Ein Käfig ging einen Vogel suchen

„Urban Commons“- WienWoche – Kuserutzky Klan – Nachtrag 2 (zu Justizanstalt Josefstadt)

Der Satz aus der Überschrift stammt von Franz Kafka, ein Aphorismus aus dem Nachlass, ein gleitendes Paradox. Er steht in Gold auf einem der beiden Obstbaumtröge, die wir vorm Eingang der Justizanstalt Josefstadt aufgestellt haben. Über diesen rätselhaften Satz lässt sich andernorts lange nachdenken, hier legt er einem recht schnell eine konkrete Interpretation nahe: Gefängnisse erzeugen Gefangene.

Doch wenden wir uns zunächst der Obstbaum-Pflanzaktion zu, die uns nicht ins, aber vors Gefängnis brachte. Der ursprüngliche Plan für die erste Aktion sah vor, sechs Bäume auf der Wiese des Ostarrichi-Parks und zwei bis vier Bäume im Hof der Justizanstalt zu pflanzen, also eine von dicken Mauern unterbrochene Obstbaum-Allee zwischen Nationalbank und Gefängnis. Manche sahen darin eine Promenade, welche Banker auf direktestem Wege hinter Gitter führen sollte. Das wollten wir nicht: Das Falsche bleibt falsch, auch wenn es die Richtigen trifft.

Es ging uns in erster Linie darum, diesen Ort sichtbar zu machen: Nur wenige Wienerinnen und Wiener wissen, dass sich hinter den Mauern des Landesgerichts, also mitten in der Stadt, im bürgerlichen Bezirk Josefstadt, das größte Gefängnis Österreichs versteckt, das legendäre Landl, gedacht für 900, bevölkert von rund 1.200 Häftlingen –  in erster Linie arme Menschen und Migranten.

„Das Graue Haus der Lüge“ nannte es Robert Sommer in seinem Impulsreferat am 22. September, denn die Ziele des Staates in Bezug auf den Strafvollzug – Strafen, Erziehen und Wiedergutmachen – waren von Anfang an (in diesem Fall seit 1839) nur Rhetorik. Schon damals wusste man: Haftstrafen schaffen durch ihren repressiven und stigmatisierenden Charakter oftmals gerade die Devianz, die sie verhindern sollten. Und wer die wissenschaftlichen Erkenntnisse von heute ernst nähme, müsste das System Gefängnis schrittweise, aber ab sofort, durch das System vermittelnder Zivilgesellschaftsmitglieder mit Vertrauensvorschuss ersetzen, fordert Sommer.

In seiner Rede erinnerte der Augustin-Redakteur an SPÖ-Justizminister Broda, der in den 1980er Jahren von einer gefängnislosen Gesellschaft träumte – einer Utopie, die nach ihm kein Politiker mehr in den Mund nahm. Doch warum Utopie? „Alternativen zum Strafvollzug sind praxiserprobt. Der ATA, der außergerichtliche Tatausgleich, könnte sofort zum Standard des Umgangs mit Gesetzesübertretungen werden. Das Gros der Inhaftierten sind Leute mit Suchtgiftdelikten und Eigentumsdelikten.“ Ein bedingungsloses Grundeinkommen und ein Aufheben der dummen Prohibitionspolitik würde da schon die meisten Zellen leeren. Und die von Gefängnis-Verteidigern gern angeführten Amokläufer sind vor ihrer Tat in der Regel unbescholten, die Gefängnisse haben also keine Chance, Amokhandlungen zu verhindern. „Sie sind immer Protestaktionen von entwürdigten, gedemütigten Menschen. Eine Welt ohne Systeme der Demütigung würden den Begriff Amok nicht kennen“, so Sommer. ( – Mehr darüber und zu anderen Formen der Repression und Exklusion im österreichischen Alltag kann mensch in Robert Sommers empfehlenswerten Buch „Wie bleibt der Rand am Rand“ erfahren)

   Zurück zur Aktion. Wir wollten also Obstbäume im Gefängnishof pflanzen, gemeinsam mit Häftlingen, die sich auch danach um die Bäume kümmern sollten. Wir schickten diesen Wunsch per Mausklick an die Gefängnisleitung – wobei wir damit rechneten, nicht ernst genommen und ignoriert zu werden. Dann kam die Antwort der Gefängnisdirektorin Helene Pigl:

„Ich finde Ihren Wunsch, Obstbäume in der Justizanstalt pflanzen zu wollen, nicht ungewöhnlich. Einerseits bin auch ich Hobbygärtnerin und liebe Bäume und Pflanzen, andererseits mag ich ausgefallene Ideen. Danke dafür. In den Höfen selbst wird es jedoch aus mehreren Gründen nicht möglich sein, die Bäume zu setzen, auch nicht in Trögen. Der Grund ist nicht nur, dass der Boden nicht dafür geeignet ist, auch gibt es nicht ausreichend Licht. Die Höfe sind zu eng und dunkel.“

So sehr uns die grundsätzlich positive Aufnahme unseres Anliegens freute, der hier angeführte Grund hinterließ ein beklemmendes Gefühl: Die Höfe sind zu eng und dunkel. Gefängnishöfe, die nicht ausreichend Licht für Pflanzen bekommen, aber für die halbe Stunde Freigang der dort festgehaltenen Menschen akzeptabel erscheinen!

Schließlich folgte in dem Mail noch das sicherheitstechnische Bedenken, dass die Bäume den Überwachungskamera-Augen den Blick auf das eine oder andere Haftraumfenster verstellen könnten. Also bot uns die Gefängnisdirektorin eine Alternative: Die Pflanzung von Bäumen in ausreichend großen Trögen vor dem Anstalts-Eingang in der Wickenburggasse. Da es die einzige wenigstens halbpositive Antwort auf all unsere Anfragen bezüglich dieser Aktion war, sagten wir kurzerhand zu. Erst in den Tagen danach kamen uns Bedenken. Die Obstbäume vor dem Gefängnis könnten zur Behübschung desselben beitragen. So beschlossen wir, dass in diesem Fall weniger die Bäume als die Tröge als Medium dienen sollten:

Auf den einen Trog schrieben wir „Ich habe gestohlen um gut zu sein“, einen Satz aus dem Werk des Gefängnis-Schriftstellers Jean Genets, der seinen ersten Roman auf Packpapier schrieb, das zum Tütenkleben bestimmt war. Die Wahl fiel auf diesen Satz, weil er sich radikal auf die Seite der Häftlinge stellt, weil er bezeichnend ist für den großen poetischen Meister der Umkehrung des offiziellen Moral- und Wertesystems, und natürlich auch weil er kurz ist.

Auf den anderen Trog schrieben wir, wie oben berichtet, Kafkas Aphorismus „Ein Käfig ging einen Vogel suchen“.

Sehnt sich ein leeres Gefängnis nach Insassen?

Brauchen wir die Gefängnisse, um den 3.630 Justizwachebeamten eine Vollbeschäftigung zu bieten?

Wir jedenfalls sehnen uns nach einer sonnenbestrahlten Freifläche anstelle der Justizanstalt Josefstadt.

Und nicht nur wir.

Auf einer benachbarten Hauswand haben es andere folgend gesprayt: „Knäste zu Baulücken!“

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One Response to “Ein Käfig ging einen Vogel suchen”
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  1. […] Kräutern für alle vors Amtsgebäude stellt – jene ÖVP, die sich ein Jahr davor über unsere Obstbäume vorm Gefängnis echauffiert hat. Oder wenn die Stadtregierung, die mit Grundstücken und Genehmigungen für […]



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