WIEN WÄCHST – und unser Essen?

Auch im UNO-Jahr des Bodens setzt Wien eine Stadterweiterungspolitik fort, die fruchtbares Ackerland versiegelt. – Von Andreas ExnerDSC_1525

Wien wächst, so ist allerorten zu hören. Und in der Tat sind die Stadtpolitik und mit ihr ein großer Teil der Zivilgesellschaft auf die Erweiterung der Bebauung ausgerichtet. Die meisten Medienberichte sekundieren. Es mangele an Wohnraum, so heißt es, und der Zuzug sei erheblich. Offizielle Prognosen gehen davon aus, dass die Stadt Wien bis 2029 die Zwei-Millionen-Grenze erreicht haben könnte. Dieses Bild soll rechtfertigen, dass fruchtbares Ackerland in Wien für die kommenden Generationen verbaut wird.

Die Versiegelung der Böden ist dabei das Problem, nicht der Zuzug. Dem Zuzug aus den Bundesländern steht übrigens eine erhebliche Abwanderung innerhalb Österreichs gegenüber. Ein Vergleich der Wanderungssaldi zeigt: Die meiste Netto-Zuwanderung erfolgt aus anderen EU-Ländern, allen voran aus Deutschland. Es kommen aus den Nachbarländern freilich auch Menschen, deren Umzug durchaus das Resultat von existenziellen Problemen ist. Die EU-Integration hat Ungarn, Rumänien und Bulgarien ins Unglück gestürzt. Was der Konkurrenz nicht standhielt, musste weichen, nicht zuletzt in der Landwirtschaft. Österreich ist eine treibende Kraft dabei.

Die Zwischennutzung dieser Ackerfläche im Donaufeld wurde SoliLa! 2013 verweigert, da man den Grund dringend für die Stadterweiterung brauche - Zweieinhalb Jahre später liegt die Fläche noch immer brach

Die Zwischennutzung dieser Ackerfläche im Donaufeld wurde SoliLa! 2013 verweigert, da man den Grund dringend für die Stadterweiterung brauche – Zweieinhalb Jahre später liegt die Fläche noch immer brach (Anm. Redaktion)

Wie verlässlich aber sind Bevölkerungsprognosen? Das hängt vom Zeitrahmen ab. So hält der Leiter der Landesstatistik Wien, Gustav Lebhart fest: „Planungsrelevante Aussagen zur Bevölkerungsentwicklung können nur für einen Zeitraum von einigen Jahren getroffen werden.“ Für längere Zeiträume werden Annahmen, die in die statistische Modellbildung einfließen, konstant gehalten. Es wird also einfach ein Trend fortgeschrieben.

Zudem geht in die Bevölkerungsprognose auch die Neubautätigkeit ein. Die Katze beißt sich damit zumindest zum Teil in den Schwanz: Während die Stadtpolitik mit Bevölkerungsprognosen die Neubautätigkeit rechtfertigen will, fließt diese selbst schon in die Prognosen mit ein. Könnte auch das Interesse an Immobilienspekulation und Profiten in der Baubranche ein Grund für das forcierte Wachstum sein? Ein Schelm, wer derlei zu vermuten wagt.

20 Hektar pro Tag zugebaut
Faktum freilich ist, dass in Österreich momentan etwa 20 Hektar Boden pro Tag zugebaut werden. Dabei handelt es sich zumeist um jene Böden, die für eine zukunftsfähige und krisensichere Entwicklung am notwendigsten sind: fruchtbares Ackerland in der Nähe der größten Konsumierendenpopulation, den Städten. Periurbanes Ackerland erlaubt die Produktion von Nahrungsmitteln für die Nahversorgung. Von einer Versorgungskrise, wie sie etwa durch eine Erschöpfung der leicht zugänglichen fossilen Ressourcen ausgelöst werden könnte, auf denen die Lebensmittelkette beruht, wäre sie weniger betroffen. Im Sinne des Klimaschutzes wäre allerdings ohnehin vonnöten, auf regionale Versorgung umzustellen. Und die Böden selbst sind erhebliche Kohlenstoffspeicher, was dem Klima sehr zugutekommt.

Der heuer geschlossene Haschahof in Rothneusiedl

Der heuer geschlossene Haschahof in Rothneusiedl

Faktum ist auch, dass es in Wien enormen Leerstand gibt. Rund 80.000 Wohnungen, so wird geschätzt, werden nicht genutzt. Auch im Bereich der Büroimmobilien ist erheblicher Leerstand auszumachen. Genaue Zahlen dazu fehlen allerdings.

Recherchen von Bezirksrätinnen und -räten von Grünen und ÖVP, wonach die in Floridsdorf in Bau befindliche Wohnhäuser der prognostizierten Bevölkerungszunahme in dem Bezirk für lange Zeit bereits entsprechen würden, wird kein Gehör geschenkt. Diskussion gibt es dazu keine. Wien zeichnet sich auch durch eine historisch gewachsene Abneigung gegen Hochhausbauten aus. Jene Teile der Stadt, die als Unesco-Weltkulturerbe zum Museum wurden, erlauben Hochhäuser momentan nicht. Und auch an der Peripherie wird dem Wachstum in die Höhe wenig Raum gegeben.

Die Versiegelung beenden
Bevölkerungsprognosen zu hinterfragen, Leerstand zu nutzen, beim Wohnbau in die Höhe zu gehen und keine weiteren Straßen und Stadtautobahnen zu bauen – das alles wären Möglichkeiten, die Versiegelung der Äcker zu beenden. Eine Forderung, die angesichts endlicher Ressourcen evident sein sollte. Boden ist durch nichts zu ersetzen.

Die Wiener Stadtpolitik freilich macht anderes. Um ihrem Image als Umwelt- und Klimaschutzmetropole zu entsprechen, treibt sie großen Aufwand für das Leitbild einer Smartcity. Die Technik wird uns retten, lautet erneut das Credo. Den Siemens-Konzern, der einen erstaunlichen Anteil an der Wiener Stadtplanung einnimmt, wird das sicherlich freuen. Aber werden smarte Technologien auch Karotten, Salat und Erdäpfel produzieren?

Wie es der Imagepolitik entspricht, begnügt sich die Stadt damit, Gemeinschaftsgärten zu fördern. Wo hektarweise Ackerland verschwinden soll wie im Donaufeld, soll mit einem Grünzug und Gemeinschaftsgärten ein „ländlicher Raum“ inszeniert werden. Unsere Lebensmittelversorgung und das Weltklima werden sich durch Inszenierungen allerdings nicht beeindrucken lassen.

Gemeinschaftsgarten als Aushängeschild imStadterweiterungsgebiet Neu-Marx

Gemeinschaftsgarten als Aushängeschild im Stadterweiterungsgebiet Neu-Marx

Andreas Exner ist Ökologe und schreibt seine Dissertation zu Gemeinschaftsgärten und Stadtentwicklung in Wien am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Er ist auch Mitarbeiter im WWTF-Projekt „Green Urban Commons“ – http://greenurbancommons.wordpress.com.

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