Die Gstettn – Ein urbaner SehnsuchtsOrt

Im wachsenden Wien haben es Gstettn nicht leicht. Aber sie werden zunehmend geschätzt: Als Freiraum für Wildpflanzen, Wildtiere und Stadtmenschen. – Dieser Text von Peter A. Krobath erschien in der Mai-Ausgabe des Magazins Wiener Wildnis

DSC_0350Alles ganz einfach. Nehmen wir z. B. das abgerissene Studentenheim am Anfang der Skodagasse. Also nicht das Heim, das ist ja seit sieben Jahren weg, sondern die Fläche, die zurückblieb. Hätte man sie in Ruhe gelassen, also im wahrsten Sinne des Wortes Gras drüber wachsen lassen, wäre wahrscheinlich folgendes passiert:

Am Anfang hätten ein paar „Kraftlackeln“ Fuß gefasst, der Weiße Gänsefuß oder der Acker-Senf, eventuell auch ein paar Getreidebeikräuter wie Klatschmohn und Kornblume. Im zweiten Jahr hätten sich wohl ein paar „Streuner“ auf die Fläche verirrt, die Dach-Trespe und (in seiner Freizeit versteht sich) das Kanadische Berufkraut. Im dritten Jahr würden sich die „Egoisten“ (Goldrute, Klette) und die „Unverwüstlichen“ (Quecke, Giersch) in den Vordergrund drängen. Im vierten Jahr erste Gebüsche und Bäume dazustoßen. Und dann, in den nächsten Jahren noch ein paar Schatten ertragende Stadt-Bäume. Einen neuen Wald hätten wir dadurch heute nicht, aber eine veritable Gstettn.

Am Land versteht man unter einer Gstettn meist einen Feldrain oder eine Böschung, in der Stadt (wenn nicht gerade der Garten des Nachbarn ob seiner sogenannten Unkräuter so geschimpft wird) eine unverbaute, verwilderte Fläche. Eine Baulücke. Eine Brache. Einen Freiraum. Ausführlicher gesagt:

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Eine Gstettn in Wien ist meist ein von Plakatwänden abgeschottetes Areal, das eine Zeit lang sich selbst überlassen bleibt, also der Natur und den mehr oder weniger heimlichen Besuchern aus der Nachbarschaft, den Baumhaus-Kids, den Outdoor-Trinkern, den Heuschrecken-Experten, den Wildkräuter-Sammlerinnen. Solche Orte können ehemalige Industrieanlagen, Lagerplätze oder Gärtnereien sein. Am Rand von Gewässern oder Parks entstehen. Oder im Knie einer Autobahn, zwischen Bahngleisen und – en miniature – in Pflasterritzen oder schmalenden Spalten entlang der Gehsteigränder.

Polizei bringt Brombeerhecke zur Strecke

Mitunter ist so eine Gstettn dann wilder als die Polizei erlaubt. Sie ist ihr zu uneinsichtig. Die gewachsene Ordnung der Pflanzen mit ihren versteckten Unterschlüpfen und Pfaden widerspricht der geometrisch-visuellen Ordnung der Beamten. So wurde z. B. in der Nähe der U-Bahn-Station Längenfeld ein großer Brombeerstrauch umgeschnitten, da er in Verdacht stand, im Nebenberuf auf Drogenumschlagplatz zu machen. Symptombekämpfung. Die Wurzel blieb im Boden und arbeitet bereits an einem neuen Strauch. (Mehr HIER)

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Eine Gstettn ist ein Stück Stadtwildnis, sagt der Gstettn-Führer der Wiener Umweltanwaltschaft, der seit zwölf Jahren und bereits in 5. Auflage erscheint und darauf verweist, wie wichtig derartige Flächen für Wildpflanzen und Wildtiere sind. In der Stadtplanung wird dieser Aspekt von Gstettn kaum berücksichtigt. In der Bevölkerung wächst ihre Wertschätzung, die Gründe dafür sind vielfältig:

