Die Stadt frisst ihre Äcker

Wir brauchen städtische Landwirtschaft für Nahversorgung wie für ökologische Ziele. Doch die Produktion von Gemüse wird in Wien zunehmend durch eine PR-Produktion von Gemüsegartenbildern abgelöst – kritisieren Peter A. Krobath, Sarah Kumnig und Andrea*s Exner vom WWTF-Projekt „Green Urban Commons“. – Dieser Text erschien am 1. Okt. 2016 im Spectrum der Presse

Hollareithulliöh!“ ruft Harry Prünster ins Bühnen-Mikrofon. „Hollareithulliöh!“ hallt es vom Flakturm zurück. Denn das von der Österreichischen Jungbauernschaft organisierte Erntedankfest findet 2016 im Wiener Augarten statt. Es ist kein wirkliches Fest der Dankbarkeit, bei dem Bedürftige mit Obst und Gemüse beschenkt werden, eher ein Verkaufs- und Werbe-Event, mit über hundert Ausstellenden, zum Beispiel aus den diversen „Genussregionen“ oder den Nationalparks Österreichs.

dsc_2924Das Fest wirkt anachronistisch. Da gibt es ein Hirschgeweih, das Mann sich selbst aufsetzen darf, dort eine Trachten-Modesschau, dazwischen Jauntaler Hadn und Mühlviertler Bergkräuter. In der Schuhplattlergruppe platteln auch Mädchen mit, die Jungbauern haben eine „JungPowerZone“ eingerichtet und der Leiter des Trachten-Kinderchors nennt sich „Mr. Drehorgel“. Wobei das, was da gesungen wird, dann wieder traditionelles österreichisches Liedgut ist: „I verkauf net mein Dirndl, weil i’s heiratn tua“.

Der Platz bei der großen Bühne ist von  Wiener Ständen gesäumt. „Wir leben Stadtlandwirtschaft“ wird auf großen Stirnschildern verkündet. Bis auf die „Wiener Schnecken“ vom Gugumuck-Hof in Rothneusiedl sind aber ausschließlich Heurige vertreten. Man könnte meinen, die Landwirtschaft in Wien beschränkt sich auf den Weinbau und ein paar Nischenbetriebe.

Dabei stehen den 660 Hektar Weingärten noch rund 4.900 Hektar für Acker- und Gemüsebau gegenüber, auf denen jährlich 115.000 Tonnen an pflanzlichen Nahrungsmitteln produziert werden, davon 60.000 Tonnen Gemüse – würden sie von der Wiener Bevölkerung verzehrt, wären das rund 30 Prozent ihres Gemüseverbrauch.

Für eine Großstadt ein beachtlicher Anteil an Selbstversorgung. Angesichts der multiplen Krisen, auf die wir weltweit zusteuern, müsste er erhöht werden. Das sieht auch die rot-grüne Stadtregierung so und formuliert in ihrem Regierungsübereinkommen von 2015 das Ziel, „verstärkt Lebensmittel aus dem eigenen Umfeld genießen zu können und zur Bewusstseinsbildung für ökologische Landwirtschaft und Nahversorgung beizutragen“. Ein Ziel, das die Stadt durch die Förderung von ein paar Gemeinschaftsgärten zwar medienwirksam verkauft, in Wirklichkeit aber untergräbt, indem sie für die Stadterweiterung zunehmend Landwirtschaftsflächen heranzieht. Denn Wien wächst, wird allerorten betont. Es ist das Leitmotiv, dem derzeit alles untergeordnet wird.

