Von VeilchenSchluckern, Umaziagan und Hollerkarten

EthnoBotanische Frühlingswanderung durch die Lobau – Von Robert Eichert (Dieser Text erschien in ähnlicher Form in der Donaustädter Bezirkszeitung)

der kräuterkundige

Zwei Tiere waren es, die unsere frühen Vorfahren besonders beeindruckt haben:

Der Wolf und der Bär. Natürlich einstmals auch in den Donauauen heimisch. Der Bär galt bei den Germanen als ein die Fruchtbarkeit fördernder (ge-bär-en) Vegetationsdämon, der symbolisch mit seiner Kraft die Macht des Winters vertreiben konnte. Diese Seelentiere konnten sich-so glaubte man-auch in bestimmten Pflanzen verkörpern. Und durch deren Verzehr wollte man sich diese Kraft einverleiben. Eine dieser Heilpflanzen ist der Bärlauch. Grüne deftig duftende Felder begegnen uns derzeit in der Au. In der germanischen Schöpfungsgeschichte der Edda gilt dieser Lauch als eine der ersten Pflanzen, die am Anfang der Welt erschaffen wurden:

“Sonne vom Süden fiel auf den Felsen, und dem Grunde entspross der grüne Lauch“

Ein bärenstarkes Heilmittel um seinen Körper jetzt im Frühling zu stärken und zu reinigen.

Auch das Schneeglöckchen ist momentan noch blühender Gast der Lobau. Ihr ältester deutscher Name lautete:“S(ch)neetropfen“, in Ober-österreich“Schneekaterln“ und in der Schweiz „Amseleblueme“, offenbar deshalb, weil sie zu der Zeit blühen in der die Amsel ihr Frühlingslied erschallen lässt. Von den Bewohnern der Anrainer-Gemeinden wurden Schneeglöckchen aber auch Maiglöckchen und Veilchen gesammelt, um sich ein Zubrot in der Wienerstadt zu verdienen.

Ein alter Veilchenschwank

Auch Veilchen sind Verkünder des Frühlings. So war es am Wiener Hof zur Zeit Leopolds IV. Sitte, im März in den Donauauen das erste Veilchen aufzusuchen. Der glückliche Finder benachrichtigte sogleich den Herzog, der dann mit seinem ganzen Hofstaat hinauszog, um das Blümlein feierlich zu begrüßen. Dieses Frühlingsfest ist auch der Mittelpunkt eines „Fastnachtspieles“ von Hans Sachs:um 1220 neydhart v.reuenthal

„Der Dichter Neydhart, der um 1200 am österreichischen Hofe lebte, findet das erste Veilchen und legt seinen Hut darüber. Bauern, die in der Nähe tanzen, haben das aber beobachtet Sie spielen dem Neydhart, der immer böse Gedichte über sie schrieb, einen derben Streich, indem sie unter dem Hut zurücklassen, was „sich nicht singen und sagen lässt!“Die Herzogin und die illustre Gesellschaft wurden unterdessen von Neydhart herbeigeholt und der Hut unter Beifall gelüftet-man kann sich die Reaktion auf diesen „Haufen“ bildhaft ausmalen…!“

In manchen Gegenden hieß es, dass das Verschlucken der ersten drei Veilchen, die man findet das ganze übrige Jahr als Schutzmittel gegen Fieber wirke. Eine uralte Anschauung auch bei anderen Völkern von der Heilkraft der Frühlingsboten, die ja als die ersten Pflanzen noch gegen Eis und Sturm zu kämpfen haben und daher „besonders stark“ sein müssen. Aber wie wär’s mit kandierten Veilchen-das Lieblingskonfekt der Kaiserin Elisabeth.

Die Teufelsnessel

Am Wegesrand die Brennessel.

“Diese Pflanze kenn‘ ich, sagte der Teufel und setzte sich in einen großen Brennnesselbusch“-Aus einem Kräuterbuch aus dem 16.Jahrhundert.Durchaus für masochistische Rheumatiker und Gichtpatienten geeignet. Empfehlenswerter jedoch für zartere Seelen ist die Brennnesselkur, die gegen Frühjahrsmüdigkeit mit der gekochten passierten Frischpflanze als Suppe oder Spinat auch in Gourmet-haushalten vertretbar ist. Für schlechtere Zeiten ein billiges Gemüse! In der Apotheke oder im Drogeriefachmarkt ist heutzutage der Brennnesselfrischsaft oder der Tee für uns Stadtkinder auch käuflich zu erwerben.

Gesundheit fürs Tierkräuterbuch 1679

Folgendes Denken war im medizinischen Volksaberglauben weit verbreitet:

Eine Krankheit auf eine Pflanze übertragen zu können!(=sympathetische Medizin)

Dazu war jenes Verfahren bei “Fußleiden“ von Tieren anzuwenden-Man breche drei Nesseln ab und spreche dabei:

„Die ist für den Ochs,

die andere für den Fuß,

die dritte ist die heilen muß!“

Dann wird dem Vieh mit den Nesselstauden durch die Klauen gefahren und die Krankheit somit übertragen.

