Die NährpflichtArmee des Popper-Lynkeus

„Ohne Hokuspokus wollen die Menschen nicht einmal ihr Glück annehmen.“ (Popper-Lynkeus)

Manche Gassen und Straßen und Gemeindebauten in Wien sind von den Sozialdemokraten vergangener Jahrzehnte nach Persönlichkeiten benannt worden, die der heutigen SPÖ sogar für ein Parteibüchlein zu links wären, zu radikal, zu utopistisch. Ein solcher ist zweifelsohne Josef Popper-Lykenus (1838 – 1921), Schriftsteller, Erfinder, Onkel (dafür kann er naturgemäß nix) des Erz-Positivisten Sir Karl Popper, Eisenbahnbeamter und für uns Heutige vor allem Sozial-Utopist, einer der Vordenker des bedingungslosen Grundeinkommens.

Nach Popper-Lynkeus ist nicht nur die Lynkeusgasse in Lainz benannt, der gute Mann, der in Sachen Bart und Frisur ein Vorbild für Albert Einstein war, steht auch als Büste im RathausPark herum, also erstaunlich nahe der Macht. Apropos Albert Einstein: Der wurde gut 40 Jahre später geboren, schrieb aber über Popper-Lynkeus folgende Zeilen:

Josef Popper-Lynkeus war mehr als ein geistvoller Ingenieur und Schriftsteller. Er gehörte zu den wenigen markanten Persönlichkeiten, in denen sich das Gewissen der Generation verkörpert. Er hat uns eingehämmert, dass die Gesellschaft für das Schicksal jedes Individuums verantwortlich ist, und hat einen Weg gewiesen, wie die daraus resultierende Pflicht der Gemeinschaft in die Tat umgesetzt werden soll. Die Gemeinschaft bzw. der Staat war ihm kein Fetisch; dessen Recht, vom Individuum Opfer zu fordern, gründete er einzig auf dessen Pflicht, dem Individuum, der Einzelpersönlichkeit, eine harmonische Entwicklung zu ermöglichen.

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Wofür das große Lob? In seinem Hauptwerk „Die allgemeine Nährpflicht“ (zuerst erschienen 1912, in einer erweiterten Ausgabe dann 1923, zwei Jahre nach seinem Tod) forderte Popper-Lynkeus die ausnahmslose und bedingungslose Versorgung „für alle dem Staate angehörigen Individuen, von der Geburt bis zum Tode“ mit einem „Lebens- und Existenzminimum in natura“. Die Rede ist von Nahrung, Wohnung nebst Wohnungseinrichtung, Kleidung, ärztlicher Hilfe und Krankenpflege. Die Gegenleistung: „Es werden die Tauglichen unter ihnen verhalten, eine bestimmte Anzahl von Jahren in einer Nährarmee zu dienen.“ Die Dienstzeit in der Nährarmee, die das Lebensminimum für alle herstellt, würde für Männer rund 13 Jahre (vom 18. bis zum 30. Lebensjahr) und für Frauen 8 Jahre (vom 18. bis 25. Lebensjahr) dauern, bei einer täglichen Arbeitszeit von 7 bis 7,5 Stunden. Danach könne mensch in Pension gehen oder sich in der nebenher weiter existierenden Privatwirtschaft engagieren.

Alles das, was nicht zu diesem Minimum gehört, gilt als Luxus und bleibt der bisherigen freien Geldwirtschaft, mit Privateigentum und Vertragsfreiheit, vorbehalten, welche, da die Existenz aller gesichert ist, eventuell noch freier betrieben werden kann als heute. 
     Neben dem in natura verteilten Existenzminimum wird noch ein sekundäres oder kulturelles Minimum ebenfalls bedingungslos, jedoch in Geldform, ausgeteilt, das es ermöglichen soll, Luxusbedürfnisse — durch Kauf aus der freien Privatwirtschaft — zu befriedigen.

Und alles das rechnet der Herr Ingenieur in seinem Buch mit konkreten Zahlen und Maßen nach – die reale Umsetzbarkeit seines Modells ist für uns heute schwer zu beurteilen. Auch stimmt eine zentrale, staatliche Verteilung und die große Macht einer Behörde, die all das koordiniert und regelt, die meisten von uns wohl skeptisch. Interessant an Poppers Vision bleibt dennoch die Idee, die Erfüllung der Grundbedürfnisse aus dem Markt herauszunehmen und solidarisch zu organisieren und kostenlos allen zur Verfügung zu stellen.

Die Modelle für ein Bedingungsloses Grundeinkommen schauen heute naturgemäß anders aus. Sie können zum Beispiel in der empfehlenswerten 100seitigen Einführung zum Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ (Mandelbaum Verlag) von Karl Reitter nachgelesen werden. Bei der Gelegenheit: Es läuft eine EU-weite Unterschriftensammlung für ein „bedingungsloses, garantiertes Grundeinkommen“, das EU-Bürgerinnen mit Hilfe ihrer Reisepass- oder Personalausweisnummer hier unterzeichnen können: https://ec.europa.eu/citizens-initiative/REQ-ECI-2012-000028/public/ (Weitere Informationen: http://basicincome2013.eu/ubi/de/haufig-gestellte-fragen/. Die Unterschriftenaktion läuft bis zum 14.1. 2014.) Eine interessante Diskussion über Grundeinkommen und Commons findet sich auf folgendem Video HIER.

DSC_0124Die „Allgemeine Nährpflicht“ von Josef Popper-Lynkeus kann unter anderem in der Wiener Städtischen Hauptbücherei gelesen werden, wo es (die Ausgabe von 1923) im Magazin steht. Interessant in diesem Buch sind meines Erachtens vor allem die politischen und ethischen Argumente Poppers, die dann zum Beispiel so lauten:

Gleichheit in der Pflicht, Steuern zu zahlen, in der Armee zu dienen und sich im Kriege tot oder zum Krüppel schießen oder stechen zu lassen, diese Gleichheit findet man selbstverständlich…. Aber die Gleichheit im Sattwerden und Hungern? Dagegen empört sich der aristokratische Dämon der Herzlosigkeit in unseren Zeitgenossen

oder so:

Der richtige Sinn von Glück ist kein anderer als der: dass es jeden Menschen ermöglicht wird, so zu leben, wie es ihm für seine Zufriedenheit und sein Streben am besten geeignet scheint.“

Die Lösung der „sozialen Frage“ und die Linderung der „Not des einzelnen“ sind die Triebfedern von Poppers Utopie. Zum Abschluss also noch ein Ausschnitt aus den hier angeführten „Privatkrisen, die an den Menschen zehren, Unglück und Verbrechen herbeiführen  –  Bespiele für die unendlich vielen  Arten von zufälligen, akut auftretenden und auch von chronischen Privatkrisen:

–      Wenn ein Maler sein Augenlicht oder seine Hand verliert

–      Wenn ein Arzt taub wird

–      Wenn ein Landwirt mehrere Jahre hintereinander Missernte hat

–      Wenn Familienmitglieder jahrelang krank sind

–      Wenn kleine Landkaufleute mit ihren Waren auf den Markt einer fernen Stadt fahren, und es regnet, so dass sie kein Geschäft machen, und sich das einigemal wiederholt

–      Wenn ein Gastwirt infolge schlechten Sommerwetters große Verluste erleidet, oder wenn ein Theaterdirektor schlechte Geschäfte macht, weil wegen des schönen Sommerwetters das Publikum lieber Landpartien macht, als ein Theater besucht

–      Man macht bei einer Geschäftsabrechnung Rechenfehler

–      Man ist als Verkäufer in seinem Laden untüchtig oder von Natur unliebenswürdig und verliert seine Kunden

–      Man wird ausgewuchert

–      Man wird von einer Mätresse ausgebeutet, der man nicht widerstehen kann

–      Man ist auf eine Rente versichert und die Gesellschaft falliert

–      Eine Bäuerin verarmt, weil der Blitz ihre einzige Kuh erschlug.

Gerade derartige Privatkrisen seien es, sagt Popper, an denen alle sozialen Programme scheitern, weil diese nicht jedes einzelne Individuum ins Auge fassen und mit Sicherheit zu versorgen bestrebt sind.

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