Das Wachstum der Stadt, so wird suggeriert, sei im Interesse aller.  Es wird zum einen als ein Sachzwang dargestellt: Wien kann gar nicht anders, Alternativen sind also von Vornherein undenkbar. Zum anderen wird das Wachstum als ein Zeichen für eine erfolgreiche Stadtentwicklung gesehen. In den Worten des aktuellen Stadtentwicklungsplans (StEP 25): „Die dynamische Bevölkerungsentwicklung der vergangenen 25 Jahre und das für die kommenden Jahrzehnte prognostizierte Wachstum sind in erster Linie eine Bestätigung dafür, dass Wien als moderner Lebens- und Wohnraum und erfolgreicher Wirtschaftsstandort attraktiv ist. Nicht zufällig befindet sich Wien in einer Reihe von internationalen Rankings im Spitzenfeld.“ – Grundlegende Fragen der Stadtentwicklung und Auseinandersetzungen um die politische Gestaltung von Stadt haben da keinen Platz.

Der Wandel von Wien in Richtung „unternehmerische Stadt“ begann in den 1990er Jahren. Eine von der Stadt in Auftrag gegebene Organisationsanalyse des Verwaltungsapparats 1997 und 1998  platzierte als Kernbotschaft „Veränderungsprozesse als Normalität zu  begreifen“ und plädierte für ein New Public Management, das Prinzipien  der Effizienz und einer Orientierung an so genannten Kunden und Kundinnen betont, und auf Auslagerungen zielt. Schon 1994 wurde das Wiener Kleingartengesetz zugunsten der Möglichkeit der Privatisierung der Kleingartenanlagen novelliert. 1999 wurden die Wiener Stadtwerke und die Wiener Linien ausgelagert. Ab 2001 kam es zu einer Neuorganisation der Verwaltung zu einem „modernen, effizienten, kundenorientierten Dienstleistungskonzern“. 2002 wurde der Krankenanstaltenverbund, Mitte 2004 die zentralen Sozial- und Gesundheitsagenden der Stadt ausgelagert. 2004 errichtete die Stadt Wien den bislang letzten Gemeindebau. Erst 2018 soll diesbezüglich ein vorsichtiges Comeback starten.

Orientierung am guten Leben aller

Der neoliberale Umbau Wiens lässt sich nicht zuletzt in den Stadtentwicklungsplänen (StEP) mitlesen. So kommt die Stadt als Wirtschaftsstandort im StEP 84 überhaupt nicht vor, drängt sich in den folgenden Plänen jedoch zunehmend in den Vordergrund. Im StEP 05 wird unter „wesentlichen Zielen“ als erstes Ziel die Notwendigkeit genannt, „im Wettbewerb der Städte und Regionen durch attraktive Standorte, Infrastruktur und innovative Einrichtungen ein investitionsfreudiges Klima für die Wirtschaft schaffen“.

Das Leitbild einer „unternehmerischen Stadt“ schlägt sich auch in Hinblick auf Grünraum nieder. Die ökonomische Bedeutung von Grünflächen wird im StEP 25 hauptsächlich als Nutzen für den Tourismus und die Immobilienwirtschaft diskutiert, da sie die „frühzeitige Vermarktung von Objekten“ unterstützen und eine sehr „günstige Kosten-Nutzen-Relation“ aufweisen würden. Auch wird die Einführung von Public-Private-Partnerships in der Bewirtschaftung öffentlicher Parkanlagen angestrebt.

Ökologische Aspekte spielen in den gegenwärtigen Strategien der Stadt zwar eine prominente Rolle, werden aber als Teil einer „ökologischen Modernisierung“ gedacht, die Wachstum und Umwelt auf einen Nenner bringen soll. Entsprechend gilt eine am Profit ausgerichtete und konzerndominierte Technologie dort weithin als der Schlüssel für eine ökologische Wende, anstatt Alltag und Wirtschaft hin zu einer Orientierung am „Genug“ und am guten Leben aller umzugestalten. So werden der Ausbau und die Modernisierung der technologischen Infrastruktur Teil des vermeintlichen Sachzwangs Wachstum, der Bock bekommt den Job des Gärtners.