Und natürlich wurden viele Aupflanzen von der lobauansässigen Bevölkerung gesammelt und für Heilzwecke aber auch andere wiederum als Futterpflanzen für die Nutztiere verwendet.

Die Umaziager

In unseren Orten des Marchfeldes und des Donauvorlandes gab es in früheren Zeiten keine flächendeckende Versorgung mit Ärzten oder Apothekern. Viele konnten oder wollten sich diese auch nicht leisten.

So ist anzunehmen, dass es hier auch sogenannte Umaziager, also umherziehende Kräuterkundige und Heiler/innen(auch Kräutler, Dürrkräutler oder Wurzelstecher) gab, die für Kost und Quartier die „Mindestversorgung“ der Bevölkerung mit Krankenbehandlungen und Heilkräutern-gesammelt in den Auenwäldern und Feldern-übernahmen.

Somit war aber auch für die Verbreitung von heilenden oder glücksbringenden und Unheil abwehrenden Amuletten gesorgt.

Florian Berndl, der um 1900 das Gänsehäufel „entdeckte“, war so ein Naturarzt, der die Menschen mit kaltem Wasser, heißem Sand, „lockeren Badesitten“ und selbstgesammelten „Aukräuteln“ behandelt hat.

kräutersammlerinKräuterhex

Ein Bescheid mit der Erlaubnis in den k. k. Wäldern(also auch in den Donauauen) Kräuter und Wurzeln zu sammeln, ausgestellt 1809 vom k. k. Obersthofjägermeisteramt, liegt uns hier vor:

„Der Vorweiserin dieses, Magdalena Haupt, wird hiermit auf ihr bittliches Ansuchen für ihre Persohn allein gegenwärtige Erlaubnüß, für die k. k. Apotheke medizinische Kräuter, Blumen Blüthen und Wurzeln zu suchen, sammeln und graben unter nachstehenden Bedüngnüssen ausgefertigt, und zwar:

1.Hat diese Lizenz der betreffenden k. k. Jägerey und Waldbeamten vorzuzeigen, und sich von ihnen die Orte wo sie diese Kräuter und ihrgleichen zu finden glaubet, anweisen zu lassen.

  1. Soll sie sich sodann ruhig und ohne Getös verhalten, und alle verbothene Orte, als Sulzen, Schütten, und bannige Böden, und das Gewild aus seinen Ständen nicht zu verjagen, gänzlich vermeiden.
  2. Sich nicht unterstehen, junge oder alte Vögel, auf was immer eine Art es seye, zu fangen, zu stöhren, oder die eyer aus ihren Nesten zu nehmen.
  3. Solle sie sich hütten, in den Wäldern und der Wildbahn irgend einen Schaden zu verursachen.

Die k.k. Jägereybeamten werden ein wachsames Aug auf sie haben, und die etwaige Übertrettung sogleich anzeigen, damit man diese Lizenz auf immer kassiren, und die Übertretterin zur gebührenden Straffe ziehen könne.

Wien den 1. May 1809

Ferdinand Graf zu Hardegg“

Nach 1945 konnte man sich für die Lobau eine „Hollerkarte“ um einen Schilling besorgen-dann durfte man den ganzen Tag eine bestimmte Menge Holunder brocken.

Aus einem österreichischem Kräuterbuch von 1901:

Frühjahrscuren

„Es ist erprobt und bekannt, dass sich die Frühjahrscuren mit frischen Kräutern sowie Kräutersäften fast in allen chronischen Krankheiten heilsam zu erweisen imstande sind!“

In den letzten Jahren erlebten Naturheilkunde und traditionelle Kräutermedizin eine beachtliche Renaissance.

Man erinnert sich an das Wissen der weisen Frauen und Männer, an die „Apotheke Gottes.“

Folgendes zu beachten ist aber angebracht: Im Wiener Teil des Nationalparks Donauauen, also in der Lobau ist das Pflücken jeglicher Pflanzen verboten. Jedoch im NÖ-Anteil ist es ein paar Meter neben den markierten Wegen erlaubt.

 

(Robert Eichert war auch der Kurator der AusstellungDSC_0191

über das Wildern in der Lobau – hier mehr:

https://stadtfruchtwien.wordpress.com/2014/07/20/die-flachland-wilderer-in-der-lobau/ )

 

TIPP

Wildkräuter und WildfrüchteGesundes und Kulinarisches aus der AuWandern und Kochen (Workshop):

  1. September, 9 Uhr, In Stopfenreuth, ca.8 Stunden, 34 Euro

Info und Anmeldung: Nationalpark-Zentrum Orth

Tel.022 12/3555 www.donauauen.at

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: