EarthDay 2014 – ÖkologieGeschichte, GreenEconomy und der geplante Handel mit der BioDiversität

Der Zimtkolibri wünscht dir einen schönen Tag der Erde, sagt das Google-Doodle heute. Klickt mensch auf das animierte Bild, stellen sich noch weitere Gratulanten ein: Das Jemenchamäleon, der Schneeaffe, der Kugelfisch, die Ohrenqualle und der Mistkäfer.  Danke, euch auch einen schönen Tag!DSC_0082

Earth Day? Tag der Erde? In mittlerweile 192 Ländern wird der 22. April als solcher gefeiert oder begangen (mancherorts bereits der 21. März, der „ursprüngliche“ Earth Day). Initiiert wurde dieser Tag von einem demokratischen US-Senator 1969, also in jener Zeit der „Umweltrevolution“ oder „Öko-Wende“, als eine neue Generation meinte, sie seien die Allerersten, die die akute Bedrohung von Natur und Menschheit erkennen, und sich mit bis dahin in der Naturschutzbewegung ungewohnten Mitteln ins Zeug legten – teils die Aktionsformen der 68er-Bewegung übernehmend, teils das „ausgebeutete Proletariat“ gegen die „ausgebeutete Natur“ ersetzend.

Am ersten Earth Day, dem 22. 4. 1970, gingen in Washington 10.000 Teilnehmer_innen auf die Straße und weltweit angeblich 20 Millionen – eine globale Demonstration. „Der Earth Day war in der öffentlichen Wahrnehmung die spektakuläre Ouvertüre zur neuen Öko-Ära“, schreibt der Umwelthistoriker Joachim Radkau in dem empfehlenswerten 800-Seiten-Werk „Die Ära der Ökologie – Eine Weltgeschichte“.

DSC_0272Der erste Earth Day verlief „surprisingly lighthearted“, auch wenn da und dort Politikern tote Fische aus verschmutzten Flüssen unter die Nase gerieben wurden – alle waren dafür, „die Insider, die Outsider, die Exekutive und die Legislative in der Regierung“ (so die New York Times). Obwohl der Tag also ohne Hippie-Habitus und hochoffiziell zelebriert wurde, habe die Euphorie doch an das acht Monate zuvor stattgefundene Woodstock-Festival erinnert, meint Radkau.

Bemerkenswert an der „Ökologischen Revolution“ von 1970 findet der Historiker, dass sie auf keiner bestimmten Umwelt-Katastrophe basierte und „weit mehr vom Intellekt als von der puren Emotion“ bestimmt wurde, mit Wissenschaftlern in den führenden Rollen. Für eine Breitenwirkung auf der Gefühlsebene dürfte in diesen Tagen ironischerweise gerade die Speerspitze der Technikgläubigen gesorgt haben: die Raumfahrt. „Die Raumfahrtfotos gaben dem blauen Planeten mitsamt seiner hauchdünnen Atmosphäre eine sinnliche Realität, ganz anders als der alte Globus aus Pappmaché auf dem Schreibtisch, auch wenn die damalige kleinräumige Ökologie noch weit davon entfernt war, dem Ökosystem der Erde  eine wissenschaftliche Substanz zu geben.“

Statt zu einem Schritt nach vorne in neue Welten, wurde die Raumfahrt also zu jenem Schritt zurück, der zur notwendigen Distanz führt, die eine Selbstbetrachtung ermöglicht: Wir sind in der näheren Unendlichkeit ziemlich allein und haben nur diese eine Erde als Lebensgrundlage. Auch der Zimtkolibri und der Mistkäfer, keine Frage. Das Bewusstsein für eine neue Schicksalsgemeinschaft entwickelte sich, ein vernetztes Denken, eine Verlagerung vom Naturschutz, der sich auf separate Schutzgebiete und einzelne Arten konzentriert, zum Umweltschutz, der die größeren Kreisläufe in der Natur und das Ineinandergreifen all unseres Tuns ins Auge zu fassen versucht, den Schutz der Arten-Vielfalt, der Biodiversität.