Das Wachstum der Stadt braucht politisch geschaffene Grundlagen. So wurde 2004 – im Rahmen des StEP 05 – mit dem Agrarstrukturellen Entwicklungsplan (AgStEP) ein erstes übergeordnetes Planungsinstrument für städtische Landwirtschaft gemeinsam von der Wiener Landwirtschaftskammer und diversen Magistratsstellen erarbeitet. Deklariertes Ziel war dabei der Erhalt der Bewirtschaftung landwirtschaftlich genutzter Flächen. Zur Umsetzung wurden landwirtschaftliche „Vorranggebiete“ definiert, die gesichert werden sollten. Darunter fallen großflächige, zusammenhängende Flächen sowie „kleinräumige Flächen mit besonderer örtlicher Bedeutung“, die den landwirtschaftlichen Betrieben „optimale Entwicklungsmöglichkeiten“ bieten sollen. Alle anderen landwirtschaftlich genutzten Flächen werden als „weitere Flächen“ bezeichnet und sind in den Plänen nicht (mehr) dargestellt.

Mit der Unterscheidung zwischen Gebieten mit „optimalen Entwicklungsmöglichkeiten“ und „weiteren Flächen“ wird eine bestimmte Art der Landwirtschaft, nämlich eine wettbewerbsfähige, profit- und wachstumsorientierte Art der Produktion als einzig erhaltenswerte festgeschrieben. Alle anderen Formen städtischer Landwirtschaft, die nicht auf Wachstum, sondern auf dem „Genug“ beruhen, werden damit unsichtbar gemacht. Zugleich wird so ein Verlust an Flächen vorbereitet, die als landwirtschaftliche zuvor schon in den Planungsunterlagen entwertet worden sind.

Landwirtschaftliche Flächen spielen somit zu großen Teilen lediglich die Rolle eines Vorrats für die Siedlungsentwicklung und sind nicht Teil des Entwicklungsleitbilds von Wien. Der Stellenwert des AgStEP wird in der aktualisierten Version durch die Datenlage zum Verlust an landwirtschaftlichen Flächen aufgezeigt. Laut Realnutzungskartierung haben sich demnach die landwirtschaftlichen Flächen in Wien von 7.000 Hektar im Jahr 1997 auf 6.000 Hektar im Jahr 2012 reduziert. Seitdem gingen schätzungsweise weitere 400 Hektar verloren.

Dass der Verlust von rund 1.400 Hektar fruchtbarer Böden vorwiegend im Bereich der „weiteren landwirtschaftlichen Flächen“ stattfand, wird als Beweis für die Wirksamkeit dieses Planungsinstruments dargestellt. Allerdings liegt dessen Wirksamkeit zuvor bereits auf einer tieferen Ebene. Denn durch die Kategorie der schützenswerten „Vorrangflächen“ hat der AgStEP die Definitionsmacht darüber, was als städtische Landwirtschaft gilt und somit gesichert werden soll, und was als „Anderes“, „Weiteres“ und als „Abweichung“ von dieser Norm nicht nur von den Plänen und Karten, sondern letztendlich auch von den realen Böden dieser Stadt zunehmend verdrängt wird.

Der Diskurs der Stadtentwicklung schweigt zu dieser Problematik. Fragen von Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen in Hinblick auf die städtischen Ressourcen an landwirtschaftlichen Flächen und Grünraum sowie der tatsächlichen Zugänglichkeit von Grünraum für alle Menschen der Stadt bleiben dabei außen vor.DSC_0189

Dort, wo im StEP 25 landwirtschaftlich oder gartenbaulich genutzte Grünräume angesprochen werden, gilt nicht die immer noch große Bedeutung der landwirtschaftlichen Produktion in Wien als relevant, sondern die sogenannte Bürgerbeteiligung über grünraumbezogene Projekte. Initiativen der Stadtlandwirtschaft, des Urban Gardening und von Selbsternteparzellen werden unter dem Gesichtspunkt der Schaffung von „Identität“ und „Verantwortungsbewusstsein“ sowie von „Eigenverantwortung“ behandelt. Daneben gelten sie als „sozialer Faktor“ und Ausdruck einer „Lust am Produzieren von eigenen Lebensmitteln“.