Da gibt es die, welche glauben, wir können Natur und Naturzerstörung durch fleißiges Aufrechnen in eine friedliche Ballance zwingen, sie sprechen von der Gstettn als Sauerstofflieferant, Feinstaubfilter, Klimaschutzmaßnahme und nicht zuletzt als ein die umliegenden Immobilien aufwertendes Stadtgrün. Andere schätzen ihren postapokalyptischen Flair, es verschafft ihnen Genugtuung, zu sehen, wie die Natur die Ruinen der Zivilisation sprengt und überwuchert und uns zeigt, dass sie nicht „unterzukriegen“ ist.

Weitere sehen in der Gstettn das Puzzlestücke eines Natur-Paradieses, das uns vor der digitalen Entfremdung retten kann. Bodennähe, Eigenempfinden, „Regrounding“ (Hanno Rautenberg, „Wir sind die Stadt“). Die Gstettn als Sehnsuchtsort. Als Hort der Lebendigkeit. Die Blumenwiese als die unverblümte Wirklichkeit. Die Natur als eine Schule der Sinne, in der wir uns und andere Lebewesen mit Haut und Haar erfahren. In der wir verstehen lernen, „dass kein Wesen aus sich selbst besteht“, in der wir „uns selbst als Landschaft begreifen“ (Andreas Weber, „Lebendigkeit – Eine erotische Ökologie“).DSC_0064

Das Stadtgartenamt und das Forstamt helfen den Gstettn manchmal ein wenig nach, indem weniger tun oder gar nichts, z. B. bestimmte Wiesen nicht mähen. Aber es gibt auch aktivere Methoden: Auf der Dammwiese vorm Augarten treffe ich den arbeitslosen Mischa. Er pflanzt gerade Büscheln von Schöllkraut und Spitzwegerich auf einer Fläche ein, welche sich eine Gruppe von Menschen vor Jahren aneignete, die sich in Form des „Josefinischen Erlustigungskomitees“ originell aber erfolglos gegen die Verbauung des Augartenspitzes einsetzte.

Feldmäuse und Wildhasen

Einer dieser Konflikte um Grünräume in Wien, die stark zunehmen. So setzt sich z. B. aktuell eine Bürgerinitiative gegen die „Eventisierung“ der Kaiserwiese im Prater ein, eine andere gegen einen zusätzlichen Gastronomie-Betrieb auf einer Donaukanalwiese, eine gegen die Verbauung des Hörndlwalds, eine gegen die Autobahn im Nationalpark Lobau, eine für einen größeren Grünanteil im Stadterweiterungsgebiet Donaufeld. Und eine weitere fordert, dass die Grünflächen zwischen den Sportplätzen auf der Schmelz der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen.

Schmelz Jener Schmelz, die vor hundert Jahren übrigens eine berühmt-berüchtigte Gstettn war, deren weite von Ziegelmist und Geröll übersäte Rasenflächen in zeitgenössischen Lebensberichten gern als Kindheitsparadies geschildert wurden, z. B. von Alfons Petzold: „Was geschah nicht alles auf dieser für das Kinderherz so unendlichen Heide, die an den Türschwellen der Häuserzeile begann, in der wir wohnten, und wie eine Meeresfläche gegen die freien Wienerwaldberge anwogte; mit Baumgruppen und fantastischem Schanzwerk als Inseln, durchzogen von geheimnisvollen Gräben, in denen seltsames Unkraut wucherte und in üppiger Fülle Eidechsen, Kröten, Frösche, weiter draußen sogar Feldmäuse und Wildhasen hausten.“

