Der SPION, der aus der MA 42 kam

Es war wie in den Zeiten des Kalten Krieges. „Der Spion, der aus der Kälte kam“ oder so. MEIN Spion kam aus dem beheizten Hauptquartier des Wiener Stadtgartenamts. Mit einer Kopfbewegung deutete er mir, ihm zu folgen.DSC_2390
Ich war mit dem Mann über eine Bekannte des Großonkels meines Grasberaters in Kontakt getreten, um mehr über die Motive der MA 42 herauszufinden. Über die WAHREN Motive. Denn auf unser Anliegen, das Stadtgartenamt möge nicht nur Zierbäume, sondern auch Bäume mit essbaren Früchten im öffentlichen Raum pflanzen, hatten wir widersprüchliche Absagen erhalten. Die eine: Das ginge nicht, die Menschen würden das Obst ZU FRÜH ernten. Die andere: Das Obst würde NICHT geerntet, also liegen bleiben, faulen, die Grünflächen verschmutzen.
Ich begleitete den Kontaktmann in den Stadtpark. Er sah sich mehrmals nach allen Seiten um, dann erzählte er: „Das Stadtgartenamt pflanzt nichts Essbares mehr. PRINZIPIELL. Sie haben Angst, es könnte was passieren. Wegen der Haftung.“ Ich verstehe Verhaftung und drehe mich um. Aber niemand folgt uns. Dann stellt es mein Gehirn richtig: „Ah, HAFTUNG!“ Doch jetzt misslingt die andere Art von Verstehen: „Aber wenn dir eine Zwetschke auf die Birne fällt, richtet das sicher weniger Schaden an als eine Rosskastanie.“
Das Runterfallen der MENSCHEN sei das Problem, meint der Spion. Begonnen habe es vor vielen Jahren mit einem Kind, das sich auf einem Spielplatz beim Baumkraxeln verletzt hat. Die Eltern klagten die Stadt und gewannen. Und hier, an diesem Tiefpunkt der Wiener Stadtgartengeschichte, sei etwas Entscheidendes geschehen:
Anstatt der aus der USA importierten UNSITTE, für jeden Kratzer gleich jemanden zu suchen, den man dafür vor Gericht zerren kann, offensiv entgegen zu treten, sei das Stadtgartenamt einen Schritt zurückgewichen, und habe damit begonnen, auf Kinderspielplätzen und in Parks die Äste aller Bäume bis auf drei Meter Höhe abzuschneiden.
Das war mir neu. Ich dachte bis dahin, es handle sich hier um den üblichen kapitalistischen Aneignungsprozess á la Wir-nehmen-dir-dein-Leben-weg-und-du-musst-es-stückweise-zurückkaufen. Im konkreten Fall: Das Baumklettern im öffentlichen Raum wird verboten und kann dann nur noch gegen Bezahlung in Kletterparks und an Kletterwänden ausgeübt werden.
Drei Monate nach dem Treffen mit dem Stadtgarten-Wistleblower aus dem Dunstkreis meines Grasberaters passierte in einem Wiener Park ein Unfall: Ein Mann kletterte auf einen Maulbeerbaum, um Früchte für seine Kinder zu pflücken. Er fiel herunter,, landete auf einem SUV-Pritschenwagen und brach sich dort an einer Kante das Genick.
Diesen tödlich verunglückten Mann aus der Kraxlverbotsgeneration gräbt ein Beamter der MA 42 zweieinhalb Jahre später aus, VERBAL, um bei einer Sitzung des Umweltausschusses den Antrag des Bezirks Leopoldstadt auf „Pflückobst für alle“ abzulehnen: ZU GEFÄHRLICH!
Stimmt irgendwie.
Aber was tun dagegen?
Richtig, ich hab da eine Idee.
Sie ist etwas überzogen, aber sehr reizvoll:
Werfen wir doch all die herumstehenden Autos aus der Stadt, bevor wir wieder Obstbäume pflanzen!

(Text u. Fotos: Peter A. Krobath)

 

Dieser Text ist ein Teaser. Er erschien (so ähnlich) in der aktuellen, also der 25-Jahre-Jubiläumsausgabe von zoll+ http://www.foruml.at/ . In diesem Heft befinden sich großartige Fotografien, die mensch unter anderem auch hier sehen und sogar ersteigern kann:DSC_2413

FotoFreiRaum
Ausstellung 19. – 21. Jänner 2016, 10:00 – 20:00 Uhr
Auktion und Fest am 21. Jänner 2016, 18:30 Uhr 

im Museumsquartier, Raum D / Q21, QDK / Electric Avenue, MQ, Museumsplatz 1, A-1070 Wien

12 fotografische Positionen zu Landschaft und Freiraum mit Fotografien von
Eva Kern, Julie Monaco, Klaus Pichler, Beatrice Minda, Gisela Erlacher, Arnold Pöschl, Hans Hochstöger, Johannes Hloch, Carolina Frank, Maximilian Haidacher, Peter Burgstaller, David Biegl, Stephan Schütz

Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Zeitschrift zoll+ wird im Rahmen einer Foto-Ausstellung die Jubiläumsausgabe zoll+frei präsentiert und gefeiert. Stellvertretend für die 12 fotografischen Essays der Jubiläumsausgabe werden ausgewählte Fotografien im Rahmen einer Ausstellung präsentiert. Bei der Finissage wird das langjährige Bestehen der Zeitschrift gefeiert und die ausgestellten Fotografien zu Gunsten von zoll+ versteigert.
Alle Infos zu den ausgestellten Werken sind bis zur Ausstellung hier zu finden.

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