Fundstücke – Fußsex & letzte Hemden

DSC_1753In meiner Heimatstadt war es für lange Zeit die einzige Zärtlichkeit, die ich bekommen konnte. Ich fütterte den grünen Automaten am Alten Platz mit zwei Ein-Schilling-Münzen und stellte mich auf die Fußplatte. Diese begann zu schwingen und ließ so meine Fußsohlen erzittern. Das Zittern wanderte über die Unterschenkel zu den Knien, setzte sich als wohliges Kribbeln in der Hüftgegend fort, jagte mir angenehme Schauer über den Rücken und breitete sich schließlich als feines Vibrieren am und im Kopf aus. Nach einer Minute und 3.000 Schwingungen ein kurzes, heftiges Rütteln, dann stand der Apparat still und entließ einen Schwebenden.

Dieser Fußmassageapparat befindet sich mittlerweile wohl im Sexmuseum. Die Idee aber hat überlebt, ist ordentlich in die Breite gegangen und steht nun als „Kollektive Rüttelplatte“ auf der neuen Mariahilferstraße und wirkt wie eh und je und sogar für mehrere gleichzeitig, Gruppenvibrationen. Eine Installation von Leopold Kessler, der bereits mit seiner „Volks-Schuhputzmaschine“ in Paris für eine bessere Durchblutung von Stadtfüßen sorgte. Kunst im öffentlichen Raum, also leider zeitlich begrenzt. Bis 31. Jänner 2016.

Nach drei Durchläufen schwebe ich davon wie ein Herbstblatt und verheddere mich prompt in einer Wäscheleine, zehn Meter über der Fußgängerzone.

Schon wieder Kunst, ist mein erster Gedanke. Eine mutige Weihnachtsdekoration der Mariahilfer Konzernfilialen, um auf das Elend von Krieg und Flucht aufmerksam zu machen. Ein Aufruf, Frierenden Gewand zu spenden.DSC_1703

„Nein, eine Aktion von der Wirtschaftskammer“, holt mich ein Bekannter auf den Boden des real existierenden Kapitalismus zurück. Jetzt erst bemerke ich, dass auf vielen weißen T-Shirts „wko“ steht. Mit dieser ungewöhnlichen Aktion wolle man zeigen, dass die Wirtschaftstreibenden trotz widriger Umstände und veralteter Normen für ein unternehmerisches Wien sogar ihr letztes Hemd geben, lese ich dann daheim im Netz. Ich bin nicht gerührt. Ein Protest gegen „Bremsklötze“, die das unternehmerische Handeln hindern, heißt es weiter.

Welche Bremsklötze?

Ach, ihr kapitalistisch Wirtschaft Treibenden, habt ihr noch immer nicht kapiert, dass ihr gerade dabei seid, uns und euch und die ganze Welt gegen die Wand zu fahren?!

Mir fallen die echten letzten Hemden ein, die ich ein paar Tage zuvor im Sigmund-Freud-Park fotografierte. Dort versuchen Obdachlose tagsüber die schwache Herbstsonne zu nutzen, um etwas Feuchtigkeit aus ihrem Gewand zu bekommen.

DSC_1567

Nachtrag: „Wegen behördlichem Einwand bezügl. erhöhtem Fußgängeraufkommen in der Vorweihnachtszeit“ durfte die Installation nur bis 30. 11. 2015 in Betrieb bleiben – http://www.leopoldkessler.net

Text & Fotos: Peter A. Krobath

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: