Der Mythos der PILZ-MAFIA 

Vorwort   –   2014 ist ein Pilzjahr!   –   Genügend Feuchtigkeit im Frühjahr, heiße Sommertage und jede Menge Gewitter lassen die Schwammerln sprießen.

Gewitter?! Ja, in Österreich war und ist der Aberglaube weit verbreitet, die Donner (und nicht der Regen) würden die Fruchtkörper in so kurzer Zeit aus dem Boden treiben. Doch bevor ich mich hier auch noch auf den Einfluss des Mondes einlasse, wende ich mich lieber dem der österreichischen Landesbehörden zu, die ihrerseits stark unter einem ganz konkreten Einfluss stehen, unter dem der Jägerlobby. Daher kommt es, dass im letzten Vierteljahrhundert in besagten Amtsstuben immerneue Pilzsammel-Beschränkungen und -Verbote entstanden, die allesamt im krassen Gegensatz zur realen Sammelentwicklung und zu den biologischen Erkenntnissen stehen. Die vorweggenommene Schlussfolgerung: Bei den vermeintlichen Pilzschutzgesetzen handelt es sich schlicht und einfach nur um Jägerschutzgesetze.Pilz-TäublingRussula.emetica.-.lindsey

Zur Sammelentwicklung:

In den 1950er Jahren entstand in Österreich ein professioneller Schwammerlhandel mit zahlreichen Sammelstellen (allein im 2000-Einwohnerinnen zählenden Ort Weitensfeld konkurrierten schließlich 17 Sammelstellen), bei denen Einheimische und Urlaubende ihre Funde gegen Bargeld tauschen konnten (ich habe mir so in den 1970er Jahren mein erstes Fahrrad finanziert!). Ein paar tausend Tonnen Pilze wurden jährlich aus Österreich ins Ausland exportiert. Bis die Ostöffnung diesen heimischen Markt fast zur Gänze zusammenbrechen ließ. Seither kommen auch die Pilze in den österreichischen Supermärkten zum überwiegenden Teil aus Weißrussland, Polen, Lettland und Co. Zudem trug Tschernobyl dazu bei, dass sich sogar eingefleischte Schwammerl-Liebhaberinnen durchgerungen haben, den Eigenbedarf für die nächsten 20.000 Jahre radikal zu reduzieren. Zusammenfassend: Das Pilze-Sammeln ist in Österreich in den letzten zwei, drei Jahrzehnten stark zurückgegangen.

Zu den biologischen Erkenntnissen:

Das Sammeln der Fruchtkörper schadet den Pilzen (Mycelien) nicht, darüber ist sich die Wissenschaft einig. Im Gegenteil, sagen manche Biologinnen, das Pflücken regt die Pilze zur Produktion von mehr Fruchtkörpern an. Mehr dazu im unten stehenden Artikel. Wenn also zum Beispiel das Land Kärnten meint, Steinpilze und Eierschwammerln dadurch zu schützen, dass es deren Besammlung einschränkt (2 kg pro Tag und Person) und ab Beginn der Hirschbrunft (so ein Zufall auch)  ganz verbietet, ist das ein offensichtlicher Unsinn. (Der Kärntner Umweltlandesrat Rolf Holub scheiterte heuer mit seinem Vorschlag, die Sammelzeit in den Oktober auszuweiten). Würden den Kärntner Behörden diese Pilze wirklich am Herz liegen, müssten sie mit Hirn handeln und zum Beispiel die Düngung mit Stickstoff, den Bau neuer Straßen und den Einsatz von schweren Maschinen in den Wäldern verbieten.Sparrige_Schüppling_(Pholiota_squarrosa)

Doch wozu sich auf Fakten und Argumente einlassen, wenn sich die Lüge auch über Emotionen verankern lässt. Die Rede ist von der angeblichen Bedrohung durch Fremde, durch die Feinde von außen, die Schwammerldiebe aus dem jeweiligen Nachbarland, die PILZMAFIA! (Die Ähnlichkeiten zu dem von Behörden und Medien konstruierten Mythos einer „Bettelmafia“ sind uns von der BettelLobby Wien erst vor kurzem bewusst geworden – Eine Art ThemenFusion bot da im Vorjahr die Beschwerde eines französischen Pilzhändlers, der die wetterbedingt schlechte Saison – die betraf etliche Länder Europas – aus Spanien kommenden Roma-Sammlerinnen in die Schuhe schob – Hier der Artikel in der New York Times).