Dies widerspricht der politischen Orientierung einiger der in solchen Initiativen Aktiven. Sie zielen gerade in den (wenigen) landwirtschaftlich ausgerichteten Projekten auf eine andere Art der Stadtentwicklung ab, die den Erhalt der natürlichen Produktionsgrundlagen und die Abkehr von der Wachstumsideologie ins Zentrum stellt. Hieran zeigt sich: Die neuen Formen städtischer Landwirtschaft werden von den Stadtentwicklungsplänen gehörig zurechtgebogen, damit auch sie in das Wachstumsparadigma passen.

Hervorbringen schöner Worte

Eine offene Auseinandersetzung um die Entwicklung von Stadt wird in Wien nicht geführt. Beteiligungsprozesse hin oder her: Substanzielle Partizipation bleibt eingeschränkt, die grundlegende Gestaltung von Stadt ist davon ausgeschlossen. Woran es nicht fehlt, ist jedoch das Hervorbringen schöner Worte und Bilder. Die Produktion von Gemüse wird zunehmend durch eine Produktion von Gemüsegartenbildern abgelöst. Zum Beispiel am Donaufeld: Dort soll zwar im Rahmen eines Grünzugs weiterhin „urbane Landwirtschaft“ stattfinden, gemeint sind damit allerdings nicht landwirtschaftliche Produktionen, sondern Nachbarschaftsgärten.

Zum Beispiel in Rothneusiedl, im Süden von Favoriten: Das Gebiet wird im AgStEP als „landwirtschaftliches Vorranggebiet der Kategorie 2“ ausgewiesen und führt gleichzeitig ein Doppelleben als „Zielgebiet der Stadterweiterung“. Doch bereits das, was in allerjüngster Zeit dort geschah, wirft kein gutes Licht auf das wohlformulierte Ziel der Stadt, den Selbstversorgungsanteil zu erhöhen. Im Zuge von Grundstückskäufen für das zukünftige Stadterweiterungsgebiet zerstörte der Wohnfonds Wien 2015 das Leben, das dort bereits Stadt fand: Das Selbsternteprojekt Haschahof, in dessen Rahmen sich seit 1987 Tausende Wienerinnen und Wiener biologisch nahversorgten. – Mit dem Versuch des Wohnfonds, auch gleich den schönen Gründerzeithof abzureißen, ging die Geschichte als Skandal in die Stadtchronik ein.

Die Wiener Landwirtschaftskammer hat gegen diese Vorgänge keinen Protest eingelegt. Dass sie beim Erntedankfest 2016 ihre neue Homepage bewirbt, die ausgerechnet den in der Urban-Gardening-Szene genutzten Begriff der „Stadtlandwirtschaft“ als Name hat, soll hier abrundend als ein letztes Beispiel dafür genannt sein, wie heute vermehrt durch das Wording Politik gemacht, bzw. das Politikmachen vorgetäuscht wird.

 

Der Artikel enthält Elemente eines längeren Textes, zu lesen in dem soeben erschienenen Buch „Gesellschaft im Wandel“, herausgegeben von Judith Fritz und Nino Tomaschek, Gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Perspektiven 2016, University – Society – Industry, Band 5, 34,90 €, ISBN 978-3-8309-3465-3, E-Book: 30,99 €, ISBN 978-3-8309-8465-8

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2 Responses to “Die Stadt frisst ihre Äcker”
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  1. […] Zweieinhalb Monate WordPress Detox. So ganz fühl ich mich dieses mal noch nicht angekommen in Wien. Unter anderem hab ich das Erntedankfest 2016 verpasst. Ein Fest, dass Peter A Krobath, Sarah Kumnig und Andreas Exner zum Anlass nehmen, das Grünraumkonzept der Stadt Wien in den Fokus zu rücken. In einem Artikel auf StadtFruchtWien stellen die Forscher fest: Die Produktion von Gemüse wird zunehmend durch eine Produktion von Gemüsegartenbildern abgelöst. Mehr dazu hier. […]



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