VerkehrsVerStörung, parfumsüchtige Obdachlose und eine gebaute Vertreibung

DSC_0017Die Geschichte von F13 begann mit einem Bankraub im Bahnhof Spittelau. Wobei der mehrgeschoßige Bahnhof im neunten Wiener Gemeindebezirk nur ein Beispiel von vielen war, für Wien, für die neoliberale Stadt:

Hier wurde bewusst auf die Installierung von Sitzgelegenheiten verzichtet, es könnten sich ja Nicht-Kunden darauf niederlassen, Nichtsesshafte, Kaufkraftlose. Ein von der Stadtverwaltung verübter Bankraub, konstatierten im Oktober 1998 Aktivistinnen aus dem Umfeld der Straßenzeitung Augustin. Sie entführten kurzerhand eine Parkbank, eine Art Rückraubung, und platzierten sie mitten in der Bahnhofspassage. Es folgten weitere Aktionen gegen die Vertreibung von sozialen Randgruppen aus dem öffentlichen Raum, seit 2002 unter dem Label F13, weil an jedem Freitag, den 13. Der vermeintliche Unglückstag wurde zu einem Glückstag umfunktioniert, zu einem Aktionstag für das „Recht-auf-Stadt“, noch vor Erfindung dieses Slogans.

Die Freifahr-Razzia

2015 ist eines dieser besonderen Jahre, in denen es gleich drei Freitage gibt, die auf einen Dreizehnten fallen. Am ersten im Februar kam es zu einer „Freifahr-Razzia“ der Augustin-Verkäufer_innen, die als selbstermächtigte Fahrschein-Kontroll-Organe auf diversen U-Bahnlinien unterwegs waren und all jene mit Schnaps, Schokolade und Applaus belohnten, die ohne Ticket unterwegs waren. Eine Bekräftigung ihrer seit Jahrzehnten erhobenen Forderung auf Nulltarif bei den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Der Freitag, der 13. März, wurde nicht nur für eine flotte Haus-Besetzung genutzt, er stand auch unter dem Motto „Pflückpoesie statt City-Branding“. Eine Würdigung des Wiener Zettelpoeten Robert Seethaler, der seit 30 Jahren seine Gedichte und Aphorismen zur freien Ernte auf Klebestreifen in der Stadt aushängt, worauf die Polizei mehr als 1100 Mal mit einer Anzeige reagierte und es dabei höchst unkreativ auf nur drei Varianten brachte:

VerschmutzungDSC_0010

Ordnungsstörung

Behinderung des Fußgängerverkehrs

(das muss mensch recht oft durch die Cut-Up-Maschine jagen, damit endlich Poesie draus wird:

Schmutzung

Schmutzung

Ordnungs Schmutzung

Verkehrs

Ver

Ver

Störung)

Am 13. März also zogen gleich zwei Dutzend Zettelpoeten los, um die Stadt die be(k)leben – was dabei herauskam, lässt sich ab Dienstag (17.3.) Abend im neuen Augustin nachlesen.

Eine Zerzäunung

Drei der Aktivistinnen hatten ein besonderes Ziel. Sie wollten auf eine gebaute Vertreibung bei der Philadelphiabrücke aufmerksam machen.

Gebaute Vertreibung?

Was ein Öffentlicher Raum ermöglicht, liegt nicht zuletzt in seiner Gestaltung. Wenn wir bei den konsumfreien Sitzgelegenheiten bleiben: Man kann sie bewusst weglassen wie am oben erwähnten Bahnhof. Man kann sie so bauen, dass sie ungemütlich sind und sich nicht dazu eignen, darauf zu schlafen, auch nicht im Sitzen. Oder man kann solche, die der Stadt durch wohlmeinende Architekt_innen passiert sind, durch Verbauung stören oder zerstören.

Der konkrete Fall (über den wir auf dieser Seite schon ein Mal berichteten):

Am Vorplatz der Arcade Meidling an der Philadelphiabrücke wurde 2014 ein Zaun errichtet, der nur einen Zweck hat: Er soll die bisherige Nutzung als Sitzplatz verunmöglichen. Nach ein paar Wochen eigneten sich findige Jugendliche die Sitzplätze wieder an, indem sie sich durch die Barriere schlängelten und die Arme auf der Mittelstange aufstützen. Also wurde das Vertreibungsprojekt mit Werbetafeln erweitert. Ein regelmäßiger Platzbenutzer erzählte den F13-Aktivistinnen, die den Zaun als Plakatständer für ihre Protest-Kartons nutzten, folgendes:

DSC_0013

 

Man habe den Zaun errichtet, weil das Tageszentrum JOSI sein Ausweichquartier in der nahe gelegenen Koppreitergasse hatte und in dieser Zeit auch Obdachlose die Sitzgelegenheit am Vorplatz der Arcade Meidling nutzten. Und diese hätten, so die Anschuldigung des Einkaufszentrums, in der Müller-Filiale Parfumfläschchen gestohlen. Frage: Stimmt das? Antwort: Mitleidiges Lächeln.

Da hat also ein Unternehmen Angst vor vermeintlich parfumsüchtigen Obdachlosen, schon wird der öffentliche Raum vor einem Einkaufszentrum umgebaut. Diesmal weniger eingezäunt oder umzäunt (wie zum Beispiel die gegen Bezahlung zerstörte Kaiserwiese) als zerzäunt.

DSC_0599Bei Kaiserwiese fällt mir der Prater ein und eine weitere Zaun-Idee, erschaffen vom Wiener Stadtgartenamt (Ma 42), jener Stadtbehörde, bei der es uns von Stadtfrucht Wien mittlerweile schon peinlich ist, sie zum Gegner zu haben. Ende 2014 sprachen sich die Bezirkspolitiker_innen vom 2. Bezirk einstimmig für Obstbäume im öffentlichen Raum aus, also für Obstbäume für alle, Motto „Leopoldstadt pflückt“. Der Antrag landete kurz vor Weihnachten im Umweltausschuss, also auch vor der MA 42, die ihn mit den üblichen Argumenten ablehnte:

Die Menschen in Wien seien zu unreif für öffentliches Obst

und würden dementsprechend die Früchte zu früh ernten, also unreife Früchte ernten, und sie erstaunlicherweise gleichzeitig zu spät ernten, also verfaulen lassen, was zu Wespen- und Geruchsbelästigung führe. Das einzige, was sich die von der Stadt bezahlten Gärntner_innen eventuell vorstellen könnten: Ein paar Obstbäume im Prater, eingezäunt, und gegen Cash („Benutzungsübereinkunft“) von bestimmten Bürger-innen beerntbar. So viel dazu, was in Wien eine öffentliche Institution unter öffentlich versteht.

„Die Zeit hat aufgehört, der Raum ist dahingeschwunden, wir leben im globalen Dorf, … in einem gleichzeitigen Happening“ jubelten Marshall McLuhan und Quentin Fiore in ihrem Werk „Das Medium ist Message“. Das war 1962. Heute wissen wir es besser. Wir sind nicht nur von der NSA genau geortet und werden durch diverse „Smart“-Konzepte dazu verführt, die uns treibende Sklavenpeitsche sogar freiwillig und selbst zu schwingen, auch die Grenzenlosigkeit war nur ein kurzer heller Moment in der Geschichte des Digitalen.  Das neueste Zaun-Errichten im Netz: Das „handgepflückte Entfernen von Daten aus der digitalen Kartenwelt von Google Maps & Co“, gegen Bezahlung natürlich, wie Peter Glaser auf seinem empfehlenswerten Blog berichtet. So haben es zum Beispiel die wohlhabenden Villenbesitzer am Fuß jenes Hügels mit den legendären „HOLLYWOOD“-Buchstaben geschafft, dass die GPS-Koordinaten der Sehenswürdigkeit geändert wurden und die Touristen von ihren Smart-Phones neuerdings auf einen gegenüberliegenden Berg geleitet werden und nicht mehr an ihren Villen-Zäunen vorbeitraben und womöglich durch die eine oder andere Lücke spähen.

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One Response to “VerkehrsVerStörung, parfumsüchtige Obdachlose und eine gebaute Vertreibung”
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  1. […] Vier Tage nach der Show begannen jedenfalls Straßenarbeiter in Meidling, den Asphalt zu sprengen. Und wir fragten uns: Wollen sie hier vor der Arcade Meidling nun einen GemüseGarten angelegen und Obstbäume pflanzen? Oder wollen sie ganz einfach eine andere Forderung von uns erfüllen, also den Zaun wegreißen, der ein Jahr lang das Sitzen im öffentlichen Raum behinderte (- nachzulesen HIER)? […]



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