Vor zwölf Jahren habe ich in einem Universum-Magazin-Artikel versucht, diese Pilzmafia in das aufzulösen, was sie nach meinen Recherchen ist: in heiße SommerlochLuft. Vergeblich: Journalistinnen, Behördenvertreter und die Jägerschaft halten dieses Konstrukt weiterhin tapfer aufrecht und so ist traditionsgemäß damit zu rechnen, dass wir in diversen Tageszeitungen und Magazinen in den nächsten Tagen von den italienischen Herrenpilz-Mafiosi, slowenischen Parasol-Partisanen und anderen Pilzdieben zu lesen bekommen.

Viel Vergnügen also bei folgendem Artikel, der über die Jahre an Aktualität leider kaum etwas eingebüßt hat:

 

Die Sammler, die Jäger und die Mafia

Erschienen im Universum Magazin, Oktober 2002

Wenn es um die geliebten Schwammerln geht, verlieren manche auch in Zeiten des Vereinten Europa jeden Sinn für das Gemeinsame.

In den Wäldern sind Dinge, über die nachzudenken man jahrelang im Moos liegen könnte. – Franz Kafka

Zum ersten Mal tauchte die Geschichte am 5. August 1982 auf. Seither erscheint sie jedes Jahr. Pünktlich mitten im Sommerloch. Und so verlautbart die Kronenzeitung auch heuer – aus Jubiläumsgründen genau am 5. August – in fetten Lettern: „Pilz-Mafia plündert unsere Wälder“. Mit erhöhtem Blutdruck liest man weiter: „Sie kommen als Touristen getarnt und plündern Österreichs Wälder – die Handlanger der italienischen Pilz-Mafia. Vor allem für Herrenpilze erzielen die organisierten Banden in ihrer Heimat Höchstpreise.“ Zum Glück steht die Kronenzeitung nicht allein da in diesem Kampf: Besorgte Mitbewerber des Blätterwaldes beteiligen sich regelmäßig an der gefährlichen Aufdeckungsarbeit. Die kreativsten Köpfe werden an die Headline-Front geschickt: Selbst von „Pilz-Brigarden“ (Krone), „Hallimasch-Halunken“ (Kärntner Tageszeitung) und „Parasol-Piraten“ (Ganze Woche) war hier schon die Rede. Doch vergeblich.

DSC_0432 Nichts scheint sich in den letzten 20 Jahren geändert zu haben. Nicht nur die „Überfälle“, ganze Absätze sind gleich geblieben. Sommerloch für Sommerloch „einfallende Horden“, die unsere Wälder „generalstabsmäßig durchkämmen“. Nur die Ausrüstung der „hoch technisierten Pilz-Räuber“ wechselte: von Sprechfunkgräten auf Handys. Allein bei den „Italo-Banden“, die der Krone-Autor dieses Jahr an den Pranger stellt, dürfte es sich um fortschrittsfeindliche Pensionisten gehandelt haben: Sie haben wieder (oder noch immer) Funkgeräte im Einsatz. Doch egal wie es passiert, die Frage, die sich allmählich stellt, lautet: Warum hört es nicht auf? Warum sind wir nicht in der Lage, unsere heimischen Pilze zu schützen? Fehlen die neuen Abfangjäger? Ist unsere Bergwacht zu lasch? Unsere Gendarmerie bestechlich? Oder kann es gar sein, dass wir aus diesem Schlamassel nur deswegen nicht mehr herauskommen, weil es gar nicht existiert?

