektieren und darauf wird bezüglich des N-Worts schon seit Jahrzehnten aufmerksam gemacht!

  6. Sehr schöne Geschichte, die das Leben von damals in einem Armenviertel „Negerdörfl“ widerspiegelt.
    Natürlich muss man das Wort ausschreiben, weil in 10-15 Jahren niemand mehr weiß, welches N-Dörfl gemeint ist. Eine Bezeichnung wie diese, oder auch andere können fallen, wenn sie mit dem entsprechenden Respekt verwendet werden. Man kann auch ohne diese Wörter zu verwenden, sehr respektlos und abwertend über Menschen, Orte, etc. sprechen.

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