Das Protestcamp auf der Augarten-Dammwiese ist im Vorjahr abgebrannt, die Gartenlaube wurde vor einem Monat abgebaut, Mischa ist geblieben. Er hat von der Gstettn am Nordbahnhof ein paar Baumstümpfe geholt und am Rand des eroberten Wiesenstücks platziert, um die Rasenmäher der hier zuständigen Bundesgärten aufzuhalten. Am Boden pflanzt er Spitzwegerich, im dreieckigen Hochbeet hingegen nur Grasbüschel, um jene unbekannte Person zu foppen, die hier regelmäßig die Kräuter zerstört. Auf der Brandfläche daneben hat sich Baumspinat breit gemacht und wenn er hochkommt (bis zu 1,5 Meter hoch), wird er wohl etlichen Spinatstrudeln und Tees in der Leopoldstadt einen aromatischen Geschmack verleihen.DSC_0376

Während sich Mischa bemüht, mehr Wildnis in die Stadt zu holen, droht dem verwilderten Nordbahnhof-Areal, fünf Radminuten entfernt, die „städtebauliche Entwicklung“. Ein Schild weist das von der Natur zurückeroberte Gelände als „ÖBB-Privatgrundstück“ aus. „Es gehen trotzdem alle rein, die Jungen, die Alten. Wenn du in der Früh kommst, kannst hier vielleicht den Fuchs sehen. Oder Hasen“, erzählt ein Spaziergänger. „Nicht viele Hasen“, relativiert er, „die Hunde erwischen halt immer wieder welche.“ Er wirft einen väterlich vorwurfsvollen, also auch stolzen Blick auf seine zwei frei laufenden Bullterrier.

DIY-Skatepark

Die Jungen haben sich ein paar verwachsene Pfade weiter ein Stück von der Gstettn angeeignet, jede Menge Glassplitter und Müll entfernt, und in monatelanger Arbeit einen Skatepark errichtet. Ohne Genehmigung. Die ÖBB-Vertreter ließen die selbstgebauten Rampen und  Quaterpipes eines Tages (nach dem Wildwest-Motto „Erst schießen, dann fragen“) kurzerhand abreißen. Danach kam es doch zu Gesprächen und zu einem Pachtvertrag. Nun wird am DIY-Skatepark wieder Zement gemischt und gehämmert. Bretter, Ziegel, Schienenteile oder Kanaldeckel werden von den jungen Männern ebenso recycelt wie die eigenen alten Skateboards, welche nun als Dachziegel eines gemütlichen Unterstands vor Regen schützen.

Dass die Gruppe am Rand ihrer Bauten auch Gemüsebeete angelegt hat, ist nur ein weiteres Zeichen des neuen urbanen Lebensgefühls, das einen Gegenpol zur virtuellen Sphäre sucht und sich nicht damit abspeisen lässt, dass Shopping „die letzte noch übrig gebliebene Form von öffentlicher Aktivität ist“ (Rem Koolhaas). Der Skatepark am Nordbahnhof-Gelände könnte jedenfalls Zukunft haben: Er liegt in jenem Teil, welche das Wiener Architekturbüro Studiovlay für die Bewohner des neuen Viertels als „freie Mitte“ eingeplant hat.

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Auf der anfangs erwähnten Baulücke in der Skodagasse wurde der Natur übrigens keine Chance gelassen. Sie dient den Ärzten eines Privatkrankenhauses als Autoparkplatz.

Fotos: Andrea Seidling und Peter A. Krobath

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2 Responses to “Die Gstettn – Ein urbaner SehnsuchtsOrt”
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  1. […] Dammwiese auf. Nun wurde auch dem dort verbliebenen Einzelkämpfer Mischa (er hatte bereits in der Geschichte über die Wiener Gstettn einen kurzen Auftritt) ein RäumungsBescheid zugestellt. Das betrifft in erster Linie sein spitzes […]

  2. […] (in Wildwest-Macho-Manier: Erst schießen, dann fragen – die Stadtfrucht-Seite berichtete https://stadtfruchtwien.wordpress.com/2015/06/14/die-gstettn-ein-urbaner-sehnsuchtsort/ ). Dann gab es einen Vertrag mit fetter Pachtzahlung (unterstützt von den Magistratsabteilungen […]



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