Wenden wir uns dem Thema schrittweise zu. Schrittweise durch den Wald. Den Pilzsammler erkennt man daran, dass er keine bestimmte Richtung einschlägt. Ununterbrochen schweift sein Blick über den Boden. Plötzlich kriecht er auf allen Vieren durchs dichte Unterholz. Lässt sich das Gesicht von Spinnweben und die Hände von Harz verkleben. Fingert ungeniert in der warmen, weichen Erde. Drei, nein, vier, fünf, sechs Steinpilze! Zwei kleine, drei mittlere, und ein Prachtexemplar, beinahe so groß wie ein Sonnenhut – da spielen die paar Fraßstellen von Schnecken keine Rolle mehr. Der Sammler putzt und zerlegt seinen Fund an Ort und Stelle, der Korb ist voll, der größte anzunehmende Eigenbedarf um ein Mehrfaches gedeckt  – eigentlich könnte er jetzt nach Hause gehen. Er sucht weiter.

Obwohl so ein normaler Speisepilzsammler die halluzinogenen Exemplare links und rechts stehen lässt, gerät er über kurz oder lang in einen Zustand, den man als Rausch bezeichnen kann. Er ignoriert Steilhänge und Kratzer, ohne zu Zögern nimmt er die größten Strapazen auf sich – scheint entrückt von Raum und Zeit. Jeder Fund löst bei ihm Glücksgefühle aus, die sich in einem Supermarkt so nie einstellen. Selbst jemand, der außerhalb des Waldes als rücksichtsvoll und bescheiden gilt, kann als Pilzsammler von der Gier gepackt werden.Pilze- Eierschw.

„Es wird da so ein Ur-Instinkt geweckt, aus den Zeiten, als wir noch Sammler und Jäger waren“, meint Walter Rauch, der Pilzfachmann des Wiener Marktamts. Der Lebensmittelprüfer muss so manchen Schwammerlnarrischen wieder auf den Boden der Nahrungsverträglichkeit herunterholen. Von den Pilzen, die private Sammler dem Marktamt vorlegen (pro Jahr kommt es zu rund 3000 solchen Beratungen), sind gut zehn Prozent giftig, und nicht weniger als die Hälfte verdorben.

„Darauf hab ich in den letzten Tagen schon gewartet“, sagt Hermann Vogelmayr, Mykologe am Botanischen Institut in Wien. Ein Ehepaar aus Langenzersdorf wurde mit Vergiftungssymptomen ins Krankenhaus Korneuburg eingeliefert. Voglmayr untersucht nun die Putzreste der von ihnen verspeisten Pilze. Dass die unter dem Mikroskop tausendfach vergrößerten Sporen in Verbindung mit Jod einen dunkelbläulichen Rand bilden, gibt ihm einen zusätzlichen Beweis: Es war der Grüne Knollenblätterpilz. Er ist der giftigste und heimtückischste aller Pilze und in Österreich für 90 Prozent der Pilztoten verantwortlich. Heimtückisch, weil der milde nussige Geschmack keine bösen Ahnungen aufkommen lässt. Nach cirka vier Stunden geht es los: Durchfall, Erbrechen, Müdigkeit. Danach kann eine kurze Besserung eintreten, doch sie täuscht: Wer sich jetzt noch nicht in ärztlicher Behandlung befindet, ist rettungslos verloren. Im günstigsten Fall stirbt er nach kurzer Zeit an Herzstillstand, im ungünstigeren Fall muss er bei vollem Bewusstsein miterleben, wie sich Niere und Leber in den nächsten zwei Tagen atomisieren. Walter Rauch: „Verwechselt wird der Grüne Knollenblätterpilz hauptsächlich mit dem Graugrünen Täubling, manchmal auch mit dem Parasol.“ Bei Ungewissheit nach dem Mahl empfiehlt der Lebensmittel-Experte einen Viertel Liter warmes Wasser mit zwei Esslöffel Salz zu sich zu nehmen, also sofortiges Erbrechen.

Foto: Friedrich Böhringer

Parasol-Foto: Friedrich Böhringer (Danke!)

Einen Instinkt, der uns vor Grünen Knollenblätterpilzen warnt, scheint es nicht (mehr) zu geben. Doch auch der „Ur-Instinkt“ fürs Pilzesammeln an sich ist nicht allen gegeben. „Die Weltbevölkerung lässt sich in Mykophile und Mykophobe einteilen, also in solche, die Schwammerln lieben, als Speise, Heilmittel oder Droge, und solche, die sie meiden“, erklärt der Pilzhändler Richard Poltnig. Zu den Pilzverächtern zählen die Angelsachsen und die Skandinavier. Als besondere Pilzliebhaber gelten die Slawen und die Romanen. Die jeweilige Haltung ist bereits im Sprachschatz gut erkennbar. So handeln die pilzängstlichen Briten die mykologische Vielfalt in ihren Wäldern und Wiesen mit nur zwei Wörter ab: „Toadstools“ (Krötenschemel) nennen sie alle Pilze außer den langweiligen Champignons, denen sie als „Mushrooms“ ausnahmsweise ein Plätzchen auf ihrem Toast gewähren. In Russland hingegen gibt es nicht weniger als 5000 Bezeichnungen für Pilze. Dort werden auch Pilze verspeist oder durch Fermentierung essbar gemacht, die bei uns als giftig oder ungenießbar gelten, z. B. verschiedene Milchlinge.

War da ein ungewöhnliches Geräusch zu hören? Das Knacken eines Zweiges? Der Sammler hält inne. Horcht. Schaut sich um. Blinkt da ein weißer Hemdkragen durch die Bäume? Ist ein Konkurrent in der Nähe? Was will der hier, in meinem Wald? fragt sich der Sammler. Hat der nichts Wichtigeres zu tun? Ist es einer dieser Italiener, von denen die Zeitung immer schreibt? Oder ein Förster, der überprüfen will, ob wohl nicht mehr als zwei Kilo im Pilzkorb liegen? Oder gar ein Jäger? – Höchste Vorsicht ist angebracht.

In Bezug auf das Pilzesammeln ist zwar oft von „Jagdeifer“ und „Pirsch“ die Rede, doch damit ist die Nähe zu den wirklichen Jägern auch schon erschöpft. Vor allem in seinem Revier ist der Jäger ganz strikt gegen zu große Nähe. „Die Sammler vertreiben das Wild, da ist es natürlich verständlich, dass sich einige Jäger ärgern“, erklärte der Kärntner Landesjägermeister Dietrich Senitza einmal, als er strengere Sammelbeschränkungen forderte. Seine weitere Argumentation klingt Pilzfreunden wie eine Drohung im Ohr: „Denn es ist natürlich gefährlich, wenn die Jäger unterwegs sind, und so ein Sammler krabbelt da irgendwo im Dickicht herum, und der Jäger schießt gerade auf ein passendes Stück Wild. Der Schuss kann ja unter Umständen vorbeigehen oder durchs Wild durchgehen.“ Ergänzend sei angemerkt: So mancher Pilzsammler und Mountainbiker hat in den letzten Jahren eine solche Schussverletzung abbekommen, obwohl da weit und breit kein Wild in der Nähe war.

Die Jäger sind arm: Ihre Zahl nimmt beständig zu, während die Reviere nicht größer werden. Die Jäger sind mächtig: Viele von ihnen kommen aus der sozialen Oberschicht, ihre Lobby hat großen Einfluss. Zum Beispiel auf die Gesetzgebung. Laut Forstgesetz dürfen in Österreich pro Person und Tag nicht mehr als zwei Kilo Pilze gesammelt werden. In Kärnten, Salzburg und Tirol sind seit den 1980er Jahren zusätzliche „Pilzverordnungen“ in Kraft, die Sammelzeiten und –kontingente einschränken. Die strengste Regelung gilt in Tirol, wo die Schwammerlernte nur an geraden Tagen erlaubt ist und pro Kopf nicht mehr als einen Kilo ausmachen darf. Die Bergwacht beschlagnahmt dort so viele Pilze, dass es in den Altersheimen, an welche die konfiszierte Beute verschenkt wird, schon zu offenen Protesten gegen das tägliche Schwammerlgulasch kam.pilze Fliegenpilz

Auf dem Papier sind die Pilzverordnungen damit begründet, dass die Pilze gefährdet seien und ihnen ein intensives Besammeln der Fruchtkörper schade. In Gesprächen wird versichert, es gehe vor allem darum, dem „gewerbsmäßigen“ Sammlern einen Riegel vorzuschieben, den „Profis“, in erster Linie diesen „generalstabsmäßig mit Sprechfunkgeräten unsere Wälder durchkämmenden Horden von Italienern“. Doch schön der Reihe nach:

Sind die Pilze gefährdet, gar vorm Aussterben bedroht? Wer heuer durch die Wälder streift, wird wohl kaum auf diesen Gedanken kommen: Regen und Wärme ließen Steinpilze und Knollenblätterpilze sprießen wie schon lange nicht mehr. Es gibt gute und schlechte Jahre, konstatieren erfahrene Sammler nüchtern. „Wissenschaftlich gesehen gibt es keine fundierten Untersuchungen, die für einen dramatischen Rückgang sprechen“, erklärt Hermann Vogelmayr. „Bei einzelnen Arten ist ein Rückgang zu beobachten, wobei verschiedene Faktoren eine Rolle spielen: Änderung des Lokalklimas, Art der forstwirtschaftlichen Bewirtschaftung, Luftverschmutzung und saurer Regen.“ Aber auch der Naturschutz kann ein „Zurückstutzen“ bewirken: Dort, wo – „naturnah“ – Totholz im Wald liegen bleibt, steht den Eierschwammerln, die gerne auf sauberem Moosgrund wachsen, weniger Platz zur Verfügung. Genauere Erkenntnisse über Vorkommen, Zu- und Abnahmen diverser Arten erhofft sich die Österreichische Mykologische Gesellschaft vom Projekt einer langfristigen Kartierung, wo Fundmeldungen über die Jahre eingegeben werden.

Pilz auf franz. WappenSchadet das Sammeln der Fruchtkörper den Pilzen? Nein. Darüber sind sich die Biologen einig. Wissenschaftliche Untersuchungen aus der Schweiz bestätigen es: Die Myzelien werden beim „Pflücken“ weder verletzt noch zertrampelt. „Es gibt sogar experimentelle Angaben, wodurch Pilzmyzelien durch Wegsammeln der Fruchtkörper zur Bildung weiterer angeregt wurden, sodass die Pilzproduktion auf den besammelten Versuchsflächen höher war, als auf den nichtbesammelten“, stellt Wolfgang Holzner von der Wiener Universität für Bodenkultur in einem diesbezüglichen Gutachten fest. Sammelverbote sind also keine einleuchtenden Pilzschutz-Maßnahmen. Ebensowenig nützt es den Schwammerln, wenn sie am frühen Morgen und abends und ab Beginn der Hirschbrunft nicht geerntet werden dürfen. „Womit schließlich klipp und klar gesagt werden muss, dass bei derartigen Regelungen die Jäger unter Naturschutz gestellt werden und nicht die Pilze“, so Holzner.

pilze wappnUnd das erwerbsmäßige Sammeln? Pilzhändler Poltnig schüttelt den Kopf und lacht. Österreich hat zwar eine große Tradition im Pilzhandel, die österreichischen Pilze aber können am globalisierten Markt schon lange nicht mehr mithalten. „Vor 20 Jahren hat ein Pflücker für ein Kilo Eierschwammerl an der Sammelstelle 100 Schilling bekommen, heute können wir ihm nur noch ein Fünftel bezahlen.“ Die logische Folge: Es gibt kaum noch Leute, die sich etwas durch Pilzsammeln dazuverdienen. „Die Jungen pflücken überhaupt nicht mehr. Und unsere sechs, sieben Schwammerlbrocker sind 50 und darüber, das biologische Ende dieses Erwerbszweiges ist leicht absehbar.“ Früher unterhielt Poltnig im Kärntner Metnitztal 30 Sammelstellen, heute gibt es nur noch eine einzige – aus Nostalgie, sagt er. (Mittlerweile gibt es keine mehr)

