Meine Eurovision: MEHR STRAßENMUSIK!

ma48kampagne2015-taubenMit der Kampagne „Eurowischn Putz Contest“ nimmt die MA 48 heuer die Austragung des Eurovision-Songcontests in der Wiener Stadthalle zum Anlass, um ihre Benimm-Regeln in Sachen Sauberkeit und Ordnung  zu propagieren. Das geschieht in schon gewohnt bemühter Originalität, Wiener Schmäh vom Gröberen, und so fällt dann neben dem „Shit, des is ka Hit!“-Plakat gegen liegenbleibenden Hundekot und dem „Dafür gibt’s kan Applaus!“ in Bezug auf Zigarettenstummeln am Boden das Plakat mit dem Titel „Ka tolles Publikum!“ den meisten wohl nicht sonderlich auf.

Es richtet sich gegen Tauben und Ratten, welche die MA 48 nicht gerne sieht und für die daher nichts Essbares herumliegen, geschweige denn bewusst hingelegt werden sollte. Diese lustig gemeinte Aufregung über ein nicht-erwünschtes Publikum im Rahmen einer sich beim EurovisionsContest vor einem 200-Millionen-Fernsehpublikum präsentierenden Stadt bringt uns aber auf direktem Weg zu einer Politik, die seit rund zwei Jahrzehnten die Themen Sauberkeit, Ordnung und Sicherheit auf eine Weise verknüpft, die dazu führt, bestimmte Lebewesen aus dem Stadtbild zu entfernen als seien sie „Dreck“. Nicht nur Tauben und Ratten, sondern auch Obdachlose, Suchtkranke, Sexarbeiterinnen, Straßenkünstlerinnen oder Bettelnde. Letztere derzeit wieder durch Schwerpunktaktionen, um die Ostermärkte „sauber“ zu halten. Denn auch das ist bezeichnend für die neoliberale Stadt: Die Politik überlässt nicht nur den öffentlichen Raum zunehmend der Wirtschaft, sondern macht dann für diese auch noch den Bodyguard.

EuroWischnAuffallend im Rahmen des aktuellen Spektakels ist natürlich, dass sich Wien einerseits als Musik-Stadt darstellt, zum anderen eines der europaweit rigidesten Regelungen in Sachen Straßenmusik hat. Erst vor wenigen Tagen, es war einer dieser ersten warmen Sonnentage, wo es sogar in Wien mit einem Schlag normal erscheint, dass sich fremde Menschen anlächeln und am Gemeinsam-Lebendig-Sein erfreuen, da bekam ich mit, wie drei Zivilpolizisten bei der Mariahilferstraße/Ecke Kaiserstraße einen jungen Straßenmusiker vertrieben, da er nichts davon wusste, dass Derartiges hierzustadt von extra Rechtsvorschriften eingeschränkt wird und nur mit bestimmten Instrumenten (z.B. Trommeln sind verboten) an bestimmten Orten (z. B. mehr als 5 Meter von gastgewerblich benutzten Straßenflächen entfernt) zu bestimmten Zeiten für höchsten zwei Stunden erlaubt ist.

Ich regte mich über die drei MusikerAbdreher auch verbal auf:

– Das ist ja wohl der traurigste Job der Welt, an einem Frühlingstag durch die Straßen zu gehen und den Menschen das Musizieren und Singen zu verbieten

Plärrn muss ich nur, wenn ich so einen wie Sie seh

Da sind S‘ aber wirklich sensibler als man Ihnen das im ersten Moment zutrauen tät

Und so weiter. Zusammenfassend kann gesagt werden: Es wurde sehr schnell sehr persönlich. Zu persönlich offensichtlich, denn als ich im Fortgehen halblaut das Wort „Arschloch“ von mir gab, da schwenkten plötzlich alle drei wie in den Popo gezwickt herum, „Das hab ich jetzt gehört! Das hab ich gehört!“, drängten mich zur Seite, „Polizei Wien! Haben Sie einen  Ausweis!“, und es zeigte sich, dass Sensibilität nicht unbedingt Empathie inkludieren muss.

