Landwirtschaft vs. Stadterweiterung

Wir brauchen städtische Gemüsefelder für Nahversorgung und Klimaschutz. Die Stadt redet uns ihre Versiegelung schön – kritisieren Sarah Kumnig, Andrea*s Exner und  Peter A. Krobath vom WWTF-Projekt „Green Urban Commons“. (Erschienen im Augustin Nr. 418)

DSC_2884Auf den einst vielfarbigen Haschahof-Feldern wiegen sich heute Getreide-Ähren im Wind, soweit das Auge reicht. Dort, wo 28 Jahre lang biologisch Paradeiser, Mangold und Co. von Tausenden Bürger_innen bejätet und geerntet wurden, baut heute der Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien Winterweizen an, und das konventionell. Jener MA 49-Betrieb, der von sich sagt, dass er in Wien seit 2009 ausschließlich biologisch wirtschafte und auch alle privaten Landwirte der Stadt dazu ermutigen will.

Wie passt das zusammen? Gar nicht. Aber es passt gut zur gesamten Landwirtschaftspolitik der Stadt Wien. Denn die ist zunehmend von Widersprüchen und Schönfärbereien gekennzeichnet.

Mit 2.000 Hektar Ackerfläche, 1.000 davon in Niederösterreich, und 60 Hektar Weinbaufläche besitzt die Stadt Wien einen der größten Landwirtschaftsbetriebe in Österreich. Der jährliche Umsatz liegt bei rund 2 Millionen Euro. Bei den EU-Förderungen schneidet der Betrieb laut Eigenaussage als „Körperschaft öffentlichen Rechts“ weniger gut ab als ein privater Großbetrieb – wie viel sie insgesamt ausmachen, konnte uns die Presseabteilung der MA 49 aber nicht beantworten.

Transparenz nur für Spezialisten

(Dieser Absatz ist eine Ergänzung/Korrektur zu dem im Augustin erschienenen Artikel:) Gibt man den Begriff „Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien“ in der Transparenzdatenbank ein, scheinen für das Jahr 2015 (Okt. 14 – Okt. 15) 160.000 Euro auf, für die „Erhaltung und Verbesserung des ländlichen Erbes“. Doch auch die Transparenz hat ihre speziellen Verstecke, zumindest in besagter Datenbank. Denn nur mit anderen Eingaben, konkret den verschiedenen Gutsnamen des Wiener Landwirtschaftsbetriebs (wie Gutsdomäne Essling, Lindenhof, Laxenburg), kommt man auf weitere 523.190,99 Euro an „Betriebsprämien“. Ob das nun alle Fördergelder sind, steht dahin.

Ein von der MA 49 nicht bewirtschafteter Teil der ehemaligen Haschahof-Felder

Ein von der MA 49 nicht bewirtschafteter Teil der ehemaligen Haschahof-Felder

Der Wiener Landwirtschaftsbetrieb wurde 1919 gegründet, zur Versorgung von Spitälern und Kinderheimen und zur Gewährleistung einer unabhängigen Notversorgung der Wiener Bevölkerung in Krisenfällen. 1983 wurde er in die MA 49 eingegliedert.  – Auf die Frage, wozu die Gemeinde heute noch einen eigenen Agrarbetrieb brauche, heißt es von Andreas Januskovecz, dem Leiter der Magistratsabteilung: „Um dafür zu sorgen, dass Landwirtschaft auch Landwirtschaft bleibt.“ Denn, wenn man diese Flächen verkaufe, habe man nie die Sicherheit, dass das so bleibe.

Doch eine derartige Sicherheit ist von einer Stadt, die sich als „unternehmerische Stadt“ sieht und gerade imWachstums-Fieber liegt, nicht zu garantieren. Denn das Wachstum Wiens wird von der Stadtregierung zum einen als ein Sachzwang dargestellt, zum anderen als ein Zeichen für eine erfolgreiche Stadtentwicklung. Ökologische Aspekte werden dabei als Teil einer „ökologischen Modernisierung“ neu ein- und den Wachstums- und Entwicklungsimperativen untergeordnet.

Gemüsegartenbilder statt Gemüse

Die Versiegelung der Felder wird durch Gemeinschaftsgärten kaschiert. So z. B. am Donaufeld. Dort soll zwar im Rahmen eines Grünzugs weiterhin „urbane Landwirtschaft“ stattfinden, gemeint sind damit allerdings nicht landwirtschaftliche Produktionen, sondern Nachbarschaftsgärten. Die Produktion von Gemüse wird zunehmend durch eine Produktion von Gemüsegartenbildern abgelöst.

Und auch was wie ein StadtLandwirtschaftliches Vorzeigeprojekt aussieht – die Stadt Wien als größter Biobetrieb Österreichs bewirtschaftet selbst immer mehr Flächen – hat eine sehr pragmatische Schattenseite: Die von der MA 49 beackerten Felder, die nicht in einem Schutzgebiet liegen, stehen der Stadt jederzeit als Baulandreserven zur Verfügung.

Politisch wurde zum Schutz der Wiener Landwirtschaft erstmal 2004 mit einem Agrarstrukturellen Entwicklungsplan (AgStEP) festgelegt, erarbeitet von der Wiener Landwirtschaftskammer, der MA 49 und weiteren Magistratsstellen. In diesem Planungsinstrument werden landwirtschaftliche „Vorranggebiete“ definiert, die gesichert werden sollen. Darunter fallen vor allem „großflächige, zusammenhängende Flächen“, zudem ein paar „kleinräumige Flächen mit besonderer örtlicher Bedeutung“, die den landwirtschaftlichen Betrieben „optimale Entwicklungsmöglichkeiten“ bieten sollen. Alle anderen landwirtschaftlich genutzten Flächen werden als „weitere Flächen“ bezeichnet und sind in den Plänen nicht (mehr) dargestellt.

Sicherung als Verschleierung

Mit diesen Kategorien wird eine bestimmte Art der Landwirtschaft, nämlich eine wettbewerbsfähige, profit- und DSC_2869wachstumsorientierte Art der Produktion als einzig erhaltenswerte festgeschrieben. Alle anderen Formen städtischer Landwirtschaft werden unsichtbar gemacht und der Versiegelung preisgegeben.  – Laut Realnutzungskartierung haben sich die landwirtschaftlichen Flächen in Wien von 7.000 Hektar im Jahr 1997 auf 6.000 Hektar im Jahr 2012 reduziert. Seitdem gingen weitere 400 ha verloren.

Zurück zu den Haschahof-Feldern. Dass hier der Wohnfonds 2015 das größte Selbsternteprojekt der Stadt abgewürgt und beinahe auch den schönen Gründerzeithof abgerissen hat, ging als Skandal in die Chronik ein. Dass die MA 49 die Bio-Böden der Haschahof-Felder nun konventionell bewirtschaftet, ist eine Fortsetzung des Skandals. Und dass das gesamte Landwirtschaftsgebiet von Rothneusiedl gleichzeitig Stadterweiterungsgebiet und ein „Landwirtschaftliches Vorranggebiet der Kategorie 2“ ist, macht die Schutz-Absichten des AgStEP nicht unbedingt glaubwürdiger.

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