Fundstück – Silberfische gegrillt

Kaiten Sushi sagen die Japaner. Kaiten heißt Laufband. Sushi kennt mensch. Und dass Kaiten Sushi Bars keine Fitnesscenter für Fische und Krabben sind, hat sich auch schon herumgesprochen. Es sind Lokale, in denen diverse Sushis, Makis, Hotategeis und winkende Katzen auf einem Laufband an den Mündern der Gäste vorbei im Kreis wandern, bis diese zuschnappen.

In Japan eröffnete das erste Fließband-Lokal 1958. In Europa machte sich diese Abenteuer-Gastronomie als Sushi Circle, Sushi Daily oder Running Sushi einen Namen. Was vor 20 Jahren als Extravaganz für den gut verdienenden Teil der Kreativbranche begann (damals empfanden sich Menschen, die in der Werbung arbeiteten, als Kunstschaffende), fand schließlich den Weg ins Diskonter-Regal und in die Take-Away-Buden.

Dann wurde 2010 bekannt, dass Sushi-Händler maßgeblich an der Aurottung des Roten Thunfisches Schuld sind. Da nutzte es nichts, dass der japanische Astronaut Soichi Noguchi auf der International Space Station (ISS) schnell die erste schwerelose Sushirolle im Weltraum zubereitete. Die Nuklearkatastrophe in Fukushima 2011 brachte japanisches Essen dann generell in Verruf. Doch die Halbwertszeit des menschlichen Gedächtnisses ist wesentlich geringer als die von radioaktiven Materialien, also wurde auch diese Vorsicht nach zwei, drei Jahren aus den Ganglien gespült und all you can eat wurde auch wieder gegessen.

Anscheinend nicht überall.

Vor ein paar Wochen hat ein Runnig-Sushi-Lokal in der Laudongasse geschlossen. Nur noch ein heller Streifen am Boden verrät, wo das Kaiten seine Runden drehte. Was ist passiert? Ist der Boom endgültig vorbei? Oder bleiben die Bildungsbürgerinnen im 8. Wiener Gemeindebezirk ausdauernder skeptisch als anderswienwo? Oder stimmt die Drehwurm-Geschichte, die aus Zeitungsbuchstaben im Erpresserbriefstil und mit dem Logo LYRICYCLING Österreich/Heute ein paar Tage lang auf dem staubigen Schaufenster klebte:

running sushi/ von drehwurm gekillt/ ich ess nun bei susi/ silberfische gegrillt

Zurück zur so genannten Hausmannskost?

Gestern haben wir es fotografiert. Zum Glück. Denn heute hing das Gedicht nur noch in Fetzen da, als habe die winkende goldene Katze nun doch Karate gelernt.

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