Ostermarkt 2015 - Altes AKH

Ostermarkt 2015 – Altes AKH

Ich musste für das „Arschloch“ 40 Euro bezahlen. Der Grund: Anstandsverletzung. Ich war an diesem Tag ein wenig manisch, also wild entschlossen, mir die gute Laune nicht verderben zu lassen. Also nutzte ich die Gelegenheit nun zu einem ausführlichen Arschloch-Disput

– Was, nur weil ich zu Ihnen Arschloch gesagt habe, zahl ich jetzt 40 Euro?

– Weil es andere gehört haben, also ist es eine Anstandsverletzung.

Wenn ich zu Ihnen Arschloch sag, ist der Anstand von anderen verletzt? Woher wollen Sie das wissen?

Spielen S‘ Ihnen nicht, sonst zahlen S‘ gleich doppelt so viel.

Sie wollen für jedes Mal Arschloch-Sagen 40 Euro kassieren, das ist sicher nicht erlaubt.

Nein, aber Sie können noch 40 Euro wegen Ehrenbeleidigung dazubekommen.

Das ist nicht Ihr Ernst! Ich verwende das Wort Arschloch jetzt ja nur indirekt. Wir reden darüber, ob ich für das Arschloch-Sagen 40 Euro zahlen muss, da muss ich ja zwangläufig wieder Arschloch sagen, oder gibt es da so ein Geheimdings wie bei Harry Potter, das Arschloch, der dunkle Lord, dessen Name nicht genannt werden darf.

Wir können auch andere Seiten aufziehen, das ist Ihnen schon klar.

Was meinen Sie konkret damit?

Und so weiter. Ich tat aus ihrer Sicht das, was sie wahrscheinlich als „Schütteln am Watschenbaum“ bezeichnen würden, aber sie ließen sich nicht weiter provozieren. Vielleicht wollten auch sie die Sonne genießen und nicht wieder in die Station zurückkehren.

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Später, vor der Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz, stieß ich auf zwei Straßenmusiker, die Besen und Schaufel nicht zum Eurowischn-Saubermachen verwendeten, sondern zu E-Gitarren umfunktioniert hatten: Ihre zwei kleinen Verstärker sind laut Straßenkunstverordnung zwar auch nicht erlaubt, aber die drei Zivilpolizisten waren zum Glück Richtung stadteinwärts weitergezogen. Ich hörte Ihnen zu, bis ein Pudel versuchte, das Geld aus der Spendenschüssel zu schlecken, und sie den Zwischenfall zum Anlass nahmen, aufzuhören. Dann saß ich auf der Bücherei-Treppe in der Sonne und dachte, die Künstlerinnen in Wien sollten den Eurovisions-Contest dazu nutzen, eine liberalere Straßenkunstverordnung einzufordern, in Wien, in Europa – Facebook-Gruppe, Conchita und Co. als Straßensängerinnen, internationale Pressekonferenz, all das. Ich sollte einen Blog-Eintrag schreiben und sie dazu auffordern…DSC_0111

Nachtrag 30. 3. 2015: Heute im Kurier ein Artikel, in dem unter anderem erzählt wird, wie eine Musikantengruppe trotz Erlaubnis vertrieben wurde, weil jemand – wie das jahrhundertelange Tradition bei Musizierenden und anderen Künstlerinnen ist – mit dem Hut herumging und das als eine nicht erlaubte Form des Bettelns ausgelegt wurde: http://kurier.at/chronik/wien/schwerpunkt-aktion-wien-ruestet-sich-gegen-bettler-busse/122.137.508

Nachtrag 7. 4. 2015: Der alte/neue „Sauberkeits“-Diskurs aktuell in Salzburg – In einer Kolumne der Salzburger Krone vom 4. April mit dem Titel „Osterputz“ heißt es unter anderem: „Die ausufernde Bettlerszene und ihre Hinterlassenschaften wären ein Fall für eine ganz groß angelegte Säuberung.“

Nachtrag 11. 5. 2015: Wohin mit der Straßenmusik in Wien? Ein weiteres Songcontest-Projekt zeigt es: In die Kanalisation. In Fußgängerbereichen wurden unter einigen Kanaldeckeln MP3-Player in wasserfesten Boxen montiert, sodass Conchita Wurst und Udo Jürgens wie aus dem Untergrund erschallen, passenderweise auch das Zitherspiel zum „Dritten Mann“ von Anton Karas…

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Comments
2 Responses to “Meine Eurovision: MEHR STRAßENMUSIK!”
  1. f.e. sagt:

    Hi!

    Als jemand, der mit Musik seit etwa 20 Jahren sein Leben bestreitet, habe ich recht selten Straßenmusik gemacht (ohne dafür engagiert gewesen zu sein) – der letzte mir erinnerliche Zeitpunkt war in Wien, vor etwa 7-8 Jahren, an einem Tag, an dem eine schweres Unwetter unweit von uns einen Kran umwarf, wobei ein Arbeiter den Tod fand und am Schwedenplatz eine
    frenetische Meute bunt zusammengewürfelter Leute
    im Hagel und bei Sturm versuchte, den von einem
    Eistee – Promotionteam zurückgelassenen Eisblock mit darin eingeschlossenen, vollen Plastikflaschen zu zertrümmern, um an selbige zu kommen – es war also ein wenig surreal,
    am Schluß..
    Ich empfinde die geltenden Regelungen als eher restriktiv, wobei eine gewisse Einteilung im Sinne
    der Gleichberechtigung sicherlich sinnvoll ist: Ansonsten würden die „besten“ Plätze monopolisiert.
    (das die „guten“ Plätze – zumindestens damals – mit Kosten verbunden waren, ist noch so ein Detail..) Angeblich kampierten in diesen Tagen einige Leute schon über Nacht vor dem Magistrat, um sich eine Bewilligung als erster zu sichern…

    Was ich lustig fand: irgendwann kam die Bezirksvorsteherin des Ersten auf die Idee, die gesamte Strecke um den Dom als „Besinnlichkeitszone“ deklarieren zu wollen. Mir erwuchs damals der Gedanke, den klassischen Konflikt „Sonntagsmesse – Spielleute vor der Kirche“ als ironisches Transportmittel für Protest zu verwenden (mein Spezialgebiet ist Musik zwischen Hochmittelalter und Barockzeit), allerdings blieb es dann, was es zu Beginn war: Buschfeuer.
    Auf der einen Seite finde ich es beschämend, in einer Stadt, welche sich (nicht erst seit Mozarts Zeiten – man siehe Reisebeschreibungen aus dem mittelalterlichen Wien) als Musikstadt versteht
    ,mit solch krämerischer Kleinkariertheit konfrontiert zu werden, andererseits empfinde ich es
    als angemessen, Straßenkünstler zumindestens ob Ihrer Befähigung zu betrachten.
    Allerdings geht dies nahtlos in ein Politikum / Philosophikum über – denn wer kann es denn beurteilen, wie Kriterien definieren, wenn nicht über debattierbare Ansätze ?
    Bei dieser Art der Beurteilung würde vielleicht einiges an experimentellen Möglichkeiten
    wegfallen, was schade wäre.. Also: wie man es macht, macht man es verkehrt.
    Im Allgemeinen aber wünschte ich mir im täglichen Umgang ein wenig mehr Höflichkeit aller, sowohl Seitens der Exekutive, als auch Seitens der Bürger…

    PS: Die Besengitarre und ihr pendant sind amüsant !

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  1. […] Ein Stadtfrucht-Text über die zu befürchtenden „Säuberungen“ im Rahmen des EuroVisionsContests https://stadtfruchtwien.wordpress.com/2015/03/25/meine-eurovision-mehr-strasenmusik/ […]



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