Der Preisverfall kam mit der Ostöffnung. Der Verkaufspreis für ein Kilo Eierschwammerln sank allmählich von 12 Euro auf 3 Euro. Heute importiert Österreich rund 1700 Tonnen wildwachsende Pilze aus den ehemaligen Ostblockländern, wovon 1000 Tonnen weiterverkauft werden: nach Italien, Frankreich, Deutschland und in die Schweiz. An heimischen Pilzen werden noch rund 100 Tonnen exportiert. Der deutsche Markt wird hauptsächlich von Polen gesättigt, der französische recht erfolgreich von den baltischen Ländern bearbeitet. Heuer sorgten Hitze und Trockenheit für einen pilzarmen Sommer in Ostpolen, Litauen, Lettland, Weißrussland und Russland. Es hätte ein Goldjahr für Richard Poltnig werden können, wären die Sammler, Sammelstellen und Fahrzeuge aus längst vergangen Jahren noch im Einsatz gewesen.

Pilze wappenBleiben noch die „Pilz-Mafiosi“ und die „Höchstpreise“, die sie in Italien mit ihrer Beute erzielen. Gewiss, die Italiener sind schwammerlnarrisch und wenn sie in Österreich pflücken, ergeht es ihnen wie den heimischen Sammlern: Die Leidenschaft ist nicht immer beim Sammelstand von zwei Kilo erlöscht. Dem hinzuzufügen ist, dass die Italiener gerne auch Pilze pflücken und verspeisen, die der österreichische Normalverbraucher nicht einmal eines Blickes würdigt. Und: Dass etliche dieser Sammler als Urlaubsgäste ein, zwei Wochen in Österreich verbringen. Nicht so viele wie möglich: Durch diverse Sammelverbote und Strafen in den letzten fünfzehn Jahren sind die meisten „Schwammerlurlauber“ längst nach Tschechien weitergezogen.

Die „technisch gut ausgerüsteten Horden“ haben die vom Autor befragten Leute der Bergwacht noch nie mit eigenen Augen gesehen. Auch die beschlagnahmten Mengen, die in den Tageszeitungen kolportiert werden, lösen sich bei genauerem Hinsehen oft in Luft auf. Poltnig: „Einmal stand in der Kleinen Zeitung, dass die Kärntner Zöllner 1200 Kilo Pilze beschlagnahmt haben. Ich hab dann dort angerufen, um es abzukaufen bevor es verdirbt. Da hat sich herausgestellt, dass es nur 86 Kilo waren und die schon einem Altersheim geschenkt wurden.“

Den Pilzhändler wundert das wenig. Für ein „professionelles“ Sammeln sind die Ausflüge und Urlaube der mykophilen Italiener uninteressant. Italien bezieht seine Funghi billig aus Kroatien und Serbien, unterhält eigene Fabriken in den pilzreichen Karpaten. Die Preise für die Waldfrüchte sind in der Regel niedriger als bei uns. „Mit den fünf Euro für ein Kilo Steinpilze haben wir heuer keine Chance gehabt, weil es in Italien nur drei Euro gekostet hat.“ Wie sich die „Höchstpreise“ in unseren Tageszeitungen all die Jahre halten konnten – heuer veranschlagte die Krone „bis zu 100 Euro“ für ein Kilo Herrenpilze bei unserem Nachbarn  – bleibt ein Rätsel aus dem dunklen, geheimnisvollen Blätterwald der Österreicher.

Peter A. Krobath

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