IMPERIALE LEBENSWEISE

Ulrich Brand und Markus Wissen bringen in ihrem vor kurzem erschienenen Buch einen neuen Begriff und mit ihm eine neue Perspektive in die Diskussion über den globalen Kapitalismus und seine Auswirkungen: die IMPERIALE LEBENSWEISE.

Die Rede ist dabei von einer Lebensweise auf Kosten der anderen, auf Kosten der sozialen und ökologischen Ressourcen anderswo: In Gestalt von CO2, das bei der Herstellung der Konsumgüter für den globalen Norden emittiert und von den Ökosystemen der Südhalbkugel absorbiert wird; in Gestalt von metallischen Rohstoffen aus dem globalen Süden für die Digitalisierung im globalen Norden; in Gestalt von Arbeitskräften im globalen Süden, die bei der Extraktion von Mineralien und Metallen arbeiten, Elektroschrott recyceln, auf pestizidverseuchten Plantagen schuften etc.

Wobei die imperiale Lebensweise nicht nur verschärfend auf Krisenphänomene wie Klimawandel, Vernichtung von Ökosystemen, die soziale Polarisierung und die Zerstörung lokaler Ökonomien einwirkt, sondern als eine Art Kompromiss zwischen den Interessen der Herrschenden und den Forderungen und Konsumwünschen der Subalternen derart attraktiv und erfolgreich ist, dass sie derzeit im Begriff steht, sich selbst zu Tode zu siegen. Denn:

Die imperiale Lebensweise beruht auf Exklusivität, sie kann sich nur so lange erhalten, wie sie über ein Außen verfügt, auf das sie ihre Kosten verlagern kann. Dieses Außen schwindet jedoch, denn immer mehr Ökonomien greifen darauf zu, und immer weniger Menschen sind bereit oder in der Lage, die Kosten von Externalisierungsprozessen zu tragen.Was zum Beispiel die Abschottungs- und Ausgrenzungspolitik der EU und anderer kapitalistischer Machtzentren als einen Versuch begreifbar macht, diese imperiale Lebensweise exklusiv zu stabilisieren. Unddamit bringen die diese Politik exekutierenden Kräfte, die sich in der Regel selbst als ‚bürgerliche Mitte‘ etikettieren, genau das hervor, was sie als ihren Widerpart begreifen: autoritäre, rassistische und nationalistische Bestrebungen.

Eingrüner Konsum, eingrüner Kapitalismuskann uns aus dieser Welt der Ungleichheit und Zerstörung nicht retten, siehe „Rebound-Effekt“: Ein solcher liegt zum Beispiel vor, wenn eine höhere Öko-Effizienz durch einen höheren Verbrauch überkompensiert wird. Also wenn zum Beispiel Elektro-Autos häufiger gefahren werden, „weil mit der Effizienzsteigerung die Verbrauchskosten gesunken sind, oder wenn das beim Autofahren eingesparte Geld in Flugreisen gesteckt wird, dann resultiert daraus insgesamt ein Mehr statt ein Weniger an Umweltbelastung.“ Der „imperialen Automobilität“ ist übrigens ein eigenes kenntnisreiches Kapitel gewidmet, mit besonderem Augenmerk auf den aktuellen SUV-Boom.

Die ökologische Modernisierung der Wirtschaft bringt unter kapitalistischen Vorzeichen Verblendung, Greenwashing, Schönfärberei. Laut Ulrich Brand und Markus Wissen braucht es also tiefgreifendere Veränderungen: „Eine solidarische Lebensweise ist nicht mit hehren politischen Statements oder besserer Technologie zu erreichen, sondern nur als Neuorganisierung der Gesellschaft durch ganz andere Formen des Zusammenlebens.“ Eines Zusammenlebens, das nicht auf der Prekarisierung vieler oder auch nur einiger Menschen und der gesellschaftlichen Naturverhältnisse beruht.

Hier der Beipackzettel von der Apotheke „Zum Guten Leben Für Alle“: Der Begriff der Imperialen Lebensweise und das gleichnamige Buch können helfen, sich der oft versteckten sozialen Ungerechtigkeiten und ökologischen Zerstörungen des globalen Kapitalismus bewusst zu werden und emanzipatorische Alternativen zu stärken.

Zum Buch:

Ulrich Brand, Markus Wissen, IMPERIALE LEBENSWEISE – Zur Ausbeutung von Menschen und Natur im globalen Kapitalismus, oekom Verlag, München 2017, ISBN-13: 978-3-86581-843-0, https://www.oekom.de/nc/buecher/gesamtprogramm/buch/imperiale-lebensweise.html

Hier eine Buchbesprechung der Frankfurter Rundschau: http://www.fr.de/kultur/literatur/gesellschaft-im-suv-zum-biobauern-a-1282006

Zur Veranstaltung

Wie imperial leben wir? Über nachhaltige Entwicklung, globalen Kapitalismus und Transformation“
9. Mai 2017, 18:30 Uhr, Wirtschaftsuniversität Wien, Gebäude LC, Clubraum, Welthandelsplatz 1, 1020 Wien

Ulrich Brand, Professor für Internationale Politik an der Universität Wien, stellt die zentralen Thesen des Textes an diesem Abend vor. Anschließend diskutiert er mit dem Publikum und dem Podium: Ingolfur Blühdorn (WU-Institut für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit), Beate Littig (Institut für Höhere Studien) und Verena Madner (WU-Forschungsinstitut für Urban Management und Governance).

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