Auch wenn das jetzt stark nach einer geraden Abkürzung aussieht, wollen wir hier den Bogen in die Gegenwart wagen, denn immerhin befinden wir uns 2014 noch in der von der UNO ausgerufenen „Dekade der Biodiversität“ und es ist auch der Schutz der Biodiversität, der heute bei vielen Earth-Day-Kundgebungen und -Aussendungen gefordert wird. Nun haben wir aber nicht nur über 40 Jahre die „Grenzen des Wachstums“ vor Augen, sondern auch rund 40 Jahre Neoliberalismus in den Hirnwindungen und auf den Schultern, die Deregulierung der kapitalistischen Wirtschaft samt ihrem Wachstumsdogma. Kein Wunder also, dass aller Rationalität zum Trotz auch im offiziellen Umweltschutz zunehmend „marktbasierte Instrumente“ zum Einsatz kommen, kurzum: dass mensch blauäugig das begrenzte Grün der Natur mit dem unbegrenzten Grün des Geldes gegenrechnet.DSC_0350

„Green Economy“ lautet das neue Blendwort – hinter dessen Fassade es zum einen darum geht, der kapitalistischen Marktstruktur zu mehr Wachstum zu verhelfen (im Grunde eine Fortsetzung des Enclosure-Movement, der „Einhegung“ von Commons), zum anderen, dem Kapitalismus ein akzeptables Mäntelchen umzuhängen. Die Natur könne nur geschützt werden, wenn sie als „Naturkapital“ Eingang in die Kalkulation der Wirtschaft finde, argumentieren die Verfechter der Green Economy, denn es soll keine Welt existieren neben der Welt der Märkte (Amen). „Wenn die Zerstörung der Natur einen Preis erhält, wird sie nur dann geschützt, wenn ihr Schutz billiger ist als ihre Zerstörung“, warnt der Politologe Ulrich Brand in der Broschüre „Schöne Grüne Welt – Über die Mythen der Green Economy“ (hier als PDF zu lesen).

Was ein derartiger Prozess bedeutet, zeigt sich gut an den bisher acht Jahren des EU-Emissionshandels (EU ETS). Hat er sich als ein wirkungsvolles Instrument des Klimaschutzes erwiesen? Mitnichten. Der Preis pro Tonne Treibhausemission ist mittlerweile auf einen Tiefstand gefallen, der verhindert, dass das System noch Anreize für klimaschonende Investitionen schafft. Reform, rufen die einen. Gleich abschaffen, sagt die Klimaexpertin Jutta Kill. Sie sieht hier einen gefährlichen Umbau in der Umweltgesetzgebung, der dazu führt, dass frühere Obergrenzen zu Untergrenzen werden:

„Wenn ich ein anderes Unternehmen irgendwo finde, das unterhalb des Grenzwertes wirtschaftet, kann dieses Unternehmen mir das nicht ausgeschöpfte Verschmutzungspotential verkaufen, und ich kann damit über den Grenzwert hinausgehen, ohne gegen das Gesetz zu verstoßen, weil jemand anders hat sich ja verpflichtet, dementsprechend unterm Grenzwert zu bleiben. (…) Damit wird die Obergrenze faktisch zur Untergrenze.“ (So Jutta Kill in einem Vortrag Anfang April auf der Uni Wien – siehe unten)

Einen ähnlichen Handel sieht nun eine bereits beschlossene Option in der Überarbeitung der EU-Biodiversitäts-Strategie (von 2010) vor: „Ich kann an der einen Stelle Biodiversität verlieren, wenn mir woanders wer verspricht, dass er weniger verliert als er eigentlich geplant hatte.“ So gesehen gibt es dann am nächsten Earth Day vielleicht nicht mehr für alle etwas zu feiern, weil zum Beispiel ein Unternehmen den Lebensraum des Schneeaffen zerstört, weil ein anderes dafür das der Zimtkolibris nicht ganz zerstört.

Hier der Vortrag von Jutta Kill auf Video:

 

 

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